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Deutschland / Welt Handy-Schätze in der Schublade
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Handy-Schätze in der Schublade
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00:18 03.12.2015
Laut einer aktuellen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom beherbergen die Deutschen 100 Millionen ungenutzte Mobiltelefone zu Hause. Quelle: Kay Nietfeld
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Vor fünf Jahren seien es laut der Umfrage des Digitalverbandes Bitkom noch 39 Prozent weniger als heute gewesen. "Die Verbraucher wollen von den vielen Innovationen insbesondere bei Smartphones profitieren. Deshalb werden alte Geräte relativ häufig gegen neue ausgetauscht", sagt Isabel Richter, Bitkom-Umweltexpertin. Gebrauchte Handys landen dann eben in der Schublade – als Reserve, falls das neueste Modell den Geist aufgibt oder abhandenkommt.

Sieben Millionen Handys weltweit

Dabei wird der eigentliche Wert von diesen Geräten häufig übersehen. Rund 60 Rohstoffe stecken in einem Mobiltelefon, darunter wertvolle Metalle wie Kupfer, Eisen, und Zinn, aber auch noch viel  seltenere Elemente wie Kobalt, Lithium und Wolfram. Eine Tonne Golderz hat sogar so viel Gold, wie in 49 Handys enthalten ist. Diese Rohstoffe werden heutzutage in Entwicklungs- und Schwellenländern gefördert. So gehört Chile zu den größten Kupferproduzenten der Welt. Sambia und die Demokratische Republik Kongo liefern die Hälfte des weltweit verwendeten Kobalts. Dass dort Bergbauarbeiter in oftmals alten und ungesicherten Minen arbeiten, und der Abbau das örtliche Trinkwasser unbrauchbar macht, interessiert die produzierenden Unternehmen häufig nur wenig. Schließlich gibt es eine weltweite, große Nachfrage an den handlichen Mobiltelefonen. Nach Prognosen der Internationalen Fernmeldeunion, eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, wird es Ende 2015 weltweit fast genauso viele Mobilfunkanschlüsse wie Erdbewohner geben: sieben Millionen.

Was steckt drin?

Das Handy gilt als das "Filetstück" unter den Elektrokleingeräten: Kein anderes Gerät vereint nach Angaben des Informationszentrums Mobilfunk so viele Rohstoffe auf so engem Raum. Es besteht aus Einzelteilen wie Akku, Display, Gehäuse und Leiterplatte, für deren Produktion etwa 60 Stoffe benötigt werden. Zu den im Handy verarbeiteten Stoffen zählen Kunststoffe, Metalle, Glas und Keramik. Allein rund 30 verschiedene Metalle stecken im Handy – darunter Kupfer, Eisen und Aluminium; aber auch seltene Metalle (z. B. Kobalt, Indium, Tantal) und Seltene Erden (z. B. Neodym).
Im Recyclingprozess werden zunächst die Akkus entnommen und fachgerecht entsorgt. Anschließend werden die Handys je nach Verfahren unterschiedlich stark vorzerkleinert und die Bestandteile (Display, Kunststoffe, Metallgemische) sortiert. In komplexen Prozessen werden die Metalle nach der Schmelze extrahiert und können so schließlich wiederverwendet werden. Pro Handy werden je nach Modell im Durchschnitt rund 9 Gramm Kupfer, 150 Milligramm Silber, 25 Milligramm Gold sowie sehr geringe Mengen an Platin und Palladium zurückgewonnen.
Forscher und Ingenieure in Deutschland arbeiten derzeit daran, effizientere Recyclingverfahren zu entwickeln. Ziel ist es, unabhängiger von Rohstoffimporten zu werden. Dabei helfen soll das Förderprogramm "r4 – Innovative Technologien für Ressourceneffizienz" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Das Programm konzentriert sich vor allem auf mineralische Rohstoffe wie Seltene Erden.

Doch dem weltweit steigenden Konsumniveau steht lediglich eine geringe Recyclingquote von unter 10 Prozent entgegen. Nach Einschätzungen von Wissenschaftlern ist Recycling der entscheidende Ausweg, um Rohstoffressourcen und Umwelt nachhaltig zu schonen. Und sogar unabdingbar, wie Dr. Maria Welfens vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie sagt: „Eine Wende zu nachhaltigerer Handy-nutzung und zum Recycling ist absolut notwendig, denn für Zukunftstechnologien wie Umwelttechnik oder Elektroautos sind die sogenannten Technologiemetalle, unter anderem Kobalt, Lithium und Gold, von zentraler Bedeutung.“ Wer daher sein Althandy in der Schublade belässt, lässt Rohstoffe ungenutzt.

Wohin also mit den gebrauchten Teilen, wenn sie der Nutzer nicht verschenken oder verkaufen will? In den Hausmüll gehören sie nicht, das allein zeigt das aufgeklebte Symbol mit der durchgestrichenen Abfalltonne auf Rädern. Gesetzlich vorgeschrieben ist eine gesonderte Entsorgung. Dem Verbraucher stehen drei gängige Optionen offen, wie Kathrin Körber von der Verbraucherzentrale Niedersachsen bestätigt. In allen Fällen sollten die persönlichen Daten unbedingt gelöscht werden.

Spenden für einen guten Zweck

Was immer geht, ist alte und defekte Handys zum kommunalen Wertstoff- und Recyclinghof zu bringen. Darüber hinaus kann der Verbraucher seine Altgeräte spenden. Gemeinnützige Organisationen wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) oder die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kooperieren mit Mobilfunkanbietern, die die Geräte an Recyclingfirmen abgeben. Für jedes alte Handy bekommt die Organisation dann einen Pauschalbetrag, den sie in die Finanzierung von vereinsbezogenen Projekten steckt. Hier sollten Spender genau hinschauen, wie Körber sagt: "Letztlich gilt das Projekt, welches unterstützt wird. Bei allem guten Willen muss durchaus auf die Zuverlässigkeit der Spenderorganisation geschaut werden." Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) erteile Spenden-Siegel, auf deren Aussagen Verbraucher sich verlassen können.

Datenreste richtig löschen

Experten raten zur Vorsicht: Nutzer sollten unbedingt die auswechselbare Speicher- sowie SIM-Karte entfernen, bevor sie ihr altes Gerät recyceln. Auch sollten die restlichen persönliche Daten vom Gerät gelöscht werden. Die Verbraucherzentrale Niedersachsen rät zu Programmen, die diese Daten unwiderruflich löschen. Hierzu sollten sich Verbraucher entsprechend informieren. Zudem sollten die Werkseinstellungen wiederhergestellt werden. Aber auch hier sei zu beachten, dass mittels spezieller Recovery-Programme Daten wiederhergestellt werden können, so die Verbraucherzentrale. Letztlich lassen sich viele Daten auch löschen, indem der Nutzer das Handy an den stationären Rechner anschließt und von dort aus Daten löscht.

Letztlich nehmen auch Netzbetreibern und Hersteller alte Mobiltelefon an. Bislang galt dies nur auf freiwilliger Basis. Mit einem neuen Elektrogesetz, das auf einer EU-Richtlinie fußt, soll die Rücknahme ab 2016 für alle Geschäfte mit mehr als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche verpflichtend werden. "Begrüßenswert wäre gewesen, wenn alle Vertreiber eine Verpflichtung zur Rücknahme gehabt hätten. Aber die Freiwilligkeit bleibt schließlich für alle anderen Vertreiber bestehen", sagt Körber.

Nach Angaben des Informationszentrums Mobilfunk werden 10 Prozent der Althandys über Netzbetreiber, Hersteller, Wertstoffhöfe und Sammlungen neu aufbereitet und – zumeist im Ausland – weiterverwendet. Die restlichen 90 Prozent sind defekte Geräte und gehen an Unternehmen, die mit hochtechnischer Ausstattung die wertvollen Metalle aus den Handys zurückgewinnen. Damit einer der beiden Prozesse aber überhaupt erst in Gang kommen kann, ist der Blick in die heimische Schublade unvermeidlich.

Von Victoria Graul

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