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00:21 28.07.2014
Von Lars Ruzic
Vieles in der Fertigung ist Handarbeit, gleichwohl kommt die Fabrik in Limmer schon auf ordentliche Stückzahlen. Quelle: Surrey
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Hannover

olfsburg wäre keine Alternative für Abdulkadir Ekinci – obwohl er dort mehr verdienen könnte: wenige Handgriffe, kurze Produktionstakte, riesige Fertigungsstraßen. Da kommt der Schichtmeister lieber täglich in die versteckte alte Lagerhalle am Rande des hannoverschen Stadtteils Limmer. Autos mit VW-Logo auf dem Kühler bauen sie hier auch. „Und fast komplett in Handarbeit“, sagt er stolz. Hier hat ein Fertigungstakt nicht vier, sondern mitunter vierzig Minuten.
Manchmal kriechen bis zu vier Kollegen gleichzeitig in den Innenraum des Fahrzeugs. Gelernt haben sie Landwirt, Gas- und Wasserinstallateur oder Zahntechniker. Heute sind sie Teil der gut 140 Mann starken „California“-Fertigung, die aus einem leeren VW-Transporter ein Campingmobil mit Bett unterm Aufstelldach und auf Wunsch auch mit kompletter Küche machen. „Sie bauen nicht nur irgendein Auto, sondern ein Stück Lebenseinstellung“, sagt Eckhard Scholz, der Chef von VW Nutzfahrzeuge (VWN). „Und das in einer Manufaktur im besten Sinne des Wortes.“

Für den VWN-Chef dürfte der Ausflug nach Limmer gestern eine willkommene Abwechslung vom Arbeitsalltag gewesen sein. Bekanntlich werden sich die VW-Topmanager in den kommenden Monaten vor allem mit der Steigerung von Produktivität und Effizienz in der Fertigung beschäftigen müssen, seit sie Konzernchef Martin Winterkorn darauf eingeschworen hat. Die „California“-Fertigung wird dabei freilich keine Rolle spielen – bei 35 produzierten Autos am Tag. Im Gegenteil: Man könne von den Kollegen sogar eine Menge lernen, meint Scholz: flexibles Arbeiten und Begeisterungsfähigkeit etwa.

Die Mannschaft in Limmer steht oft vor neuen Herausforderungen. So muss sie im Frühjahr und Sommer viele Sonderschichten fahren, um die Nachfrage zu decken. Im Herbst und Winter, wenn es im Kerngeschäft ruhiger wird, wechselt sie dann oft ins Stöckener VWN-Werk, um beim Bau etwa von Fahrzeugen für Polizei, Post oder Zoll zu helfen. Das erfordere nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich ein hohes Maß an Flexibilität, sagt Günter Lenz, Finanzchef der Sparte Spezialfahrzeuge. „Es ist eine atmende Fabrik par excellence.“

Vor gut zehn Jahren hatte VWN gemeinsam mit den Wirtschaftsförderern von Hannover-Impuls die Camper-Produktion an den Stammsitz der Marke geholt. Bis dato hatte der Camping-Spezialist Westfalia die Transporter ausgestattet. Als sich Daimler an dem Unternehmen beteiligte, sahen Management und Betriebsrat ihre Chance gekommen, die „Camper“ selbst zu bauen. VWN mietete die 13 000 Quadratmeter große, leerstehende Lagerhalle des insolventen Elektrohändlers Brinkmann an und vergab den Fertigungsauftrag an den konzerneigenen Dienstleister Autovision. Der stellte zunächst 60 Arbeitslose ein, inzwischen ist sein Team auf 140 Mitarbeiter gewachsen.

Und die Produktion brummt. Am Freitag haben sie in Limmer den 50 000. „California“ auf Basis der fünften Transporter-Generation (T5) gefeiert. Zum Vergleich: Der T4 brachte es insgesamt nur auf 39. 000, der T3 sogar nur auf 22 .000 „California“. In diesem Jahr wollen sie mit 8125 Autos so viele produzieren wie noch nie. Die Wagen werden vor allem in Europa verkauft, einzelne werden inzwischen aber auch verschifft – nach Taiwan, Neuseeland oder Südamerika. „Es ist eine Erfolgsgeschichte“, sagt Betriebsratschef Thomas Zwiebler.

Die Transporter kommen quasi als Cabrio aus dem benachbarten Stöcken, werden dann in Limmer ausgerüstet und hinterher mit dem bekannten Aufstelldach versehen. Die komplette Fertigung sieht 775 Arbeitsschritte vor, eingeteilt in zehn Fertigungsabschnitte. Darunter sind kleinste Handgriffe, aber auch Aufgaben, die nur mit Hebekran funktionieren. So wird der 60 Kilogramm schwere Küchenblock mit einem Schwenk in den Transporter gehievt. Die kompletten Fahrzeuge gehen wieder zurück nach Stöcken und dann zu den Kunden.

Die sind offensichtlich bereit, sich das Mini-Reisemobil einiges kosten zu lassen. In der Variante mit Küche beginnen die Preise bei 53 000 Euro. „Viel manueller Aufwand kostet Geld“, sagt Scholz. Dafür liefere Limmer aber auch ein Modell, dass kein Wettbewerber bieten könne.

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