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Weselsky will es allen zeigen

Dauerstreik der GDL Weselsky will es allen zeigen

Claus Weselsky, der oberste Lokführer der GDL, treibt seine Gewerkschaft in den Dauerstreik. Doch damit landet sie womöglich auf dem Abstellgleis.

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Weil er es will, steht die Bahn weitgehend still: Claus Weselsky, Chef der Lokführer-Gewerkschaft GDL.

Quelle: dpa

Hannover. Ausgerechnet Martin Luther. Der große Christ und Kirchenführer ist Claus ­Weselskys Vorbild. Unerbittlich kämpfte einst der Reformator gegen die katholische Kirche – und so, als hartnäckigen Kämpfer gegen den Irrglauben, sieht sich auch der Vorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL). Der 55-Jährige hat jetzt den längsten Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn ausgerufen, Millionen Bahnfahrer werden in den nächsten vier Tagen darunter leiden, dass eine kleine Gewerkschaft mehr Macht haben will. Viel mehr Macht.

In dem aktuellen Tarifstreit geht es längst nicht mehr um fünf Prozent mehr Gehalt und weniger Arbeitszeit für die etwa 20 000 Lokführer. Die GDL will auch über den Lohn zum Beispiel der gut 17 000 Zugbegleiter verhandeln. Das will die viel größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), bei der die meisten Zugbegleiter organisiert sind, verhindern. Und die Bahn ebenso, sie fürchtet Tarifchaos im Unternehmen.

Inzwischen bezieht Weselsky Prügel von allen Seiten. Politik, Wirtschaft und selbst andere Gewerkschaftsführer kritisieren den kompromisslosen Kurs des GDL-Chefs. Es heißt, auch die Kanzlerin habe sich wenig freundlich geäußert, es soll sogar die Umschreibung „durchgeknallt“ gefallen sein. Dabei ist Weselsky seit 2007 ein Parteifreund der CDU-Vorsitzenden. Arbeitsministerin Andrea Nahles von der SPD möchte „mit dem Herrn“ am liebsten gar nichts zu tun haben.

Am Dienstag hat Weselsky erstmals Nerven gezeigt. In einem Interview beklagte er die „Hetzkampagne“, die in der Presse gegen die Gewerkschaft und ihn stattfinde. „Das, was hier als Medienkampagne gemacht worden ist, ist schlimm genug, weil wir mit unseren rechtmäßigen Streikmaßnahmen in die Nähe von Terroristen gestellt worden sind“, sagte Weselsky. Der Ausbruch war ungewöhnlich, weil der Sachse meist glaubt, viele Feinde würden seine Ehre mehren.

Vielleicht kann man die Haltung dieses Mannes besser verstehen, wenn man seine Vorgeschichte betrachtet. In Dresden geboren, ging er in den siebziger Jahren zur Reichsbahn, wo er zunächst zum Schlosser, später zum Lokführer ausgebildet wurde. Er war nie SED-Mitglied, von der Einheitsgewerkschaft wollte er auch nichts wissen. Seine Karriere als Gewerkschafter begann erst nach der Wende. Bis 2007 stieg er zum Bundesvorsitzenden der GDL auf, stets gefördert von seinem Vorgänger Manfred Schell. Weselsky ist einer, der sich hochgearbeitet hat, der immer ein klares Ziel vor Augen hatte. Und er war erfolgreich: Dass die GDL 2007, nach einem harten Arbeitskampf, erstmals einen eigenen Tarifvertrag für Lokführer aushandeln konnte, gilt vielen vor allem als sein Verdienst, obwohl damals noch Schell der Vorsitzende war.

Als Gewerkschaftsboss ist er ein harter Mann. Nicht nur nach außen: Seine beiden Stellvertreter feuerte er, die wichtigsten Funktionäre soll er persönlich ausgesucht haben. Manch einer sprach von Säuberungsaktion, Manfred Schell gab verärgert den Ehrenvorsitz ab. Er sagt heute über Weselsky, der sei ein „Egomane“, ein Diktator, und tue so, „als würde er in den ,Heiligen Krieg‘ ziehen“ – das passt zumindest zu Weselskys Luther-Selbstverständnis.

Und wie sein Vorbild schießt der Mann mit dem breiten sächsischen Akzent ab und zu weit übers Ziel hinaus. Zum Beispiel Ende August, als er über die Fusion der Bahngewerkschaften Transnet und GDBA zur EVG sagte: Wenn sich zwei Kranke miteinander ins Bett legten, könne ja nur „etwas Behindertes“ rauskommen. Später entschuldigte sich Weselsky für diese Entgleisung, doch die EVG will mit ihm seither nicht mehr reden.

„Durchstreiken bis zum Ende“, so markig gibt der oberste Lokführer die Linie für den Arbeitskampf vor. Die meisten wichtigen Entscheidungen soll er mehr oder weniger allein gefällt haben, heißt es. Er müsse nicht ständig im Team arbeiten, hat der Hobby­taucher einmal gesagt.

Noch steht die GDL mehrheitlich hinter ihm. Es gibt innerhalb der Gewerkschaft zwar eine Gruppe, die unter dem Namen „Initiative für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in der GDL“ gegen Weselsky opponiert, doch bei der Urabstimmung stimmten gut 90 Prozent der Mitglieder für einen Streik. Der Vorsitzende profitiert nicht nur von seinen tarifpolitischen Erfolgen, die allen Lokführern mehr Geld gebracht haben und einen Flächentarifvertrag für diejenigen, die bei privaten Bahnunternehmen arbeiten. Der GDL hat auch geholfen, dass die frühere Bahngewerkschaft Transnet den Ruf hatte, zu sehr mit der Bahn zu kooperieren. Als Bestätigung dafür galt der Wechsel des Transnet-Chefs Norbert Hansen in den Bahn-Vorstand. Und die GDL ist im Osten stark: Rund 95 Prozent der Lokführer in den neuen Ländern sind Mitglied bei der GDL.

Doch all dieser Rückhalt könnte verpuffen, wenn Weselsky die GDL aufs Abstellgleis lenkt. Dass er jetzt vier Tage lang den Personenverkehr in Deutschland lahmlegt, verstärkt in der Bundesregierung die Überzeugung, dass die Macht der Minigewerkschaften beschränkt werden sollte. Das von Arbeitsministerin Andrea Nahles auf den Weg gebrachte Tarifeinheitsgesetz hat genau diesen Zweck: Tritt es in Kraft, würde bei der Bahn nur noch der Tarifvertrag der größten Gewerkschaft gelten, der EVG.

Weselsky beeindruckt das offenbar nicht. Er halte es mit Luther, der seine Ziele stets aufrichtig verfochten habe, sagte er der „Zeit“. Und: „Ich bewundere seine Standhaftigkeit.“  

Von Udo Harms und Dieter Wonka  

„Wir wollen eigenständig verhandeln“

Gabi Stief im Interview mit Hartmut ­Petersen, Vorsitzender der GDL Bezirk Nord.

Herr Petersen, trauen Sie sich am Donnerstag auf den Bahnsteig, um die Fahrgäste nach Hause zu schicken?

Natürlich. Wir waren an jedem Streiktag auf den Bahnhöfen. Leider werden die Fotos immer dann geschossen, wenn wir mal Pause machen.

Können Sie den Frust vieler Reisender nachvollziehen?

Ich bin 20 Jahre lang aktiver Lokführer gewesen und viel Kummer gewöhnt. Ich war immer erleichtert, wenn wir Fahrpläne einhalten konnten. Ich habe wie die Kollegen jeden Tag aufs Neue die Folgen von schlechtem Material und einem vernachlässigten Schienennetz entschuldigt. Jetzt geht es mal um unsere eigenen Interessen.

Man versteht immer weniger, worum so erbittert gekämpft wird.

Wir wollen ein Kooperationsabkommen, in dem festgehalten wird, dass wir künftig nicht nur über einen Tarifvertrag für Lokführer verhandeln, sondern auch für Zugbegleiter.

Die Bahn sagt, einen derartigen Vertrag hätten Sie am Sonntag abgelehnt.

Das stimmt nicht. Das Angebot sah vor, dass EVG und GDL gemeinsam verhandeln müssen. Wir sollten wieder am Katzentisch sitzen. Außerdem gefährden die Pläne der Bahn den Flächentarif, der vor Gehaltsverlusten bei einem Betreiberwechsel schützt.

Warum sind zwei Gewerkschaften wie die EVG und GDL unfähig zu kooperieren?

Die EVG tritt wie eine Hausgewerkschaft der Bahn auf. Die Verflechtungen sind – gelinde gesagt – sehr tief. Man muss nur daran erinnern, dass der Vorsitzende der EVG-Vorläuferorganisation Transnet vor ein paar Jahren als Arbeitsdirektor zur Bahn wechselte.

Die EVG hat etwa 230.000 Mitglieder, die GDL 34 000, überwiegend Lokführer und nur 5100 von 17.000 Zugbegleitern. Da sind Sie ganz schön selbstbewusst.

Auch wenn wir bei den Zugbegleitern nur ein Mitglied hätten, ist es unser Grundrecht, Tarifverträge auszuhandeln. Die meisten EVG-Mitglieder sind in Werkstätten oder am Netz beschäftigt. Wo sind die Forderungen für diese Leute? Man hört nichts.

Sie wollen also zwei Tarifverträge. Damit schaffen Sie eine Zweiklassengesellschaft.

Nein. Geringe Unterschiede bei Gehältern und Arbeitszeit sind unserer Ansicht nach tragbar. Es gab auch in der Vergangenheit immer wieder Ausgleichsregelungen.

Eine Oppositionsgruppe in der GDL fordert den Rücktritt Ihres Vorsitzenden Claus Weselsky. Sein Vorgänger Manfred Schell spricht von einem Ego-Kurs.

Die Gruppe ist klein. Schell will persönlich mitmischen. Das wäre so, als wollte Helmut Kohl Angela Merkel lenken.     

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