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„Der Fukushima-Moment der Autoindustrie”

Zwei Jahre Dieselaffäre „Der Fukushima-Moment der Autoindustrie”

Vor genau zwei Jahren begann der Diesel-Skandal von Volkswagen. Trotz gegenteiliger Beteuerungen gab es immer noch kaum Konsequenzen, klagt Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer. Er prophezeit, dass den Automobilherstellern das Schlimmste noch bevorsteht.

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Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer.

Quelle: dpa

Berlin. Oliver Krischer fährt selbst einen Diesel. Wobei das Auto seit dem Abgasskandal deutlich mehr steht als fährt. Als Kunde fühlt sich Krischer von den Autoherstellern hinters Licht geführt. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum der Grünen-Fraktionsvize zwei Jahre nach Ausbruch der Dieselkrise im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) Alarm schlägt.

Herr Krischer, vor zwei Jahren begann der Diesel-Skandal. Was hat sich seitdem verändert?

Wenig! Die Autoindustrie hat anfangs gedacht, die Diesel-Krise ist wie eine Grippe, die irgendwann vorbei geht. Deshalb hat sie kaum Konsequenzen gezogen. Und deshalb ist die Krise auch noch nicht vorbei.

Welche Konsequenzen wären nötig?

Wenn die deutsche Autoindustrie überleben will, braucht sie einen kompletten Neuanfang: Technisch, personell, kulturell. Motoren, die die Grenzwerte nicht einhalten, müssen nachgerüstet werden. Software-Placebos reichen nicht. Wo das nicht geht, müssen Kunden entschädigt werden. Das wäre das Mindeste, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Warum ist das nicht passiert?

Die Branche ist immer noch so von sich selbst überzeugt, dass sie nicht in der Lage ist, einen klaren Schnitt zu machen. Die Autobosse halten sich im Prinzip für unangreifbar. Die Situation erinnert mich stark an die der Atomindustrie vor zehn Jahren. Damals haben die Energiemanager auch geglaubt, gegen den Willen der Bevölkerung an einer überkommenen Technologie festhalten zu können. Das endete im Desaster. Wenn das erste Gericht ein Fahrverbot verhängt, wird die Autoindustrie ihren Fukushima-Moment erleben.

Sie spielen auf die Verfahren wegen zu hoher Stickoxidbelastung in Städten wie Stuttgart an. Rechnen Sie mit Fahrverboten?

Ja. Die Gerichte werden Fahrverbote verhängen müssen, weil die Bundesregierung nicht den Mumm hat, Nachrüstungen an schmutzigen Dieseln durchzusetzen. Das hätte eine vertrauensbildende Maßnahme für die Gerichte sein könne, aber die Chance wird gerade verspielt.

Warum greift die Politik nicht härter durch?

Das müssen Sie die Bundesregierung fragen. Die Autoindustrie hat sich wie keine andere Branche daran gewöhnt, dass die Politik macht, was sie will. Das ist einer der wichtigsten Gründe für die Krise. Insofern trägt Angela Merkel eine Mitverantwortung.

Was werfen sie der Bundeskanzlerin vor?

Seit Angela Merkel Kanzlerin ist, hat eine Überwachung der Autokonzerne praktisch nicht stattgefunden. Die Industrie hat sich beim Abgas selbst kontrolliert. Unter Angela Merkel wurde das Kraftfahrtbundesamt zur Abstempel-Behörde für Zettel aus den Konzernzentralen. Es ist doch bezeichnend, dass Gerichte jetzt den Job der Kontrollbehörden übernehmen.

Befürworten Sie Fahrverbote?

Nein. Die Menschen haben sich die Autos in gutem Glauben gekauft. Und die deutsche Automobilindustrie steht ohnehin schon vor einem harten Strukturwandel. Fahrverbote werden den noch beschleunigen. Für die 800.000 Menschen, die in der Branche arbeiten, sind das keine guten Nachrichten.

Hat der Diesel noch eine Zukunft?

Der Diesel hat eine große Vergangenheit. Die aber hat er sich erschlichen. Ohne die ganzen Tricks, wäre die Antriebsart in Europa nie so erfolgreich gewesen.

Was ist mit modernen Dieseln, die alle Grenzwerte einhalten?

Davon höre ich auch immer. Die Automanager reden von nichts anderem, als von diesen Euro-6d-Fahrzeugen. Aber wissen Sie, wieviele es davon es auf der Straße gibt?

Wieviele sind es?

Die Antwort lautet null. Womöglich gibt es saubere Diesel-Autos irgendwo, aber man kann sie nicht kaufen. Nirgendwo. Nach meinen Informationen ist nicht einzige Typenzulassung für Euro-6d-Fahrzeuge beim Kraftfahrtbundesamt beantragt worden. Das ist leider typisch für die Autoindustrie. Viele Ankündigungen, viele Versprechen – aber am Ende bleibt wenig bis gar nichts übrig.

Was fahren sie privat?

Ich habe einen Euro-6-Passat, den ich 2015 kurz vor Ausbruch des Dieselskandals gekauft habe. Darüber ärgere ich mich bis heute. Es ist mir inzwischen sogar peinlich. Bei dem Wagen gilt es als Erfolg, dass er die Grenzwerte nur um das dreifache überschreitet. Seit ich das weiß, steht das Auto meistens in der Garage.

Sie gehen zu Fuß?

Nein. Ich habe mir einen Renault Zoe gekauft. Vollelektrisch. Fährt super. Und die Reichweite ist auch kein Problem, weil die meisten Strecken ohnehin kurz sind. Der Kauf war eine interessante Erfahrung, denn natürlich habe ich auch die Autohäuser der deutschen Hersteller abgeklappert. Da hören sie dann Sätze wie, “Den E-Golf müssten wir bestellen, halbes Jahr Lieferzeit. Einen neuen Diesel dagegen können Sie sofort mitnehmen.” Im Ernst: Da habe ich keine weiteren Fragen.

Wie erklären Sie sich, dass deutsche Hersteller im E-Auto-Vorzeigeland Norwegen Marktführer sind?

Nicht nur dort! Auch in den USA und in China sind unsere Hersteller mit ihren Elektroautos gut unterwegs. Verrückt – oder? Überall dort, wo die Vorhaben knallhart sind, schaffen es die deutschen Autobauer, die Kunden von ihren Produkten zu überzeugen. Das kann doch nur bedeuten: Sie können, wenn sie wollen. Oder wenn sie müssen. In Deutschland aber müssen sie nicht. Da verkaufen sie liebe ihre schmutzigen Diesel.

Von Andreas Niesmann

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