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Deutschland / Welt Es fährt kein Zug nach Nirgendwo
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18:28 12.08.2013
In Mainz geht gar nichts mehr – und das könnte kein Einzelfall bei der Deutschen Bahn sein. Quelle: dpa
Mainz

Der Mainzer Hauptbahnhof ist kein Einzelfall: Die Bahn hat deutschlandweit Stellwerk-Probleme eingeräumt. „Wir haben bundesweit eine angespannte Situation, das ist richtig“, sagte der Vorstandschef der DB Netz AG, Frank Sennhenn, am Montag im ARD-Morgenmagazin. „Wir sind dabei, alle Stellwerke, bei denen wir ähnlich kritische Situationen haben, nach Kräften abzusichern.“ Das Chaos soll nun auch Thema bei Spitzentreffen zwischen Bahn, Politik und Gewerkschaften werden.

Das Chaos am Mainzer Hauptbahnhof weitete sich am Montag aus: Auch  tagsüber fielen Züge aus oder wurden umgeleitet. Tausende Pendler im  ganzen Rhein-Main-Gebiet sind davon betroffen. In dieser Woche gilt für Regionalzüge Stunden- statt Halbstundentakt, nur wenige Fernzüge halten im Hauptbahnhof der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt.

Die Deutsche Bahn und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) haben zu den Personalproblemen ein Spitzengespräch am Mittwoch in Frankfurt angekündigt. Daran werden Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber und die Personalchefs der Geschäftsbereiche teilnehmen, wie eine Bahnsprecherin am Montag in Berlin sagte. Bereits an diesem Dienstag beraten Bahn, Gewerkschaft und die rheinland-pfälzische Landesregierung bei einem Treffen in Mainz über die Probleme.

Rund die Hälfte der 15 Fahrdienstleiter im Mainzer Stellwerk sind krank oder in Urlaub. Die Bahn hat mit den Mitarbeitern gesprochen, ob einige freiwillig aus dem Urlaub zurückkommen. Zunächst war unklar, ob sich die Lage entspannt. Der DB Netz-Chef stellte für diesen Dienstag eine mögliche Lösung in Aussicht. Der Manager machte deutlich, dass keine Fahrdienstleiter verpflichtend aus dem Urlaub geholt würden. „Das kann nur auf freiwilliger Basis geschehen.“  Zum Abbruch ihres Urlaubs können die Bahner nicht einfach verpflichtet werden: Ein Chef darf seine Mitarbeiter unter keinen Umständen zurück in den Betrieb holen, sagte Nathalie Oberthür, eine Fachanwältin für Arbeitsrecht aus Köln.

Die EVG forderte mehr Personal. „Wir brauchen jetzt ein klares Signal, mehr Leute einzustellen“, sagte der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner im ARD-Morgenmagazin. „Dieses Problem ist bundesweit.“ Er warnte davor, Mainzer Mitarbeiter aus dem Urlaub zu holen. „Der Akku ist leer.“ Kirchner wies den Vorwurf zurück, es handle sich bei den Problemen um eine konzertierte Aktion. „Das ist völliger Unsinn.“

Der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) ist sauer, weil  die Bahn bisher keine Lösung für die Probleme am Hauptbahnhof hat. „Die Bahn hat hier einen gesetzlichen Versorgungsauftrag“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. „Da kann sie nicht einfach streichen, was sie nicht schafft. Das ist Management wie aus der Steinzeit.“ Er sei nicht über die Einschränkungen informiert worden.

FDP-Generalsekretär Patrick Döring forderte die Bahn auf, den Urlaub der Mitarbeiter angesichts der Probleme zurückzustellen. „Der Eisenbahnverkehr muss gewährleistet werden. Das hat Vorrang“, sagte das Bahn-Aufsichtsratsmitglied der „Rhein-Neckar-Zeitung“ aus Heidelberg.

Fahrdienstleiter und Stellwerke der Bahn

Bei der Deutschen Bahn arbeiten rund 12 000 Fahrdienstleiter. Sie entscheiden, ob ein Zug fährt oder nicht. Sie stellen Signale und Weichen per Hebel, Tasten oder Mausklick. Die Fahrdienstleiter sind verantwortlich für einen sicheren Zugverkehr, wobei die Fahrpläne möglichst eingehalten werden sollen. Grundprinzip ihrer Arbeit ist ein Sicherheitsabstand zwischen zwei Zügen. In einen freien Streckenabschnitt darf nur ein Zug einfahren. Der Arbeitsplatz des Fahrdienstleiters ist das Stellwerk. Davon gibt es vier Generationen: Mechanische und elektromechanische Stellwerke, elektrische Relaisstellwerke und elektronische Stellwerke. Anfang des Jahres waren in Deutschland 3392 Stellwerke in Betrieb, davon 415 elektronische.

Mechanische Stellwerke wurden Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt. Heute sind noch fast 1000 davon in Betrieb. Signale und Weichen werden über Hebel und Drahtzüge mit Muskelkraft gestellt. Sie werden heute noch an kleineren Bahnhöfen genutzt. Bei den elektromechanischen (seit Anfang des 20. Jahrhunderts) und den Relaisstellwerken (seit 1949) werden Weichen und Signale elektrisch gestellt. Moderne elektronische Stellwerke können eine Vielzahl von Strecken gleichzeitig überwachen. So wird der Fernverkehr für Personen und Güter von der Netzleitzentrale in Frankfurt gesteuert. Planer und Fahrdienstleiter arbeiten an Computermonitoren.

dpa

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