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Der schwere Abschied von der alten VW-Kultur

Nach Abgastests Der schwere Abschied von der alten VW-Kultur

Acht Stunden tagten die VW-Aufseher am Freitag, und wahrscheinlich war der neue Chef am Ende sogar das leichteste Thema. Ohnehin war alles auf den erfahrenen Porsche-Chef Matthias Müller zugelaufen, ganz nach der Devise von Betriebsratschef Bernd Osterloh: „Der Volkswagen Konzern braucht bei der Besetzung keine Schnellschüsse.“

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Den Käfer verbindet wohl jeder mit dem Volkswagenkonzern.

Quelle: dpa

Wolfsburg. Andere Aufseher hätten sich einen klareren Bruch mit der Vergangenheit vorstellen können. Für sie war wohl ein Satz des derzeitigen Aufsichtsratsvorsitzenden Berthold Huber gedacht: Man schätze ausdrücklich Müllers „kritischen und konstruktiven Blick“. Als kritischer Geist ist bei VW noch nie ein Spitzenmann begrüßt worden – das erste zarte Zeichen eines Kulturwandels.

Wie immer, wenn man in Wolfsburg ein Thema entdeckt hat, kann das Ziel nur der Superlativ sein: Volkswagen werde unter seiner Führung alles daran setzen, „die strengsten Compliance- und Governance-Standards der gesamten Branche zu entwickeln und umzusetzen“, sagte Müller. Nun soll dem Konzern also auch in Sachen Korrektheit und Kontrolle niemand mehr etwas vormachen können.

Es sind Themen, mit denen der neue Chef bisher wenig zu tun hatte. Müller ist ein Kandidat für die Konzernseele, für Strategie und Tagesgeschäft – aber bisher nicht für Rechtsfragen und die große Politik, die VW extrem beschäftigen, seit in den USA die Abgasmanipulationen aufgeflogen sind und die Krise jeden Tag größere Kreise zieht. Sie hat längst die letzten Winkel der Welt erreicht – doch das gefährlichste Pflaster bleiben die USA. Dorthin schickt der Konzern nun einen seiner besten Männer als Katastrophenhelfer: Winfried Vahland opfert den Job als Skoda-Chef und kümmert sich künftig um Nordamerika. Als Chefdiplomat wird wohl der künftige Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch viel auf Reisen sein. Der bisherige Finanzchef ist in den USA von der Finanz- bis zur Kulturszene bestens vernetzt.

So hofft Müller den 600.000-Mitarbeiter-Konzern mit mehr als 100 Fabriken auf Kurs zu halten. Er hat ihn in allen Winkeln kennengelernt, seit er nach dem Abitur bei Audi die Lehre zum Werkzeugmacher begann. Es folgten ein Informatikstudium und die Rückkehr zu Audi. Dass er in Chemnitz geboren wurde, entnimmt man nur der Biografie, der Ton ist ausgeprägt bayerisch – und bisweilen auch das Temperament. Müller ist nicht immer diplomatisch, aber humorbegabt und basisnah. Als Porsche-Chef, der er „nebenbei“ bis zur Bestellung eines Nachfolgers bleibt, hat er sein Meisterstück in Personalführung geliefert: Müller sorgte dafür, dass die nach dem Übernahmekampf nahezu gelähmte Porsche-Mannschaft ihren Platz im neuen Mutterkonzern fand.

Sein Vorgänger Martin Winterkorn hatte ihn 2007 als Chef der konzernweiten Produktplanung mit nach Wolfsburg gebracht, wie andere Vertraute auch. Die Ingolstädter Truppe soll im Herzen des Konzerns jedoch einen mittleren Kulturschock erlitten haben. „Viele wollten gleich wieder weg“, erzählt ein Beobachter von damals. Audi, das war Selbstbewusstsein der Premiumklasse, Stilbewusstsein, eine gewisse Weltläufigkeit. Bei der Konzernmutter meinten sie Muff zu spüren, Kleinkariertheit, Bürokratie, Intrigen auf jedem Flur.

Eine ähnliche Erfahrung hatte fünf Jahre zuvor ein anderer Neuling aus Bayern gemacht: Bernd Pischetsrieder, von 2002 an Konzernchef und geprägt vom offeneren BMW-Stil. Der neue Chef hatte sein Schlüsselerlebnis, als er bei Volkswagen die akademischen Titel aus dem Alltag verbannen wollte. Nichts mehr mit „Herr Doktor...“ und „Herr Professor...“, kein „Prof. Dr. Dr. h.c. mult.“ mehr im Briefkopf. Ein schlichtes „Herr...“ sollte genügen – von Frauen dort oben war sowieso noch keine Rede. Pischetsrieder begann, von Unternehmenskultur zu sprechen, davon, wie miteinander umzugehen sei. Er ließ Leitsätze formulieren, die in Broschüren und auf kleine Kärtchen gedruckt wurden. Viele Jüngere spürten Aufbruch, für andere war die Diagnose klar: Der Mann war zu lange bei BMW.

Die Episode endete Anfang 2007. Prof. Dr. Martin Winterkorn rückte an die Spitze, und akademische Ehren wurden wieder gewürdigt – auch die „h.c.“-Titel, die sich ergeben, wenn ein Konzern großzügig Forschung und Lehre fördert. Flugs holten die Manager das alte Papier mit dem schönen Briefkopf wieder hervor, Pischetsrieders Kärtchen verschwanden, und wer später nach dem Schicksal seiner Leitlinien fragte, bekam zu hören: „Das können Sie knicken.“

Der Versuch, einem der eigenwilligsten Weltkonzerne nicht nur moderne Technik, sondern auch modernes Denken einzupflanzen, blieb eine Episode. Jetzt startet der nächste Versuch, denn an einem wird auch im Wolfsburger Herz von VW nicht mehr gezweifelt: Die für VW verheerende Affäre um manipulierte Dieselmotoren in den USA ist auch das Ergebnis einer überkommenen, hierarchiefixierten Unternehmenskultur.

Im Aufsichtsrat glaubt man Winterkorn, dass er von den Manipulationen der Emissionswerte nichts wusste. Was aber im Umkehrschluss bedeutet: Niemand traute sich, mit dem Problem zum Chef zu gehen. Ein Gast, der Zeuge eines Winterkorn-Ausfalls gegen Untergebene wurde, spricht schlicht von „Schreckensherrschaft“. „Sehr hart und sehr laut“ sei der Chef bisweilen geworden, berichtet ein anderer Ohrenzeuge. Er war nicht der einzige VW-Vorstand mit diesem Temperament.

Seit dem Rücktritt Winterkorns wird es im Konzern ausgesprochen: „Wir brauchen für die Zukunft ein Klima, in dem Probleme nicht versteckt, sondern offen an Vorgesetzte kommuniziert werden“, sagt Betriebsratschef Bernd Osterloh. Was er nicht sagt: Vieles wird auch aus Angst vor dem mächtigen Betriebsrat nicht ausgesprochen. Denn dessen Verbindungen in die Konzernspitze sind im Zweifel besser als die der Manager.

Der neue Konzernchef muss also vor allem eins schaffen: Er muss dem Volkswagen-Konzern einen neuen Geist einhauchen – ohne den alten völlig zu vertreiben. Denn immerhin verband sich der jahrelang mit riesigem Erfolg. 2007 war es, als habe Winterkorn einen Hebel umgelegt. Die Probleme, von denen Pischetsrieder gesprochen hatte, waren vergessen, von Stund an strotzte der Konzern wieder vor Selbstbewusstsein. Der Mann an der Spitze marschierte, ein Bulldozer in Körper und Geist. Und die Mannschaft folgte, spürte nach dem gelegentlich zaudernden Pischetsrieder Entschlossenheit, tankte Selbstbewusstsein, stürmte, ohne links und rechts zu schauen, von Rekord zu Rekord.

Selbst Kritiker loben Winterkorn als „Respektsperson“ und „Modellchef“, als Leuchtturm, den dieser riesige Konzern eben zur Orientierung brauche.

Da wird nun Müller stehen, sportlich und vorwärts drängend, aber kein Bulldozer. Diese Zeit soll vorbei sein, die zweite, dritte, vierte Garnitur im Management soll ihre eigenen Wege finden. Die Konzernstruktur wird umgebaut, um denen, die näher am Markt sind, mehr Entscheidungsfreiheit zu geben. Monatelange Odysseen durch Wolfsburger Gremien sollen ihnen und dem Konzern in Zukunft erspart bleiben. Müller selbst hat sie vor allem in seinen Audi-Jahren oft genug durchlitten.

Chronologie eines Skandals

Freitag, 18. September: Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren.

Sonnabend, 19. September: Die Deutsche Umwelthilfe fordert angesichts der VW-Manipulationsvorwürfe ein Fahrverbot für Dieselautos.  

Sonntag, 20. September: VW-Chef Martin Winterkorn kündigt eine umfassende Aufklärung an. „Ich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben“, teilt er mit. 

Montag, 21. September: VW stoppt den Verkauf von Dieselautos mit Vierzylinder-Motoren in den USA. Die Vorzugsaktie von VW bricht zeitweise um mehr als ein Fünftel ein. Michael Horn, VW-Chef in den USA, gibt zu: „Wir haben Mist gebaut.“ 

Dienstag, 22. September: VW gibt eine Gewinnwarnung heraus und kündigt Milliarden-Rückstellungen an. In einem Video bittet Winterkorn um Entschuldigung. 

Mittwoch, 23. September: Winterkorn tritt zurück. „Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im VW-Konzern möglich waren“, erklärt er seinen Schritt. 

Donnerstag, 24. September: Die Affäre bringt die gesamte Industrie in Bedrängnis. Vorwürfe werden laut, auch andere Hersteller könnten manipuliert haben. Viele dementieren das. 

Freitag, 25. September: Der VW-Aufsichtsrat bestimmt Matthias Müller zum neuen VW-Chef.

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Konzernumbau
„Die neue Struktur stärkt Marken und Regionen“: Mitglieder des VW-Aufsichtsrats mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller (Zweiter v. li.).

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