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„Die Flugreise verkommt zum Billigprodukt“

HAZ-Interview „Die Flugreise verkommt zum Billigprodukt“

Hans Rudolf Wöhrl hat die Eurowings gegründet und die LTU saniert - er hält den Sparkurs von Lufthansa und Co. für gefährlich. Im HAZ-Interview erklärt wer warum immer mehr Airlines das Modell der Billigflieger kopieren.

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Flugreisen werden immer günstiger.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Hannover. Sie sind selbst Pilot: Wenn Sie heute von Frankfurt nach New York fliegen wollen – worauf achten Sie, Herr Wöhrl?
Mich interessiert an erster Stelle die günstigste und zeitsparendste Verbindung. Beim Preis suche ich ein angemessenes Verhältnis zwischen Mehrkosten und Zeitersparnis. Also für eine Stunde Zeitersparnis würde ich nicht 300 Euro mehr ausgeben. Ansonsten ist es mir bei Flügen bis zu zwei Stunden ziemlich egal, mit wem ich fliege. Bei längeren Flügen hingegen bin ich wählerischer und achte vor allen Dingen auf Beinfreiheit.

Um möglichst viele Passagiere unterzubringen, verknappen die Airlines in der „Holzklasse“ die Beinfreiheit und magern die Rückenlehnen ab. Wie weit lässt sich dieser Trend noch treiben?
Bis die EU endlich auch für Flugreisende das Tierschutzgesetz entdeckt und merkt, dass jeder Schweinetransport humaner als das Fliegen ist! Spaß beiseite – ich finde diesen Trend schlimm, weil er der Flugreise jeden Charme nimmt und sie zum Billigprodukt verkommen lässt. Das mag den Passagier zurzeit ja noch erfreuen, aber am Ende geht das zulasten der Vielfältigkeit und wohl auch der Zuverlässigkeit!

Selbst die Lufthansa kopiert – im hinteren Teil der Maschine – jetzt das Preismodell der Billigflieger. Kann das gutgehen?
Mich würde das sehr wundern, denn Lufthansa war immer ein Markenprodukt, welches für Qualität, Service und Zuverlässigkeit stand. Dafür waren die Passagiere immer bereit, auch (viel) mehr zu bezahlen. Diese höheren Einnahmen waren die Voraussetzung, dass es Lufthansa und deren Mitarbeitern immer ganz gut ging. Wenn die Qualität aber abhanden kommt, dann gibt es keinen Grund mehr für die Reisenden, ihren Beitrag zur Deckung dieser Kosten zu leisten. Es könnte ein böses Erwachen geben.

Die Piloten galten lange als „Halbgötter in Blau“, insbesondere bei der Lufthansa kämpfen sie vehement für ihre Privilegien. Haben Sie Verständnis für die „Kollegen“?
Die Antwort darauf fällt mir schwer, weil ich beide Seiten verstehe. Natürlich hat die Lufthansa recht, dass die Piloten mit ihren exorbitant hohen Gehältern und ihren Privilegien die Wettbewerbsfähigkeit der Firma massiv belasten und mit der starren Haltung, daran nichts zu ändern, das Unternehmen zum Ausflaggen und anderen Maßnahmen zwingen. Wenn das auch auf die Tochtergesellschaften übergreift, gefährdet das vielleicht sogar den ganzen Konzern. Gefährlich ist das aber leider nur für den Konzern, die Aktionäre, den Standort Deutschland und die Nachwuchspiloten, nicht aber für die Akteure selbst. Denn: Diejenigen, die heute um den Erhalt ihrer Privilegien kämpfen, haben auch im schlimmsten Fall kaum etwas zu verlieren.

Wie das?
Zum einen haben sie das Ende des eigenen Berufslebens (mit 60 Jahren) vor Augen und die Zeit danach bereits verplant (manche sogar mit einem fliegerischen Zubrot bei einer anderen Gesellschaft). Und selbst, wenn es vorher zum Crash kommen sollte – dann greift der Pensionssicherungsverein! Also hart bleiben, alles erhalten und nach uns die Sintflut, so lautet das Motto. Das ist nicht besonders verantwortungsbewusst – obwohl die Piloten ansonsten ungern etwas auf ihr großes Verantwortungsbewusstsein kommen lassen und damit auch die hohen Gehälter rechtfertigen. Aber um ehrlich zu sein: Welcher Arbeitnehmer würde sich, nur im Interesse des Fortbestandes seiner Firma, anders verhalten?

Mit anderen Worten: Die Lufthansa hat schlechte Karten ...
Es gibt zu viele Sicherungsmechanismen, um wirklich seitens der Firma Druck aufbauen zu können. Der Druck könnte aus der Belegschaft selbst kommen, aber ich glaube, dieser fehlt noch das Vertrauen in die Führungsspitze.

Traditionelle Airlines wie die Lufthansa oder Air France/KLM stehen von zwei Seiten unter Druck: Ryanair und Co. greifen von unten an, die Flieger vom arabischen Golf locken mit mehr Service. Gibt es einen Ausweg aus dieser Zwickmühle?
Es gibt immer einen Ausweg, aber der heißt nicht kopieren, sondern besser machen. Die Lufthansa und andere haben nur als Qualitätscarrier eine Chance. Denn auch wenn sie noch so sehr auf die Sparbremse drücken, sie werden niemals das Kostenniveau einer Ryanair erreichen. Die Idee, die Kernmarke aufzuwerten und das Massengeschäft über eigene Low-Coster abzuwickeln, erscheint zwar logisch – ich bezweifle aber, dass man unter dem Dach eines Konzerns tatsächlich auf Dauer mit unterschiedlichen Tarifverträgen etc. arbeiten kann.

Das klingt jetzt eher nach Sackgasse als nach Ausweg ...
Das schlimmste Ergebnis wäre ein mittelmäßiger, aber teurer Premiumanbieter und eine Reihe von zu teuer produzierenden Billiganbietern. Mein Rat lautet stattdessen, das beste Produkt zu entwickeln und gleichzeitig alle Abläufe zu optimieren. Damit wäre man am Ende wohl ein Stück teurer, aber die Reisenden würden für ein wirklich gutes Produkt bestimmt auch einen angemessenen Aufpreis bezahlen.

Früher galt Air Berlin als Hauptkonkurrent der Lufthansa, heute hängt die Gesellschaft am Tropf ihrer arabischen Muttergesellschaft Etihad. Kann Air Berlin überleben?
Es ist von außen schwer zu beurteilen, ob es Air Berlin wirklich so schlecht geht. Die Gesellschaft zahlt extrem hohe Zinsen für Anleihen und muss hohe
 Leasingraten tragen. Wer kassiert die? Sollte das der Hauptgesellschafter sein, also Etihad, könnte der Cash Flow erfreulicher aussehen, als es ein Blick in die Bilanz vermuten lässt.

Ferienflieger wie Tuifly müssen sich um die Auslastung ihrer Maschinen keine Sorgen machen, da die konzerneigenen Veranstalter ihre Sitze füllen. Hat dieses Geschäftsmodell angesichts der Überkapazitäten noch eine Zukunft?
Wenn ich ein Veranstalter wäre, dann würde ich mich weder mit Blech (Flugzeugen) noch mit Backsteinen (Hotels) in Eigenregie befassen, sondern dort zugreifen, wo ich das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bekomme. Es wird immer wieder neue Anbieter geben, die es besser machen, als man es selbst kann. Die großen Veranstalter sind immer besser damit gefahren, wenn sie nur Pakete zusammengestellt und nicht die Einzelleistungen selbst erbracht haben. Insofern wird es in nächster Zeit wohl mehr Fälle des Outsourcings von Airlines und Hotels geben als umgekehrt. Aber der Wunsch, möglichst von der gesamten „Nahrungskette“ zu profitieren, wird immer wieder dazu führen, doch alles selbst zu machen.

Interview: Jens Heitmann

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