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„Wir müssen besser, erfolgreicher werden“

Interview mit LSB-Chef Rawe „Wir müssen besser, erfolgreicher werden“

Der Vorstandschef des Landessportbundes, Reinhard Rawe, will mehr Geld für den Spitzensport – und die besten Athleten an Standorten konzentrieren. Ein Interview mit HAZ-Sportchef Heiko Rehberg.

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„Wir werden uns finanziell anders orientieren müssen“: LSB-Vorstandschef Reinhard Rawe.

Hannover. Herr Rawe, lassen Sie uns über Geld reden. 153 Millionen Euro an Steuergeldern steckte das für den Sport zuständige Bundesministerium des Inneren im vergangenen Jahr in den Spitzensport. Dazu kommen noch Personal- und Sachleistungen in zweistelliger Millionenhöhe für Athleten und Trainer der Sportfördergruppen von Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll. Warum braucht der Leistungssport in Zukunft dennoch mehr Geld?

Wenn man sich im internationalen Wettstreit befindet, und wir reden da nicht über Bezirks- und Landesmeisterschaften, sondern darüber, dass unsere Spitzenathletinnen und Spitzenathleten bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen ganz weit vorn mit dabei sein sollen, dann ist ein langfristiger Leistungsaufbau in verschiedensten Sportarten über zehn bis 15 Jahre nötig - und das kostet sehr viel Geld.

Klingt verdammt lang.

Sie werden im Kunstturnen oder beim Rudern höchst selten ein Talent entdecken, das mal so „by the way“ kommt. Sie müssen Spitzensportler systematisch und strategisch begleiten. Dazu brauchen sie entsprechende Sportanlagen, Trainer und ein sportwissenschaftliches Umfeld. Dazu kommen Bildungskooperationen mit Schulen und Hochschulen, um die duale Karriere abzusichern. Denn die meisten Sportler werden nicht von ihrem Sport leben können. Spitzensport ist zeitlich, personell und finanziell aufwendig. Und man braucht Internats-Strukturen, weil es nicht überall für jede Sportart Sportstätten gibt. Außerdem kann man zum Beispiel beim Judo oder Kunstturnen einen Trainer nicht mit 25 Spitzensportlern arbeiten lassen. Für Spitzensporttraining sind mehr Trainer nötig. Wie gesagt: Ein enorm großer Aufwand im Wettstreit mit 200 Ländern dieser Welt - und zum Schluss gibt es nur eine Goldmedaille.

Am Ende landet man beim Thema Geld.

Natürlich. Das alles kostet sehr viel Geld. Der Bund gibt einen großen Teil, die Länder für die Nachwuchsförderung auch. Zudem engagieren sich viele Unternehmen auch in Niedersachsen als Sponsoren. Aber im Ergebnis reicht es leider nicht. Nehmen wir das Beispiel Großbritannien bei den Olympischen Spielen 2012: Die Briten haben vor 15 Jahren massiv in den Leistungssport investiert, die Förderung gebündelt und auf bestimmte Sportarten konzentriert. Das Ergebnis konnte man sehen: Der Gastgeber belegte im Medaillenspiegel hinter den USA und China Platz drei. Wenn wir diesen Erfolg auch haben wollen, dann werden wir uns finanziell anders orientieren müssen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat mehr Erträge gefordert und eine Reform des komplizierten Systems der Spitzensportförderung.

Die Formel „Gleiches Geld, aber ein Drittel Medaillen mehr“, die in den Medien die Runde machte, ist eine völlige Überinterpretation. Was Minister de Maizière aber gesagt hat: Bevor wir über mehr Geld reden, reden wir erst einmal über die Strukturen im deutschen Spitzensport. Da reden wir über eine Straffung, und das halte ich auch für richtig.

Reden ist prima. Aber wie sieht das Handeln aus?

Es gibt derzeit acht kleine, effiziente Arbeitsgruppen. In der AG Nachwuchsleistungssport arbeite ich mit, denn die Förderung des Nachwuchsleistungssports ist unsere Aufgabe in den Landessportbünden. Als Träger von Olympiastützpunkt und Sportinternat kennen wir uns mit den notwendigen Förderstrukturen sehr gut aus. Aktuell sind rund 60 Personen in Deutschland in Arbeitsgruppen damit befasst zu analysieren: Wie sind wir strukturiert? Veränderungen sind in einem föderalen System mit 16 Bundesländern schwierig. Wir haben mehr als 30 olympische Spitzenverbände, 19 Olympiastützpunkte, unterschiedliche Trägerschaftsmodelle bei Stützpunkten und Sportstätten: Das alles so zu konzentrieren, zu bündeln und in eine neue Form zu gießen, wie man sich das idealtypisch vorstellt, ist nicht einfach. Uns stellt ja keiner ein weißes Blatt zur Verfügung und sagt: Schreibt die Ideallösung auf. Wir müssen höchst unterschiedliche Interessen berücksichtigen.

Ist eine solche Reform in Deutschland in einem sensiblen Bereich wie der Sportförderung denn überhaupt möglich?

Wir müssen das System neu strukturieren mit dem Ziel, dass wir besser, effizienter, erfolgreicher werden. Ich bin mir sicher, dass das grundsätzlich geht. Der DOSB hat die Grundlagen und Notwendigkeiten richtig beschrieben, aber zum Schluss wird man feststellen, dass die Umsetzung mit den jetzigen finanziellen Rahmenbedingungen nicht gehen wird.

Inwieweit ist auch der LSB Niedersachsen davon betroffen?

Auf Landesebene betrifft uns das genauso. Aktuell diskutieren wir zum Beispiel mit der Stadt, dem Land und dem Bund über einen Umbau des Sportleistungszentrums Hannover.

Können Sie mehr Beispiele nennen?

Wir haben in Deutschland weit mehr als 200 Bundestützpunkte, das sind die Zentren der einzelnen Sportarten. Diese Zahl wird ab 2017 reduziert. Künftig werden die Spitzenverbände erklären müssen: Wo ist mein Schwerpunktstandort. Wir werden Spitzensportler noch stärker als bisher an den vorhandenen Sportstätten und Stützpunkten konzentrieren müssen. Diese Konzentrationsbewegung gibt es schon und sie wird sich fortsetzen. Wenn wir das nicht wollen, werden wir in einzelnen Sportarten eben nicht erfolgreich sein.

Was bedeutet das für die Sportler?

Jeder Athlet, der international erfolgreich sein will, wird sich fragen müssen: Bin ich bereit, meinen aktuellen Wohnort zu verlassen? Aber das ist nicht neu: Die Jugendlichen, die beim LSB im Internat sind, haben für sich diese Entscheidung bereits getroffen. Wer Tischtennisspieler oder Schwimmer oder Leichtathlet ist und ein Talent, wird es im weiten Land Niedersachsen nur begrenzt zu einem international erfolgreichen Sportler bringen können. Er müsste Training und Schule mit seinen Eltern im Wesentlichen allein organisieren. In Hannover sichern wir diese Strukturen über das lokale Verbundsystem Eliteschule des Sports mit den Trainingsstätten am Sportleistungszentrum und dem Olympiastützpunkt ab. Das ist für die Talente einfacher, sie können sich ganz auf ihre Trainings- und Schulalltag konzentrieren.

Das bedeutet: Ohne ideale Voraussetzungen keine Medaillen?

Die Sportler müssen über den langen Zeitraum von zehn bis 15 Jahren bis zu 20, 25, in Ausnahmefällen sogar 30 Zeitstunden pro Woche trainieren. Wenn sie das nicht wollen und die Voraussetzungen dafür nicht gegeben sind, wird keiner ganz vorn landen. Wir möchten denen, die diesen Weg gehen wollen und können, die notwendigen Voraussetzungen bieten.

„Manche Vereine sind kleinere Unternehmen“

Herr Rawe, der LSB Niedersachsen hat sich ein neues Führungs- und Gremienstrukturmodell verpasst. Das klingt für viele nicht besonders spannend, ist aber in der Sportpolitik etwas Besonderes.

Ja, wir haben uns diese neue Struktur zweieinhalb Jahre lang intensiv erarbeitet. Wir heißt in diesem Fall: die ehrenamtlichen Gremien des niedersächsischen Sports. Bis November 2014 hatten wir ein ehrenamtlich besetztes Präsidium und einen hauptberuflichen Direktor, der Mitglied des Präsidiums war. Darüber hinaus hatten wir viele Gremien und Ausschüsse. Nach einem langen Diskussionsprozess war allen Beteiligten klar: Der LSB ist mit 200 hauptberuflich Beschäftigten, mit großen Immobilienwerten in Hannover, Clausthal-Zellerfeld und auf Langeoog und einem 50-Millionen-Haushalt von einem ehrenamtlichen Präsidium, das für alle Entscheidungen auch haftet, nicht zu leiten.

Das Ergebnis der Schlussfolgerung hat schnell Nachahmer gefunden.

Wir sind schon ein wenig stolz darauf, dass der DOSB unser Modell in wesentlichen Teilen übernommen hat. Es gibt in Niedersachsen jetzt einen hauptberuflichen Vorstand, einen Vorstandsvorsitzenden und mit Norbert Engelhardt einen stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden und ein Präsidium mit Wolf-Rüdiger Umbach an der Spitze. Dieses hat eine Aufsichtsfunktion, bestellt den Vorstand und kann ihn auch wieder abberufen. Das Präsidium legt die politische Zielrichtung des LSB fest. Der LSB hat sich stark einem Modell angenähert, das man aus der Wirtschaft kennt.

Wie fällt Ihr erstes Fazit aus?

Die erste Bilanz fällt positiv aus. Wir haben deutlich weniger Gremien und schlankere Entscheidungswege. Alles ist auf einem guten Weg. Hier und da müssen wir noch etwas nachjustieren und die Landesfachverbände und Sportbünde noch stärker einbeziehen. Wir lernen aktuell von- und miteinander.

DOSB-Chef Alfons Hörmann hat vor einem Monat in Hannover gefordert: Wo Ehrenamt draufsteht, muss auch Ehrenamt drin sein. Wie ist das beim LSB?

Im LSB erhält das Präsidium eine Aufwandsentschädigung, die den materiellen und zeitlichen Aufwand berücksichtigt. Der Präsident erhält 700 Euro im Monat, die übrigen Präsidiumsmitglieder bekommen 400 Euro, die jeder versteuern muss. Die Höhe der Aufwandsentschädigung ist vom Landessporttag beschlossen worden. Einzelheiten werden wir demnächst in einem Interessenregister auf der LSB-Homepage für jeden zugänglich veröffentlichen. Transparenter kann man nicht agieren. Die Ehrenamtlichen bilden das Kerngerüst des organisierten Sports, das wird und soll so bleiben. Aber die hauptberufliche Struktur muss landesweit so organisiert sein, dass Ehrenamt ermöglicht und unterstützt wird.

Ist das Modell mit einem hauptberuflichen Vorstand auch etwas für die Vereine?

Von einer bestimmten Mitgliederzahl und entsprechendem Finanzvolumen an wird man sich damit beschäftigen müssen. Vereine wie der TKH oder der ?MTV Wolfenbüttel oder ASC Göttingen haben diese Modelle schon. Das sind kleinere Unternehmen, die nicht nebenbei geführt werden können.

hr

 

Zur Person

Reinhard Rawe, geboren 1958 im Landkreis Osnabrück, hat in Hannover Sportwissenschaft, Politikwissenschaft und Germanistik studiert. Er ist seit 1983 beim Landessportbund Niedersachsen (LSB) beschäftigt, wurde 1989 Geschäftsführer, hat ab 1998 als Direktor die Geschäftsstelle geleitet und ist seit 2014 der erste hauptberufliche Vorstandsvorsitzende des LSB. Rawe wohnt mit seiner Frau in Bissendorf (Wedemark) und hat zwei erwachsene Söhne und ist ein leidenschaftlicher und guter Läufer.

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