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Wie flexibel darf die Arbeitszeit sein?

Debatte über Home-Office und Gleitzeit Wie flexibel darf die Arbeitszeit sein?

Teilzeit, Gleitzeit, Arbeitszeitkonten – Jobs von neun bis fünf sind für viele Arbeitnehmer von gestern. Doch nun soll die Debatte über Home-Office und fließende Zeiten für die Arbeit erst richtig losgehen: Gewerkschaften, Regierung und Unternehmen ringen um neue Regeln für neue Jobmodelle. 

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Schon heute arbeiten viele Beschäftigte regelmäßig von zu Hause aus – doch in vielen Betrieben ist dies nicht genau geregelt. 

Quelle: dpa

Berlin. Teilzeit, Gleitzeit, Arbeitszeitkonten – Jobs von neun bis fünf sind für viele Arbeitnehmer von gestern. Doch nun soll die Debatte über Home-Office und fließende Zeiten für die Arbeit erst richtig losgehen. „Viele Beschäftigte sind offen für Flexibilität“, sagt Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. Die Sozialdemokratin hat sich damit ein heikles Thema vorgenommen. Nahles will nun einen „Arbeitszeitdialog“ starten. Bis zum Spätsommer will sie darüber unter anderem mit Arbeitgebern, Gewerkschaften und Kirchen reden, wie sie kürzlich auf einem Kongress zur Zukunft der Arbeit in Berlin ankündigte.

Schon heute gibt es einen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit. Ablehnen kann der Chef den Wunsch, wenn betriebliche Gründe dagegen sprechen – aber bei den meisten Unternehmen ist Teilzeit möglich. Die Regierungskoalition will dies nun ergänzen mit einem Recht auf Rückkehr in Vollzeit.

Schon lange ist auch Gleitzeit in vielen Unternehmen üblich. Jenseits einer Kernarbeitszeit können die Beschäftigten dabei wählen, wann sie arbeiten. Und mehr als die Hälfte der Betriebe kennt Arbeitszeitkonten zum Ansparen von Überstunden. „Starre Arbeitszeiten sind in der Praxis schon längst passé“, sagt Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. Immer mehr Arbeitnehmer nutzten auch Möglichkeiten, von zu Hause aus zu arbeiten. Mit der Digitalisierung wird dies leichter.

„Die Entwicklung hin zu flexiblen Arbeitszeiten wird sich mit Sicherheit auch noch weiter fortsetzen“, sagt Kramer. Doch profitieren Arbeitnehmer und Unternehmen gleichermaßen? Beispiel Home-Office: Ein Drittel der Beschäftigten arbeitet laut Umfragen gelegentlich im Home-Office – doch bei 84 Prozent davon steht nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) dazu nichts im Arbeitsvertrag. „Drei Viertel der Betroffenen bekommen es weder finanziell noch durch einen Zeitausgleich kompensiert, wenn sie für die Arbeit zuhause noch einmal den Rechner anschalten oder telefonieren“, sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach unter Berufung auf Umfragen.

So werden Mitarbeiter immer wieder am Feierabend, Wochenende oder im Urlaub mit Büromails oder -anrufen behelligt. „Dadurch wird die Freizeit zunehmend als Arbeitszeit empfunden, die nötige Erholung bleibt auf der Strecke“, meint Buntenbach. Doch andererseits, räumt auch die Gewerkschafterin ein, gebe es ein großes Bedürfnis der Beschäftigten nach Selbstbestimmung über die Arbeitszeit. „Nötig ist ein Recht auf Home-Office“, betont Buntenbach. Home-Office müsse aber freiwillig bleiben.

Arbeitgeberpräsident Kramer sträubt sich gegen neue Regeln. „Denn die Frage nach einem Heimarbeitsplatz stellt sich in einer Rechtsanwaltskanzlei ganz anders als in der Produktion oder im Einzelhandel“, sagt er. „Wie das im Einzelfall aussieht, kann sinnvoll nur auf betrieblicher Ebene geregelt werden.“

Der Kampf um die Arbeitszeiten ist eröffnet. Nahles holte sich bereits Dutzende Stellungnahmen zur Zukunft der Arbeit ein. Der Ruf nach einem flexibleren Arbeitszeitgesetz durchzieht die Forderungen aus der Wirtschaft. So moniert Daimler: „Bestehende Regelungen wie die Höchstarbeitszeit von zehn Stunden am Tag oder 48 Stunden in der Woche sowie die elfstündige Ruhezeit beschränken die Möglichkeiten zur Flexibilisierung.“ Die Bundesagentur für Arbeit warnt vor Eingriffen ins Privatleben der Beschäftigten. Der Beamtenbund DBB schlägt eine Verpflichtung für Unternehmen vor, „ihre Kommunikation mit den Beschäftigten außerhalb derer Arbeitszeiten zu erfassen“.

Betroffen vom Dauerdruck sind keineswegs nur Höherqualifizierte. „Gerade bei prekärer Beschäftigung wird zum Beispiel über Arbeit auf Abruf das wirtschaftliche Risiko komplett bei den Beschäftigten abgeladen“, sagt Buntenbach. Hektik, Stress und Burnout prägten bei vielen ganze Lebensphasen. Die weit überwiegende Zahl der Eltern wünscht sich mehr Zeit für die Familie. Laut einer DGB-Umfrage arbeiten 17 Prozent der Arbeitnehmer mit Vollzeitjobs länger als die erlaubten 48 Stunden.

Nahles macht sich für eine neue Aufteilung von Arbeitszeit stark: „Ich nenne es Wahlarbeitszeit“. Konkrete Vorschläge sollen in diesem Jahr folgen. So hart umkämpft in den Achtzigerjahren die 35-Stunden-Woche war, so umkämpft könnte bald die Forderung der Gewerkschaften nach einem Recht auf Nichterreichbarkeit werden.

Von Basil Wegener

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