Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
„Mir fehlt ein Stück vom Leben"

Ski-Springer Thomas Morgenstern „Mir fehlt ein Stück vom Leben"

Vor zwei Jahren stürzt der österreichische Skispringer Thomas Morgenstern bei einem Trainingssprung. Die schockierenden Bilder kennt er nur von Videos, erinnern kann er sich nicht. Vor der Skiflug-WM auf derselben Schanze erzählt er vom Leben nach dem Sturz – und seiner Sehnsucht nach dem Fliegen.

Voriger Artikel
Dirk Nowitzki veralbert Donald Trump
Nächster Artikel
HSV-Handballer vor endgültigem Aus

Bei einem Probedurchgang stürtzt Skispringer Thomas Morgenstern schwer.

Quelle: imago

Sturz? Welcher Sturz? Als Thomas Morgenstern an diesem Tag aufwacht, merkt er schnell, dass etwas anders ist. Weißes Neonlicht, das gleichmäßige Piepsen eines EKG. „Sind das meine Herzschläge, die ich höre? Das ist hier eindeutig nicht mein Hotelzimmer“, denkt er. Er will etwas sagen, jemanden fragen, wo er ist, warum er hier ist. Doch den Mund kann er nicht bewegen. Sein Kopf schmerzt und der Brustkorb, überall Schrammen.

Die Schwester erzählt etwas von einem Sturz. Der österreichische Skispringer konnte sich immer an alle Stürze erinnern, in allen Einzelheiten. Doch dieses Mal versucht er es vergeblich, wie er in seinem Buch „Über meinen Schatten - Eine Reise zu mir selbst“ erzählt. „Ich bin doch gerade eben erst wieder geflogen - am Kulm. Ich hatte einen großartigen Trainingssprung. Die Bedingungen waren ideal. War ich nicht gerade noch am Lift?“

Thomas Morgenstern kennt die Bilder von jenem 10. Januar 2014. Er hat sich die Fernsehaufzeichnungen jenes Trainingssprungs oft angesehen. Wie er in der Luft das Gleichgewicht verliert, auf den Hang aufprallt, sich mehrfach überschlägt und bewusstlos auf der Schanze liegen bleibt. Dass er eine schwere Schädelverletzung hat, eine Lungenquetschung, erfährt er erst im Krankenhaus.

Herr Morgenstern, vor zwei Jahren erlebten Sie beim Skifliegen am Kulm in Österreich diesen Horrorsturz. Denken Sie noch an die schlimme Zeit?

Ich war im Sommer dort. Natürlich schießen einem da Bilder durch den Kopf. Ich versuche, mir dann wieder die Geschichte zusammenzureimen. Ich habe mir den Sturz ja im Video angeschaut. Aber es kommt keine Erinnerung zurück. Ich kann mich nicht an den Sturz erinnern, nicht, wie ich ins Krankenhaus gefahren worden bin, und auch nicht, wie ich dann mit dem Heli weitertransportiert worden bin. Das ist schon ein komisches Gefühl, wenn dir ein Stück Leben fehlt.

War es damals die richtige Entscheidung, drei Wochen nach diesem schrecklichen Erlebnis zu den Olympischen Spielen zu fahren?

Ja, weil ich damit ein Ziel hatte, um so schnell wie möglich wieder gesund zu werden. Und außerdem war Olympia im Nachhinein der perfekte Abschluss (Morgenstern beendete danach die Saison und sieben Monate später seine Karriere aufgrund der psychischen Belastung nach dem Sturz, d. Red.) - nicht nur wegen der Silbermedaille mit dem Team.

Aber jeder im Springer-Zirkus und am Bildschirm hatte Angst, als Sie damals in Sotschi am Absprung standen …

Ich musste mich damals schon sehr überwinden. Deshalb war es auch die richtige Entscheidung, dann vor der nächsten Saison einen Schlussstrich zu ziehen. Jeder hat’s verstanden, keiner kritisiert. Das war ein gutes Gefühl. Natürlich war ich sehr, sehr traurig, als ich damals meinen letzten Sprung gemacht habe. Es war eine geile Zeit im geilsten Sport überhaupt. Aber sie war einfach vorbei. Ich hatte einfach nicht mehr die Freiheit, volles Risiko einzugehen. Und ich bin immer ein Risikospringer gewesen und nie auf Sicherheit gesprungen.

Dabei sind Sie sehr oft auf die Nase gefallen.

Für einen Skispringer war das verhältnismäßig gar nicht so oft. Aber die richtig schlimmen Stürze sind halt meist im Wettkampf passiert. Einmal am Anfang meiner Karriere in Kuusamo, dann in meinem letzten Winter in Titisee-Neustadt und am Kulm. Das Problem daran: Als junger Skispringer fühlt man sich unverwundbar. Aber das wird mit dem Alter immer schwieriger. Je öfter ich nach Kuusamo gefahren bin, umso mehr sind mir die Bilder von meinem Sturz dort im Kopf rumgespukt und haben mich belastet.

Umso mehr wundert man sich, dass Sie nun Hubschrauberpilot geworden sind. Wieder so eine gefährliche Sache.

Skispringen ist eine sehr sichere Sportart, wenn man die Zahl der Verletzungen hochrechnet. Das Fliegen auch. Das Problem daran: Wenn etwas passiert, dann ist es meist gravierend. Außer, man ist gut vorbereitet. Selbst bei einem Motorausfall am Heli kann man noch sicher landen. Das übt man in der Ausbildung endlos oft.

Aber müssen es bei Ihnen immer so halsbrecherisch ausschauende Aktivitäten in der Luft sein?

Das ist einfach Leidenschaft, von der ich hingerissen bin. Ich sehe die Welt von oben, das ist einfach genial. Da stecke ich meine ganze Energie rein. Ich hab jedes Mal ein breites Grinsen auf den Lippen, wenn ich in den Heli steige. Außerdem bin ich 29, will weiterkommen, was erleben. Es gibt so viel, wo man sich weiterentwickeln kann. Es ist doch nicht befriedigend zu warten, bis die Freundin nach Hause kommt.

Können Sie sich vorstellen, mal als Manager oder Trainer in den Skisprung-Zirkus zurückzukehren?

Im Moment nicht. Ich kann einfach nicht mit dem gleichen Tunnelblick weitermachen. Ich habe 15 Jahre 24 Stunden Tag und Nacht nur für das Skispringen gelebt. So ist das bei mir: Wenn ich etwas gefunden habe, gibt’s keinen Plan B mehr. Natürlich gibt es Momente, wo ich das Skispringen vermisse. Vielleicht gehe ja ich irgendwann ins Skispringen zurück - wenn ich genug Abstand gewonnen habe.

Hängt diese Einstellung auch mit Ihrem Sturz zusammen?

Nein. Die Wunden vom Sturz habe ich heilen können.

Interview: Lars Becker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Sport
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wie hat mein Verein gespielt

Von Kreisliga bis Bundesliga: Hier finden Sie alle Fußball-Ergebnisse.

Recken kassieren Niederlage gegen Melsungen

MT Melsungen bleibt der Angstgegner der TSV Hannover-Burgdorf in der Handball-Bundesliga. Die „Recken“ unterlagen am Sonnabendabend in der Swiss-Life-Hall mit 30:31 (18:15) gegen die Hessen trotz einer überragenden Leistung von Kai Häfner, der elf Tore warf.