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Die Stasi hat Wolfgang Böhme betrogen

Keine Olympia-Teilnahme für Handballer Die Stasi hat Wolfgang Böhme betrogen

Er zählte zu den Spitzensportlern des Landes und hätte damit schon in der Gunst der sportverrückten DDR-Regierung ganz oben stehen müssen. Doch dem war nicht so. Ein Dokumentarfilm zeichnet jetzt den Weg des Handballers Wolfgang Böhme nach, der von der Stasi um den Olympiasieg gebracht wurde.

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In Reih und Glied: Wolfgang Böhme (obere Reihe, 3. von rechts) gehörte in den Siebzigerjahren zum Stamm der Handball-Nationalmannschaft der DDR.

Diese eine Szene lässt ihn auch 35 Jahre danach nicht los. Immer noch fühlt sich Wolfgang Böhme wie im falschen Film. Im Finale des olympischen Handballturniers sind in der Verlängerung noch vier Sekunden zu spielen, mit zwei Mann weniger liegt die DDR in Moskau gegen die Sowjetunion knapp mit 23:22 in Führung. Böhme sieht, wie Alexander Karschakewitsch zum Wurf ansetzt - und Torwart Wieland Schmidt den Ball zu fassen bekommt. Die letzte Aktion. Gold für die DDR! Böhme, weltweit einer der besten Rechtsaußen, wischt sich an diesem 30. Juli 1980 die Tränen aus dem Gesicht. Nicht im Sokolniki-Sportpalast, wo die ostdeutsche Jubelfeier startet, sondern in einer Kneipe im Rostocker Plattenbauviertel Lütten Klein.

Es sind keine Tränen der Freude über die sportliche Sensation. Der Olympiasieg der DDR-Handballer sei ein tiefschwarzer Moment seines Lebens gewesen, sagt der 65-Jährige. Das Finale erlebt er vor dem Fernsehgerät, nicht auf dem Hallenparkett inmitten einer Jubeltraube von Spielern. Denn Böhme, drei Monate vor dem Endspiel noch Mannschaftskapitän, durfte nicht mitspielen. „Das hängt mir immer noch schwer an“, sagt der Handballer, dessen Karriere aus politischen Gründen die Krönung versagt blieb. Der ausgebootet wurde von einem System, für das Sport in erster Linie Politik war und das der eigenen internationalen Reputation, die Siege in den Stadien dieser Welt zur Folge hatten, alles unterordnete.

Der schöne Schein, gemessen an Medaillen und Rekorden, hatte seinen Preis. In diesem Fall zahlt ihn Böhme. Das Schicksal des Handballers vom SC Empor Rostock hat dem Regisseur Heinz Brinkmann den Stoff zu einem Kino-Dokumentarfilm geliefert. Beide kennen sich aus Kindheitstagen in Heringsdorf auf Usedom; ein Glücksfall für die Produktion, die von Nordmedia gefördert worden ist. Die 90 Minuten „Fallwurf Böhme - die wundersamen Wege eines Linkshänders“, vor Kurzem auch in Hannover zu sehen, werfen ein Licht darauf, dass im selbst ernannten Arbeiter-und-Bauern-Staat sogar die Besten auf der Strecke blieben, wenn der funkelnden sozialistischen Sportwelt ein Kratzer drohte. Der anderen Seite nur keine Blöße zeigen - oder wie Böhme es aus dem Mund des obersten DDR-Sportfunktionärs Manfred Ewald bei einem Rapport zu erfahren bekommt: „Der Klassenfeind muss besiegt werden.“

Nach 192 Länderspielen ist für Böhme kurz vor den Olympischen Spielen mit 30 Jahren von heute auf morgen Schluss. In einem Brief, der wie vieles andere, das mit Böhme zu tun hatte, auf dem Tisch der Staatssicherheit gelandet war, hatte er zuvor die vage Andeutung gemacht, er könne bei nächster Gelegenheit ja in Dänemark bleiben. „Ich wusste doch nicht, dass die mitlesen“, sagt Böhme. Republikflucht oder schon der Versuch, das war so ziemlich das Schlimmste, was denen zu Ohren kommen konnte, die in der DDR etwas zu sagen hatten.

Gerade wenn es sich um einen bekannten Sportler handelte, der manches zu erzählen gehabt hätte. Wie etwa vom Doping mit Oral-Turinabol schon als 19-Jähriger, wovon Böhme erst später eine Ahnung, zuvor aber „ordentlich Muskeln“ bekam. „Ich wollte in die Nationalmannschaft, ich wollte den Westen sehen“, sagt er im Rückblick. „Deshalb habe ich trainiert wie ein Verrückter.“

Der Brief an die Geliebte, Barbara mit Vornamen, mit dem Hinweis auf Dänemark ist der Tropfen, der das Fass aus Sicht der Stasi und der Sportfunktionäre zum Überlaufen bringt. Für Böhme, damals mit der früheren Rodlerin Ute Rührold verheiratet, wird daraus eine verheerende Sturmflut: mit Berufsverbot im Leistungssport und anderen erniedrigenden Folgen. Der eben noch gefeierte Rechtsaußen, von 1972 bis 1988 Mitglied der Staatspartei SED, muss seinen Lebensunterhalt eine Zeit lang als Türsteher einer Berliner Nachtbar verdienen. Mannschaftskameraden wenden sich von ihm ab, sein Name verschwindet über Nacht aus den Sportchroniken. Böhme, im DDR-Trikot Vierter bei den Olympischen Spielen in München 1972 und bei Weltmeisterschaften mit Silber (1974) und Bronze (1978) dekoriert, ist nach einer Bilderbuchkarriere zu einer Unperson geworden. „Ich fühlte mich wie ein Aussätziger“, sagt er.

Erst vor wenigen Jahren hat Böhme bei der Durchsicht seiner mehrere Hundert Seiten zählenden Stasi-Unterlagen herausgefunden, dass sein tiefer Fall auch mit dem Inoffiziellen Mitarbeiter „Ernst“ zu tun hatte. Dass einige seiner Mannschaftskollegen nicht nur Handball spielten, sondern auch Berichte schrieben für die Abteilung „Horch und guck“, wie die Staatssicherheit hinter vorgehaltener Hand genannt wurde, hatte er vorher schon geahnt. Aber dass sein Vater, ein bekennender Kommunist, als Stasi-Spitzel „Ernst“ den eigenen Sohn ausspionierte, das hätte er nie gedacht. Darauf zur Rede gestellt, habe der damals 88-Jährige gesagt: „Ich musste das doch machen.“

Der Handballer Böhme hat nach seinem Rauswurf aus der DDR-Auswahl und beim Rostocker Club auf seine Weise reagiert. Etwa im Jahr 1987 mit einem Besuchsantrag für die Schweiz; sein Zwillingsbruder Matthias hatte die DDR ein paar Jahre vorher mit diesem Ziel verlassen - nun stand dessen Hochzeit an. Der strikten Ablehnung folgt der Ausreiseantrag. „Den hätte ich gleich 1980 stellen sollen“, sagt Böhme. Da aber habe die Angst vor Schikanen noch gesiegt.

Zuvor hätte er bei Auslandsreisen mit der DDR-Auswahl oder seiner Rostocker Mannschaft durchaus die Chance gehabt, im Westen zu bleiben. Zumal er zu Heiner Brand und Kurt Klühspies aus dem bundesdeutschen Team einen guten Draht besaß, trotz verbotener „Westkontakte“ für DDR-Sportler. Die unglaubliche Geschichte, wie er den beiden in einem Kopenhagener Hotelzimmer am Abend vor dem WM-Finale 1978 mit Bierbüchsen die Taktik der Sowjetunion erklärt, wird auch im Film geschildert. Einen Tag später ist die Bundesrepublik, der „Klassenfeind“, erstmals Weltmeister.

Böhme widerstand dem Gedanken an eine Flucht und allen Abwerbungsversuchen interessierter Vereine aus dem Westen wie dem THW Kiel, die der Stasi nicht verborgen geblieben waren. „Ich wusste, was dann mit meiner Familie geschehen wäre. Der Staat hätte die bestraft.“ Das System war so infam, dass die Stasi Böhme selbst als Spitzel anwerben wollte, kurz nachdem er seine Laufbahn unfreiwillig beenden musste.

Es gehört zu den weiteren Kuriositäten dieser deutsch-deutschen Sportgeschichte, dass der einstige Handballstar im Juni 1989 die Erlaubnis zur Ausreise bekommt. Fünf Monate später ist die Grenze offen für jeden. Böhme heuert als Trainer unter anderem in Minden, Barsinghausen und Springe an, seit 2006 lebt er in der Schweiz. Vergleichbare Erfolge wie als Spieler hat er in dieser Zeit nicht vorzuweisen. Doch seitdem kann er jedem seine Geschichte erzählen, ohne Angst haben zu müssen, ihm könne etwas passieren.

Was dem Sportler Wolfgang Böhme widerfuhr, ist auch in einem Buch nachzulesen. Verfasser ist Erik Eggers, herausgebracht hat den Band „Böhme - eine deutsch-deutsche Handballgeschichte“ der Verlag Die Werkstatt in Göttingen.

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