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„Wir Bauern brauchen keine Nachhilfe“

Deutscher Bauernverband „Wir Bauern brauchen keine Nachhilfe“

Das russische Embargo gegen landwirtschaftliche Erzeugnisse aus der EU hat die deutschen Bauern schwer getroffen. Im Interview spricht der Präsident des Deutschen Bauernverbandes Joachim Rukwied über leidende Betriebe, naive Verbraucher – und eine Ministerin, die „keine Ahnung“ hat.

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"Die Landwirtschaft hat Zukunft – sie ist die Grundvoraussetzung für das Leben": Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes.

Quelle: Franziska Kraufmann

Hannover. Joachim Rukwied ist seit vier Jahren Präsident des Deutschen Bauernverbandes. Der 54-Jährige hat Agrarwirtschaft studiert und vor mehr als zwei Jahrzehnten den elterlichen Hof in Eberstadt bei Heilbronn übernommen, der damals 80 Hektar bewirtschaftete und 25 Kühe hielt. Rukwied beendete die Milchviehhaltung und dehnte die Fläche deutlich aus, auf der er heute Acker-, Feldgemüse- und Weinbau betreibt. Der Landwirt ist verheiratet und hat drei Kinder.

Der Bauernverband hat das Auslaufen der Milchquote vor einem Jahr begrüßt, weil das die „unternehmerische Entscheidungsfreiheit über die Produktionsmenge und die Entwicklung des eigenen Betriebes“ gewährleiste. Haben die Landwirte diese Freiheit falsch verstanden, Herr Rukwied?

Nein, das kann man so wirklich nicht sagen. Im Gegenteil: Die deutschen Bauern haben diszipliniert gemolken. Die Milchmenge hierzulande ist nach dem Auslaufen der Quote nur marginal gestiegen. Die Holländer und die Iren hingegen haben ihre Mengen um 13 beziehungsweise 17 Prozent erhöht.

Wenn ein Maschinenbauer zu viele Maschinen baut, hat er auch ein Problem - er ruft dann aber nicht nach dem Staat. Warum ist das bei den Bauern immer anders?

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Es gibt hier einen großen Unterschied: Die Milchkrise ist auch politischer Natur. Einer der Mitauslöser sind die Sanktionen der EU gegen Russland, auf die man in Moskau mit einem Embargo gegen landwirtschaftliche Erzeugnisse aus der EU reagiert hat. Damit ist ein Markt mit einem Volumen von 1,8 Milliarden Euro weggebrochen – das hat die deutsche Landwirtschaft schwer getroffen. Hinzu kommen die politischen Unruhen im Nahen Osten und Nordafrika und die Nachfrageschwäche in China.

Acht namhafte Agrarökonomen haben gerade vor einer erneuten Regulierung des Milchmarkts gewarnt. Schließlich sorge die Preiskrise dafür, „dass diejenigen Produzenten mit den ungünstigsten Kostenstrukturen aus der Milchproduktion aussteigen“. Teilen Sie die Analyse?

Nein, in keiner Weise. Unter der Krise leiden vor allem jene Betriebe besonders, die in eine moderne und artgerechte Haltung investiert haben, die Zukunftsinvestitionen getätigt haben. Diese Höfe können nun nicht genug Geld erwirtschaften, um ihre Kredite zurückzuzahlen.

Was meinen Sie?

In dieser Woche treffen sich die Deutschen Bauern in Hannover. Wie sehen Sie die Arbeit der Landwirte?

Die Bauern erwarten Hilfe von der Politik – kann es wirklich Aufgabe des Gesetzgebers sein, den Strukturwandel in einer Branche zu steuern?

Die Frage ist, ob es noch ein normaler Strukturwandel ist oder schon ein Strukturbruch. In der Vergangenheit haben jedes Jahr im Schnitt 2 Prozent der Bauern die Landwirtschaft aufgegeben - meist weil die jüngere Generation einen Hof nicht übernehmen wollte. Wenn diese Quote jetzt auf 5 bis 6 Prozent steigt, ist das nicht mehr akzeptabel. In meiner Heimat Baden-Württemberg hat in den vergangenen fünf Jahren fast die Hälfte aller Ferkelhalter aufgeben müssen.

Aus der Politik gibt es eher andere Signale. Umweltministerin Barbara Hendricks beispielsweise möchte Agrarsubventionen nur noch als Gegenleistung für Naturschutzmaßnahmen zahlen ...

So kann sich nur jemand äußern, der von der Landwirtschaft keine Ahnung hat. Wer wie die Ministerin den Maisanbau als Grund für die jüngsten Überschwemmungen in Niederbayern heranzieht, disqualifiziert sich selbst. Starkregen war die Ursache. Im Vergleich zu den versiegelten, zubetonierten Flächen von Straßen und Städten, deren Umfang täglich um 74 Hektar zunimmt, nehmen landwirtschaftliche Böden Wasser auf. Die Bauern investieren von sich aus viel Geld in eine ressourcenschonende Landwirtschaft und die Fruchtbarkeit ihrer Böden. Sie benötigen hierin keine Nachhilfe.

Das Image der Landwirtschaft ist ein anderes: vollgepferchte Ställe, geschredderte Küken und Ferkel, die ohne Betäubung kastriert werden. Sind die Verbraucher vielleicht auch deshalb nicht bereit, höhere Preise für Milch und Fleisch zu bezahlen?

Leider stehen immer weniger Menschen in direktem Kontakt mit der Landwirtschaft. Wir laden sie zum Tag des offenen Hofes ein, damit sie sich informieren. In diesem Jahr waren wieder mehr als 600 Betriebe bundesweit daran beteiligt. Wenn bei einem solchen Besuch eine junge Mutter wissen will, wann den Kühen die Milch mit einem Fettgehalt von 1,5 Prozent „abgezapft“ wird und wann jene mit 3 Prozent, wird deutlich, wie groß die Entfremdung inzwischen ist und wie notwendig dieser Dialog ist.

Es gibt ein Label vom Tierschutzbund, Verbraucherschützer fordern ein nationales Label für tiergerechte Haltung, die CDU hat sich beim letzten Parteitag für ein EU-Label starkgemacht - würde den Bauern eine Kennzeichnung helfen?

Die Erfahrungen zeigen leider, dass sich Labels im Markt nicht durchsetzen. Es gibt ständig solche Angebote, der Marktanteil verharrt aber bei wenigen Prozent. Um die Tierhaltung zu verbessern und unabhängig vom Marktpreis die notwendigen Investitionen honoriert zu erhalten, wurde die Initiative Tierwohl ins Leben gerufen. Landwirtschaft, Schlachtunternehmen und Lebensmitteleinzelhandel sind da in einem Boot.

Aldi, Edeka und Co. zahlen Betrieben, die unter anderem den Einsatz von Antibiotika verringern, zwar mehr Geld, aber die Enttäuschung unter den Bauern ist doch auch groß ...

Das liegt daran, dass so viele Schweinehalter zum Start mitmachen wollten, dass das zur Verfügung stehende Geld nicht ausreichte und es eine Warteliste gibt. 2200 Schweinehalter können derzeit an der Initiative teilnehmen. Doch die doppelte Anzahl an Schweinehaltern hat durch entsprechende Investitionen die Voraussetzungen für die Teilnahme geschaffen. Der Lebensmitteleinzelhandel, der die Initiative finanziert, müsste seine Zahlungen von derzeit 4 Cent je verkauftem Kilogramm Fleisch oder Wurst deutlich erhöhen, dann wären alle drin und für weitere gäbe es einen Anreiz. Unser Ziel bleibt: Wir wollen die Haltungsbedingungen der Schweine- und Geflügelhaltung weiterentwickeln.

Sie haben Ihren Hof vor 20 Jahren von Ihren Eltern übernommen. Würden Sie einem Ihrer drei Kinder raten, es Ihnen später gleichzutun?

Ich rate das nicht nur meinen Kindern. Wenn jemand das Herz dafür hat, dann soll er es machen: Die Landwirtschaft hat Zukunft – sie ist die Grundvoraussetzung für das Leben.

Bauerntag in Hannover

Nach 19 Jahren findet der Deutsche Bauerntag in dieser Woche erstmals wieder in Hannover statt. Die Veranstaltung beginnt am Mittwoch mit einer Grundsatzrede des Verbandspräsidenten Joachim Rukwied und setzt sich in vier Diskussionsforen fort – dabei geht es unter anderem um den kriselnden Milchmarkt, Perspektiven der Nutztierhaltung und die Zukunft der Agrarpolitik. Am Donnerstag sprechen Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) und EU-Agrarkommissar Phil Hogan zu den Delegierten. Anschließend ist eine Kundgebung vor dem Kuppelsaal geplant.

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