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Syrischer Triathlet fängt bei Hannover 96 bei null an

Zweiter der Asienspiele Syrischer Triathlet fängt bei Hannover 96 bei null an

Mohamad ist Triathlet. In seiner alten Heimat Aleppo, in einem anderen Leben, war er syrischer Meister, Profisportler mit glänzender Zukunft und einem Schrank voller Medaillen und Pokale. Nun fängt er nach seiner Flucht aus Syrien bei Hannover 96 wieder bei null an.

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Neustart bei Hannover 96: Mohamad Maso.

Quelle: HAZ

Hannover. Sein erstes deutsches Wort war: „Flossen“. Seit Mohamad Maso im vergangenen August mit seinem jüngeren Bruder Alaa nach Deutschland kam, übt er die Sprache. Aber jeder hat seine Prioritäten, und deshalb kann der 23-jährige Syrer inzwischen fast akzentfrei die Begriffe aussprechen, die in seiner Welt die wichtigsten sind: Worte wie „Kraulen“, „schneller“ oder „Schmetterling“.

Mohamad ist Triathlet. In seiner alten Heimat Aleppo, in einem anderen Leben, war er syrischer Meister, Profisportler mit glänzender Zukunft und einem Schrank voller Medaillen und Pokale. Jetzt lebt er mit dem Bruder in einem winzigen Containerzimmer in Hannover. An den Wänden über dem schmalen Bett hängen sein steifer Winter-Schwimmanzug zum Trocknen, sein Fahrradtrikot mit der syrischen Flagge, zwei Helme, ein großes Handtuch. Daneben lehnt ein glänzendes schwarzes Fahrrad.

„Bomben sind nicht wählerisch“

Dieses Rad ist Mohamads größter Schatz. Gesponsert von einem niederländischen Sportgeschäft, 7000 Euro wert. „Sie wollten, dass ich es draußen anschließe“, erzählt der breitschultrige junge Mann mit dem Dreitagebart und dem offenen Lächeln. „Auf keinen Fall!“ Die anderen Bewohner in der Flüchtlingsunterkunft, die Männer aus Afghanistan, dem Sudan, Irak und Eritrea, haben gemurrt, es gab offenen Streit. Aber Mohamad ließ alles an sich abperlen wie Wasser vom Neoprenanzug. „Zur Not“, sagt er grinsend, „nehme ich es mit ins Bett.“

Mohamads Eltern und die Schwester sind noch in Aleppo. „Unser Haus steht in der Zone der syrischen Armee“, erzählt Mohamad, sein Blick wird dunkel vor Sorge. Dort wird nicht gekämpft, immerhin. „Aber du kannst dich nicht schützen. Die Bomben sind nicht wählerisch.“ Sein Vater, selbst ein passionierter Schwimmer und einstiger Landeschampion, hatte den Jungen zum ersten Mal ins Wasser geworfen, da war Mohamad sechs. Mit acht trat der Junge einem Schwimmclub in Aleppo bei, mit zehn war er schon syrischer Jugendmeister. Seitdem sammelte er Medaillen wie anderorts die Jungs Raumschiffmodelle. Seine Mutter hebt sie alle für ihn auf, für seine künftigen Kinder, wenn sie alle irgendwann einmal wieder zusammen sind, und sicher.

Unter syrischer Flagge

Als Mohamad 17 war, schwamm er jeden Tag zweimal fünf Kilometer. „Aber ich hatte noch viel Energie, fragte meinen Trainer, ob wir nicht Fußball spielen könnten.“ Der war überrascht: Nicht erschöpft nach diesem Pensum? Er empfahl den sportlichen Burschen weiter. So wurde Mohamad Triathlet - und hatte seine Leidenschaft gefunden. Ein Jahr später war er der Beste seines Heimatlandes. Für Syrien nahm er an internationalen Wettkämpfen teil, reiste mit dem Nationalteam in die Türkei, nach Japan und zu den Asienspielen auf den Philippinen. Größter Erfolg: Mohamad holte Silber für sein Land.

Er begann ein Sportstudium an der Universität von Lattakia, träumte von einer Karriere als Profisportler und Trainer. Doch der Krieg ließ das nicht zu. „Im zweiten Studienjahr war ich mit dem Bus unterwegs zur Uni“, erzählt Mohamad leise. Die IS-Truppen hatten Aleppo eingekreist, auf Dächern lauerten Scharfschützen, Panzer rasten über die Landstraßen. Plötzlich: Der Busfahrer wollte nicht weiterfahren.

Es wurde dunkel, der junge Mann irrte durchs Dorf, als ein Anwohner ihn in sein Haus zog: „Dies ist keine Zeit zum Studieren“, sagte er und bot Mohamad sein Dach für die Nacht. Der junge Syrer schaudert bei der Erinnerung an jene Stunden. „Es war ohrenbetäubend. Immer wieder Bomben rechts und links, so nahe. Schreiende Menschen, weinende Kinder. Ich hatte solche Angst.“ Ein Einschlag war so dicht, dass alle Scheiben barsten. „Ich schrieb eine SMS an meine Familie: Es tut mir leid. Vergesst mich nicht. Ich hatte euch lieb!“ Aus Liebe haben seine Eltern die zwei Brüder fortgeschickt. Nach dem fünften Studienjahr hätte Syriens Armee nach Mohamad gegriffen. Für die Brüder war die Zukunft in Syrien zur Sackgasse geworden. Eine vage Chance schien immer noch besser als der Krieg.

Triathlet Mohamad Maso, Zweiter der Asienspiele, ist aus Syrien geflüchtet. Nun versucht er bei Hannover 96 einen Neuanfang.

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Der erste Anlaufpunkt der Jungen nach ihrer Reise über die Türkei, Griechenland und den Balkan war Deutschland. Hier wurden sie mit ihren Fingerabdrücken registriert. Sie zogen aber weiter in die Niederlande. Dort, während sie wöchentlich in ein neues Flüchtlingslager umgesiedelt wurden, begann Mohamad wieder zu trainieren. „Wo immer ich hinkam, erzählte ich den Menschen, dass ich Sportler bin.“ Er fand Sponsoren und ein Team. Endlich konnte Mohamad wieder loslegen, rennen, schwimmen, die Muskeln bewegen.

Nach vier Monaten war er bereits in die holländische Topliga aufgestiegen, trat bei den Europameisterschaften an, wurde 28. von 42 Teilnehmern. „Das ist nicht toll, aber ich war trotzdem stolz. Ich lebte noch im Camp, war ziemlich unfit, und ich hatte keinen klaren Kopf: Wir wussten nicht, ob man uns zurückschicken würde.“ Mohamad trat unter seiner syrischen Flagge an. Das ist ihm wichtig: „Ich habe Stolz verspürt. Ich wollte der Welt zeigen: Schaut her, das ist auch Syrien.“ Sein größtes Ziel sind die Olympischen Spiele in Tokio 2020.

Weil jeder Flüchtling an den Ort seiner ersten Registrierung zurück muss, kamen Mohamad und Alaa im August wieder nach Deutschland. Für den Triathleten bedeutete das: zurück auf null. Kein Verein, keine Sponsoren, niemand, der um sein Talent wusste. Über Umwege kamen die beiden nach Niedersachsen, wo Hannover 96 den heimatlosen Triathleten aufnahm.

Seit Dezember haben die beiden Brüder Subsidiarschutz für ein Jahr. Alaa geht zur Schule. Er habe gute Noten, berichtet Mohamad stolz. Er selbst setzt auf Disziplin: Jeden Morgen, egal wie kalt oder nass es ist, geht er um 6 Uhr schwimmen, dann Rad fahren, abends laufen. Und immer wieder tritt er bei Wettkämpfen an, will beweisen, wer er ist. Beim Steelman-Hindernislauf in Hannover hatte ihn ein Bekannter angemeldet. Im Internet war der Parcours mit seinen Stolperfallen, Balanceakten und Matschgräben erklärt, doch Mohamads Deutsch ist noch nicht gut genug. „Ich musste zuerst absichtlich zurückbleiben, um bei den anderen abzugucken, was zu tun war“, berichtet er und lacht laut über seine eigene Unfähigkeit. Am Ende kam er schlammbespritzt und mit nur einem Schuh im Ziel an - als Erster.

von Sophie Mühlmann

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