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Deutschland / Welt Der Flughafen ohne Flugzeuge
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00:18 18.12.2015
Von Albrecht Scheuermann
Kassel-Calden: Immer weniger Flugzeuge starten und landen dort. Quelle: Uwe Zucchi
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Kassel

Der Bürgermeister, die Industrie- und Handelskammer, die Landesregierung - sie alle waren sich einig, dass Kassel einen Flughafen braucht: Nicht etwa nur einen Start- und Landeplatz für kleine Propellermaschinen, sondern einen richtigen Airport mit Verbindungen in die weite Welt. So wurden mehr als 270 Millionen Euro in der nordhessischen Provinz verbuddelt, wo sich sonst Fuchs und Waschbär gute Nacht sagen. Auf dem „Airport Kassel-Calden“ nördlich von Kassel sind Flugzeuge aber nur selten zu sehen. Mangels Interesse wird jetzt auch die Verbindung ins ägyptische Hurghada eingestellt. Dadurch ist der Winter-Flugplan in Kassel künftig sehr übersichtlich: Einmal in der Woche wird noch Gran Canaria angesteuert, das war’s.

Schuld an der Einstellung der Verbindung nach Ägypten ist nach Angaben des Flughafens die „schwierige Situation in Ägypten“. Nachdem dort im November ein russisches Flugzeug von Terroristen gesprengt wurde, will kaum noch jemand ins Land am Nil reisen. Zum letzten Mal wird demnach Hurghada am 6. Januar 2016 angeflogen. Für den nordhessischen Flughafen ist das der zweite Schlag in kurzer Zeit. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass die noch ganz neue Verbindung nach Teneriffa wieder gestrichen wird. Das letzte Flugzeug dorthin hebt am 7. Januar ab.

Als im Frühjahr 2013 der Flughafen feierlich eröffnet wurde, zeichneten sich die Schwierigkeiten schon deutlich ab. Während Kritiker von einem Millionengrab für Steuergelder sprachen, gab sich Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen seinerzeit unverdrossen. „Bis 2020 wird der Flughafen ein etablierter Start- und Zielort für Touristen und ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der Verkehrsinfrastruktur in der Region Nordhessen und Südniedersachsen sein.“ Spötter sahen den Erfolg vor allem darin, dass der Kassel Airport im Gegensatz zum Großflughafen in Berlin überhaupt fertig geworden ist - nach elf Jahren Planung und zwei Jahren Bauzeit.

Trotz der bislang ziemlich trüben Bilanz gibt es Lichtblicke. Für mehr Flugbetrieb sorgt jetzt ausgerechnet der Zustrom von Flüchtlingen. Das Land Hessen nutzt den Flughafen für Abschiebungen. Etwa einmal die Woche hebt dort nun eine Maschine ab, um Menschen in ihre Heimatländer zurückzubringen, die Deutschland nicht mehr haben will. Und außerdem nutzt das Land Hessen eine Fläche des alten Flughafens Calden für eine große Flüchtlingsunterkunft - und zahlt dafür Pacht. Allerdings dürften diese Einnahmen nur einen kleinen Bruchteil der Kosten abdecken, die der neue Airport jährlich verschlingt. Allein die Betriebskosten summieren sich einschließlich Luftüberwachung und Feuerwehr jährlich auf rund 18 Millionen Euro.

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