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„So willst du nicht aufhören!“

Interview mit Felix Sturm „So willst du nicht aufhören!“

Felix Sturm kann Sonnabend Boxgeschichte schreiben – wenn er zum fünften Mal Weltmeister wird. Ein intimes Gespräch über Niederlagen, seinen Glauben und seine Lebensretterin.

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„ALL-4-MOM“: Vor seinen Kämpfen trägt Boxer Felix Sturm stets den Spruch „Alles für Mama“ auf der Stirn.

Quelle: Fredrik Von Erichsen

Wenn Felix Sturm Samstagabend in Oberhausen seinen Rückkampf gegen den Russen Fjodor Tschudinow gewinnt, ist er der erste deutsche Boxer, der es geschafft hat, fünfmal Weltmeister zu werden. Ein Rekord für die Ewigkeit - aber auch ein Rekord, der einen Makel in sich trägt, den Makel, dass Sturm in seiner langen Karriere auch immer wieder seine WM-Titel verloren hat … 

37 Jahre alt ist der Super-Mittelgewichtler, seit 15 Jahren im Profigeschäft - und eigentlich hätte der Leverkusener vor knapp einem Jahr die Boxhandschuhe am liebsten in die Ecke gefeuert. Frustriert, voller Selbstzweifel nach seiner Niederlage gegen besagten Tschudinow am 9. Mai 2015 und dem damit verbundenen Verlust seines WBA-Weltmeister-Gürtels. „Ich war völlig platt“, sagt Sturm. „Es lief rein gar nichts. Irgendwann habe ich mich dann neu motiviert und mir gesagt: So willst du nicht aufhören.“

Felix Sturm schaut aus dem Fenster eines Hotels in Kitzbühel, in dem er für vier Wochen sein erstes Trainingslager aufgeschlagen hat. Es ist 21 Uhr, draußen fängt es an zu schneien. Ende eines Trainingstags, der am Morgen um 7 Uhr mit einem 7,5-Kilometer-Lauf hinauf in die Berge begonnen und mit einer Massage geendet hat. Dazwischen bis zu 3000 Schläge gegen den Sandsack oder die Hände seines Trainers und stundenlang immer wieder dieselben Schlag-und Schritt-Kombinationen gegen den noch imaginären Gegner.

Immer wieder und wieder haben Sturm und sein Trainer, der Russe Magomed Schaburow, die Videos vom letzten Kampf analysiert. Jetzt glauben sie, die richtige Antwort für den Rückkampf (Sonnabend, 22 Uhr, Sat.1) gefunden zu haben. Doch mit welcher Taktik sie in den Kampf gehen, wollen die beiden nicht verraten. „Warum den Gegner unnötig schlau machen?“, sagt Sturm, lächelt und bestellt gedünsteten Lachs zum Abendessen. „Lassen Sie uns über etwas anderes reden.“

Gut, Herr Sturm. Was nicht alle wissen: Sie heißen Adnan Catic mit Geburtsnamen und sind gläubiger Muslim.
Ja. Und ich weiß, was Sie jetzt fragen wollen - was wir zu all den schrecklichen Verbrechen sagen, die zurzeit angeblich im Namen Allahs verübt werden.

Felix Sturm schiebt den Teller beiseite. Sein Blick wird ernst. Dieses Thema scheint ihm sehr wichtig zu sein.

Schon das Wort Dschihad hat für uns eine ganz andere Bedeutung. Wörtlich übersetzt heißt es, sich abzumühen, mit allen Kräften nach etwas zu streben. Das Wort Dschihad steht für eine Herausforderung und nicht für den angeblichen „Heiligen Krieg“, für den es immer wieder missbraucht wird. Leider auch von den Terroristen. Und deshalb bedeutet für mich der Dschihad in dieser Zeit vor allen Dingen eine Prüfung für den Islam, eine Prüfung für jeden anständigen Muslim, seinen Glauben nicht zu verlieren und sich nicht missbrauchen zu lassen.

Wie hat man das zu verstehen?
Wen Allah liebt, dem erlegt er Prüfungen auf. Jeder Tag ist für den Gläubigen eine Prüfung. Was macht ihr mit all dem Reichtum, den ich euch geschenkt habe, fragt Allah zum Beispiel die ganzen reichen Ölscheichs. Mal 10 Millionen für Arme zu spenden - das ist doch ein Witz!

Und was sagen Sie zu den schrecklichen Vorfällen in der Silvesternacht in Köln?
Ich glaube, ich wäre durchgedreht, wenn einer das mit meiner Frau gemacht hätte. Das sind Kriminelle. Die gehören hart bestraft. Wer hierherkommt, hat sich zu benehmen und unsere Gesetze und Gesellschaft zu akzeptieren. Ansonsten raus mit ihm! Wir haben uns ja auch integriert.

Sie meinen Ihre Eltern, die in den Siebzigerjahren aus Bosnien nach Deutschland gekommen sind?
Ja. Und die hier jeden Tag sich den Buckel krumm geschuftet haben.

Haben Sie als Kind von einer Karriere als Boxprofi geträumt?
Irgendwie schon, ja. Obwohl mein großes sportliches Vorbild zu dieser Zeit eigentlich Dennis Rodman, der Basketballer, war, für den ich sogar nachts vorm Fernseher oft aufgeblieben bin. Aber ich muss Allah auch heute noch danken, dass ich damals überhaupt am Leben geblieben bin.

Warum?
Ich war 16, als mich eine üble Mandelentzündung erwischte. Die Entzündung sprang dann auch noch auf den Kehlkopf über. Mein ganzer Hals ging zu. Ich konnte kaum mehr atmen, und meine Mutter brachte mich ins Krankenhaus, wo mich die Ärzte zwar aufnahmen, aber erst einmal liegen ließen. Meine Mutter wähnte mich in guten Händen, verließ gerade das Zimmer - als mir plötzlich die Luft vollends wegblieb und mir gelb vor Augen wurde. Ich brachte kein Wort mehr heraus und konnte mich nur noch durch Klatschen bemerkbar machen. Meine Mutter schrie dann den ganzen Flur zusammen, bis ein Arzt kam und mich in letzter Sekunde vor dem Ersticken rettete - mit einem Luftröhrenschnitt.

Das Handy klingelt. Am anderen Ende der Leitung sind Sturms Frau und seine beiden Kinder, die ihm eine gute Nacht wünschen wollen. Die Familie hat für ihn eine besonders große Bedeutung.

Es war wichtig, dass meine Familie die beiden ersten Wochen hier im Trainingslager in Kitzbühel war. Das hat einen Motivationsschub gegeben. Ich hoffe, ich kann auch ihnen etwas zurückgeben mit dem nächsten Kampf, genauso wie meinem Trainer und meinem ganzen Team.

Und wenn nicht? Was macht der Boxer Sturm, wenn der Gong zur letzten Runde verklungen ist?
Ich habe die lange Pause seit dem letzten Kampf auch dazu genutzt, ein Leben nach dem Boxen zu planen. Zusammen mit einem Geschäftspartner habe ich einen neuen Energydrink auf den Markt gebracht. Heavy 1, vegan, ohne Farbstoffe und mit reinem Mineralwasser aus der Eifel. Inzwischen haben wir schon Bestellungen aus aller Welt.

Der Teller ist leer. Auf einen Nachtisch verzichtet Felix Sturm. Es ist fast 22 Uhr, und vor dem Schlafengehen sieht der Trainingsplan noch eine Stunde mentales Abschalten vor - Lesen. Welche Lektüre erwartet ihn auf seinem Zimmer? „Ein Buch über richtige Ernährung - und ein Buch über Legenden des Sports“, sagt Felix Sturm. Vielleicht genau die richtige Lektüre für einen Mann, der Boxgeschichte schreiben will.

Von Udo Röbel

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