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Warum wir immer mehr Fertiggerichte essen

Kochen? Nein danke! Warum wir immer mehr Fertiggerichte essen

Ofen an, Pizza rein, fertig: Fertiggerichte sind mindestens doppelt so teuer wie frische Lebensmittel. Trotzdem landen sie bei den deutschen Bürgern immer häufiger auf dem Teller. Warum eigentlich?

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Frühlingsrolle, Lasagne oder doch lieber Hühnerfrikassee? Das Tiefkühlregal bietet mittlerweile nahezu jedes Gericht als Fertigmahlzeit an.

Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Hannover. Kochen war noch nie so einfach. Wir bekommen das ganze Jahr über alle erdenklichen Lebensmittel im Supermarkt und zur Not auch rund um die Uhr in Onlineshops. Wer möchte, dem wird frisches Gemüse in Bioqualität regelmäßig vor die Haustür gebracht. Andere Dienste liefern die Zutaten für ein ganzes Rezept samt Anleitung quasi bis in die Küche. Ob Mikrowelle, Dampfgarer oder Thermomix – in modernsten Küchengeräten können wir die Zutaten leicht und schonend zubereiten. Und was tun wir? Wir schieben dann doch lieber schnell die Fertigpizza in den Ofen.

Einer Studie der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE) zufolge kochen nur noch 32 Prozent der Deutschen regelmäßig selbst. 42 Prozent der Verbraucher geben hingegen an, so gut wie nie am Herd zu stehen. Die Folge: Der Absatz von Fertiggerichten steigt. Und zwar schnell. In den vergangenen Jahren hat sich der Konsum nahezu verdoppelt. Im Jahr 2005 verdrückten die Deutschen noch 570 000 Tonnen an vorgefertigten Mahlzeiten. Neun Jahre später waren es bereits 964 000 Tonnen, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Mediziner, Verbraucherschützer und Politiker warnen dagegen vor dem regelmäßigen Verzehr: zu viel Fett, zu viel Zucker, zu wenig wertvolle Nährstoffe. Wer sich so ernähre, laufe Gefahr, langfristig mit Übergewicht und den Folgen wie Diabetes oder Bluthochdruck kämpfen zu müssen, resümieren zahlreiche Studien. Doch immerhin: Wenn in einem Haushalt regelmäßig gekocht wird, dann meistens mit hochwertigen, also frischen und unverarbeiteten Zutaten, heißt es bei der BVE.

Aber warum tun wir uns das an? Warum stopfen wir uns ausgerechnet in einer Zeit, in der die Möglichkeiten für eine gesunde Ernährung so vielseitig sind, mit immer mehr Dosenravioli, Instantnudeln und Tütengerichten voll? Haben wir in unserem modernen Alltag zwischen Job, Kita, Yogastunde und Familienbesuch schlicht keine Zeit mehr, uns etwas Vernünftiges zu kochen?

Leistungsdruck und eine wachsende Mobilität gehören sicher zu den Gründen für den steigenden Konsum von Fertiggerichten, meint der Kulturwissenschaftler Prof. Gunther Hirschfelder, Mitautor der Nestlé Zukunftsstudie „Wie is(s)t Deutschland 2030“. Die Art der Ernährung werde eindeutig vom Faktor Zeit bestimmt. „Je industrialisierter und moderner eine Gesellschaft ist, desto zeitorientierter funktioniert sie“, sagt Hirschfelder. Ein grundsätzliches Problem sei das allerdings nicht. „Die Problematik in Deutschland ist nicht der Konsum von Fertiggerichten an sich, sondern die schlechte Qualität dieser“, sagt er. In Ländern wie Frankreich oder Japan sei die Qualität ungleich höher. An solchen Maßstäben müsse man sich orientieren.

Ernährungsberater wie Susanne Büscher bemängeln die vielfach mangelhafte Qualität von Fertiggerichten. Die Hamburger Ökotrophologin ärgert sich besonders darüber, dass so viele Familien mit Kindern zu den bunten Verpackungen greifen. „Der überwürzte Geschmack, verstärkt durch Zusatzstoffe und künstliche Aromen, setzt sich bei Kindern fest“, erklärt Büscher. Die Folge: Ein frisch zubereiteter Kartoffelsalat schmeckt für die Heranwachsenden, die selbigen von Haus aus nur aus der Fertigpackung kennen, vergleichsweise befremdlich. Von ihrer täglichen Arbeit kennt die Expertin viele ähnliche Beispiele. „Das ist eine dramatische Entwicklung“, sagt Büscher.

Dabei ist eine frische Mahlzeit eigentlich relativ schnell gekocht. Und mit ein bisschen Organisation und Planung ist auch bei wenig Zeit vieles möglich. Dann kocht man Nudeln oder Reis eben gleich für zwei Tage oder macht mehrere Portionen eines Gerichts, friert es ein und wärmt es bei Bedarf wieder auf. Auch gegen tiefgekühlte Basisprodukte, vorgeschnippeltes Gemüse aus dem Gefrierschrank zum Beispiel, gibt es nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Die Zutaten kommen häufig vitaminreicher daher als die Frischware aus dem Supermarkt.

„Günstiger ist Kochen mit frischen Zutaten auf jeden Fall“, sagt Büscher. Deutsche Haushalte geben im Durchschnitt etwa 340 Euro im Monat für Lebensmittel aus, die meisten allerdings haben deutlich weniger als diese Summe zur Verfügung. Wenn sie davon auch noch Fertigwaren kaufen, ist das Budget schnell aufgebraucht.

Die Verbraucherzentrale Hamburg fand bei einem Selbstversuch heraus, dass Fertiglebensmittel im Vergleich zu selbst zubereitetem Essen durchschnittlich um 184 Prozent teurer sind. Getestet wurden 14 selbstgemachte Lebensmittel im Vergleich zu 21 Fertig- und Halbfertigprodukten. Im Ergebnis waren die eigenen Kreationen immer deutlich billiger, die Industrieangebote mindestens doppelt, einige Male sogar dreimal so teuer. „Hat jemand dadurch 3 Euro Mehrkosten am Tag, dann ist er pro Jahr einen Tausender los“, rechnet Silke Schwartau, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Hamburg, vor.

Zudem stellten die Tester fest, dass von den 19 untersuchten Fertigprodukten 14 Aromen und 13 Zusatzstoffe enthielten. Nur zwei hatten weder Zusatzstoffe noch Aromen. Mit dem Preisaufschlag gehe also auch ein Abschlag für den Gesundheitswert einher, sagt Schwartau. „Verkauft wird Einheitsgeschmack statt Vielfalt – und das für viel Geld.“

Die Geschichte der schnellen Küche

1852: Getrocknetes Fleischextrakt gab es in England bereits im 17. Jahrhundert. Der deutsche Chemiker Justus von Liebig war allerdings der Erste, der die tiefbraune Paste in Großproduktion erzeugte. Das Ansinnen des Universitätsprofessors war dabei durchaus edel: Das Fleischextrakt sollte ein wertvolles Nährmittel für die ärmere Bevölkerung sein. Doch dafür war es in der Herstellung letztlich zu teuer.

1909: Mit dem „Maggiwürfel“ brachte der namensgebende Schweizer Hersteller gut 60 Jahre später den ersten Brühwürfel auf den Markt, der nicht auf tierischer, sondern auf pflanzlicher Basis hergestellt wurde. Weil er in der Produktion deutlich billiger war, konnte er sich schnell gegen die „Liebig-Würfel“ dursetzen. In seinen Varianten ist er bis heute ein Erfolgsprodukt.

1955: Die ersten Fischstäbchen wurden in Großbritannien verkauft. Ab Anfang der Sechzigerjahre eroberten die aus tiefgekühlten Fischplatten herausgesägten Happen schnell auch den deutschen Markt. Bis heute brutzeln die Stäbchen hierzulande beständig in unseren Pfannen. Im Schnitt isst jeder Deutsche 24 im Jahr.

1958: Ravioli in Tomatensoße aus der Dose landete als erstes Pasta-Gericht in deutschen Vorratsschränken. Das Maggi-Produkt war eine Antwort auf das wachsende Italienfieber deutscher Urlauber und ist bis heute eines der meistverkauften Fertiggerichte. Die Blechbüchsen genießen Kultstatus. In Campingurlauben fallen Jugendliche und Studenten noch immer über die mit Schweinefleisch und Paniermehl gefüllten Teigtaschen her. Selbst Fernsehkoch Tim Mälzer ist bekennender Fan.

1961: Wenn Mama Mirácoli am Herd zaubert, dann gibt es für den Nachwuchs bekanntlich Spaghetti mit Tomatensoße. Das Halbfertiggericht – die Soßenpaste muss mit einer Gewürzmischung und Wasser angerührt werden – wird mittlerweile in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen angeboten. In der Packung ebenfalls enthalten: Nudeln und Pamesello. Der Kunstname für den Käse soll an Parmesan erinnern. Der echte italienische Klassiker ist aber nicht enthalten.

1966: Die  Tiefkühlpizza kam nicht etwa aus Italien zu uns, sondern aus den USA. Die belegten Teigfladen wurden hierzulande zunächst nur auf Messen angeboten, 1968 stiegen Dr. Oetker und zwei Jahre später das inzwischen zum Nestlé-Konzern gehörende Unternehmen Wagner ein. Der Siegeszug der Fertigpizza hält bis heute an. Jeder Bundesbürger backt sich aufs Jahr gesehen mehr als 11 Stück im Ofen auf – Tendenz steigend.

1974: Wenig später sorgte wiederum der Schweizer Branchenriese mit der Pülverchenoffensive „Maggi Fix“ für den Beginn einer neuen Ära der Küchenhilfsmittel. Tüte auf, Inhalt zum Essen kippen, umrühren, fertig. Los ging’s mit Gulasch. Inzwischen kann von der Paprika-Couscous-Pfanne bis zum Schichtkohl mit Hackfleisch fast alles angerührt werden.

2007: Auf der Kölner Ernährungsmesse Anuga erhielt das  „Toasty“ noch den Innovationspreis, wenig später wurde der Schnitzelsnack aus dem Hause Tillman’s von Warentestern verrissen. Das Prinzip: Der plattgedrückte, panierte Fleischfladen kann direkt im Toaster zubereitet werden – viel schneller kann ein Fertiggericht nicht auf dem Teller landen.

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