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„Wirtschaft braucht die Zuwanderer“

Fachkräftemangel, Flüchtlinge und Industrie „Wirtschaft braucht die Zuwanderer“

"Die Wirtschaft braucht die Zuwanderer": Der Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer spricht im Interview mit den Redakteuren Lars Ruzic und Stefan Winter über Fachkräftemängel, Flüchtlinge und die Digitalisierung der Industrie.

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Ingo Kramer ist seit Ende 2013 Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Herr Kramer, Sie waren gerade auf der Ideenexpo ...

Da ist der Teufel los, sage ich Ihnen. So viele Jugendliche informieren sich dort. Genau die richtige Veranstaltung, um dem Fachkräftemangel zu begegnen.

Das Thema hat die Wirtschaft ja quasi über Nacht zur Herausforderung Nummer eins erklärt. Dabei war es lange absehbar.

Sicherlich, aber die Sensibilität für ein Problem steigt mit dem Ausmaß der persönlichen Betroffenheit. Bis vor wenigen Jahren waren wir es immer gewohnt, aus unzähligen Bewerbungen auswählen zu können. Plötzlich bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt. Der Rest ist Mathematik: In 20 Jahren werden wir vier Millionen Erwerbstätige weniger haben. Es sei denn, wir ändern etwas.

Und das wäre?

Wir müssen die Potenziale ausschöpfen, die bislang ungenutzt geblieben sind. Jeder fünfte Jugendliche, der heute von der Schule kommt, gilt als nicht ausbildungsfähig. 50.000 junge Menschen verlassen jedes Jahr die Schulen ohne Abschluss! Die sind ja nicht einfach nur zu dumm, sie haben nur Brüche in der Biografie oder wurden aus irgendwelchen anderen Gründen vom Bildungssystem aussortiert. Die müssen wir aus der Ecke wieder herausholen. Das erfordert eine hohe persönliche Einsatzbereitschaft beim Betreuer - und Geld.

Beides war in den Betrieben bislang wenig ausgeprägt.

Ganz klar: Ich will das auch als Aufforderung an uns Unternehmer verstanden wissen. Wir dürfen uns nicht allein um die Olympioniken kümmern. Aber mit dem wachsenden Druck wird die Bereitschaft zunehmen, sich auch bei den Schwächeren zu engagieren. Sie links liegen zu lassen, können wir uns weder moralisch noch wirtschaftlich leisten.

Das allein wird die Lücke aber nicht schließen.

Richtig. Selbst wenn wir die Beschäftigungsquoten bei den Frauen erhöhen und die Älteren - jedenfalls diejenigen, die es wollen - länger arbeiten ließen, reicht das immer noch nicht aus, um den künftigen Personalbedarf der Firmen zu decken. Wir brauchen Zuwanderung. Zum Glück kommen die Leute inzwischen auch wieder gern zu uns. Da gab es schon andere Zeiten. Deutschland hat heute die dritthöchste Zahl ausländischer Studenten nach den USA und Großbritannien. Wir sind längst ein Zuwanderungsland. Es wird Zeit, dass wir uns auch entsprechend aufstellen - nicht nur im Denken, auch in den behördlichen Strukturen.

Das fällt dem Land ja offenbar schon bei den Flüchtlingen schwer.

Sie müssen dringend schneller integriert werden. Sie brauchen vom ersten Tag an Deutsch-Unterricht - und zwar unabhängig davon, ob sie am Ende dauerhaft hier bleiben dürfen oder nicht. Das erleichtert den Menschen den Start in unserem Land, und sie werden schneller von den Einheimischen akzeptiert. Dann müssen wir den Flüchtlingen erlauben, sich eine Lehrstelle zu suchen. Während der gesamten Laufzeit der Ausbildung sollte man sie nicht abschieben dürfen. Wer nach abgeschlossener Lehre übernommen wird, sollte bleiben dürfen. Wer nach der Ausbildung nicht übernommen wird, dem sollten wir zumindest ein Jahr Zeit geben, sich einen Job zu suchen.

Das wäre dann wohl Wasser auf die Mühlen von Pegida und Co.

Diesen Menschen müssen wir endlich klarmachen, dass wir nicht mehr in einer Zeit von fünf Millionen Arbeitslosen leben. Wir brauchen heute dringend wieder Zuwanderung. Sie hat in den 1950er- und 1960er-Jahren schon einmal die alte Bundesrepublik bereichert, jetzt gilt das für das vereinte Deutschland.

Der Fachkräftemangel bringt die Arbeitgeber in eine strategische Klemme. Schon heute begründet so manche Gewerkschaft ihre Forderungen damit, dass der jeweilige Berufszweig attraktiver werden müsse. Wie gehen sie damit um?

Das Argument ist ja nicht ganz falsch. Aber die Tarifabschlüsse werden noch immer daran gemessen, ob der Kunde am Ende bereit ist, sie auch zu bezahlen. Die Gewerkschafter und vor allem die Betriebsräte an der Basis wissen sehr gut, wann der Bogen überspannt ist.

Das gerade verabschiedete Gesetz zur Tarifeinheit, das auch Sie eingefordert hatten, bringt eine Rückkehr zum Prinzip „ein Betrieb, eine Gewerkschaft“. Und schon stehen die Kläger Schlange beim Bundesverfassungsgericht. Sind Sie da zu weit gesprungen?

Kennen Sie ein Gesetz, gegen das heute nicht geklagt wird? Alle Beteiligten haben sich große Mühe gegeben, das Gesetz verfassungsfest zu machen. Ich mache mir da keine großen Sorgen.

Gleichwohl stärkt es die Macht der großen Tarifparteien - und das vor dem Hintergrund einer abnehmenden Tarifbindung. Warum können Sie immer weniger Betriebe vom Verbleib im Arbeitgeberverband überzeugen?

Je mehr Arbeitnehmer sich in Gewerkschaften engagieren, desto mehr Betriebe reagieren durch Mitgliedschaft bei uns. Die Bindungskräfte der Gewerkschaften werden aber immer schwächer. Heute sind noch sechs Millionen Menschen Mitglied einer Gewerkschaft, davon ein Großteil Rentner. Es waren einmal doppelt so viele. Wir dagegen sprechen für eine Million Betriebe mit 20 Millionen Beschäftigten.

Fehlen den Tarifparteien vielleicht die richtigen Antworten auf die neue digitale, flexible Arbeitswelt?

Die Beschäftigten wollen nicht mehr in Schubladen gesteckt werden. In der IT-Branche sehen wir heute schon, dass kaum Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert sind. Die Herausforderung wird noch zunehmen, wenn erst einmal die Digitalisierung der Industrie, also Industrie 4.0, Fahrt aufgenommen hat. Dann werden wir uns ganz anders Gedanken über Familie und Beruf, über Arbeitsplatz und Arbeitszeit machen müssen. Je schneller sich die Tarifpartner darauf einstellen und die Politik mitspielt, desto leichter können wir den Wandel mitgestalten. Denn die Weichen müssen rechtzeitig gestellt werden, sonst wandern die Arbeitsplätze ab.

Interview: Lars Ruzic und Stefan Winter

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