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Deutschland / Welt „Die Kritik an e.on ist scheinheilig“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt „Die Kritik an e.on ist scheinheilig“
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07:34 17.08.2011
Von Stefan Winter
Die Kritik an e.on wegen eines geplanten Jobabbaus reißt nicht ab. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Hannover

Zusammen mit zusätzlichen Kosten für Emissionsrechte werde das ganze Industriezweige wie Stahlwerke und Chemiefabriken gefährden. „Wir kriegen ein Riesenproblem im nächsten Abschwung“, sagt Müller.

Er sieht e.on als erstes Opfer einer überhasteten Politik. Der Energiekonzern hat einen grundlegenden Umbau angekündigt und will rund 11 000 Stellen streichen, eine bisher unbekannte Zahl davon in Hannover. Während Kritiker e.on auch Strategiefehler vorwerfen, gibt Müller der Politik und dem schnellen Atomausstieg die Schuld: „Das knallt man den Unternehmen von heute auf morgen auf den Tisch und wundert sich dann über die Konsequenzen.“

e.on hat mit seinen Plänen heftigen Gegenwind aus der Politik bekommen. Das reicht von milden Mahnungen des Bundeswirtschaftsministers Philipp Rösler (FDP) über einen offenen Brief des Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion, Björn Thümler, der die e.on-Pläne „nicht nachvollziehbar“ findet und Druck auf den Konzern fordert, bis zu Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD), der von einem „Unding“ sprach, das man dem Konzern „nicht durchgehen lassen“ dürfe. Nachdem die Politik Teile des Geschäftsmodells praktisch über den Haufen geworfen habe, sei die Kritik „unehrlich und scheinheilig“, wettert Müller, – „bei der CDU genauso wie bei der SPD“.

Nach Müllers Überzeugung werden allerdings nicht nur die Energiekonzerne unter den Folgen des Ausstiegsbeschlusses leiden, er macht sich vor allem Sorgen um deren Großkunden. Die Verbände haben mit dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln versucht, die Kosten der Energiewende auszurechnen und kommen auf Beträge zwischen 35 Milliarden und im schlimmsten Fall 74 Milliarden Euro. Hätte die Bundesregierung diese Rechnung vor der Entscheidung angestellt, könnte man die Energiewende billiger haben, ist Müller überzeugt. „Aber wir leisten uns den Luxus von Solarenergie in Niedersachsen.“

Die Folge könnten nur rapide steigende Strompreise sein. Gleichzeitig kämen die Großverbraucher aber noch von einer anderen Seite unter Druck: Sie müssen von 2013 an für ihren Kohlendioxidausstoß Emissionsrechte kaufen. Zusammen mit den steigenden Strompreisen gefährde das ganze Industrien, warnt Müller: „Die energieintensiven Betriebe müssen entlastet werden, gerade Niedersachsen ist darauf angewiesen“.

So sieht einer der größten Stromverbraucher in Niedersachsen, der Stahlkonzern Salzgitter AG, unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum noch Wachstumsperspektiven für seine Branche in Europa. Konzernchef Heinz Jörg Fuhrmann verweist darauf, dass die Emissionen der Stahlwerke teilweise bereits am technischen Minimum lägen und gar nicht weiter reduziert werden könnten. Die Brüsseler Politik hält er für „fehlgeleitet“ und sagt die Abwanderung von Industrien in Regionen voraus, wo sie beliebige Mengen CO2 ausstoßen können – mit entsprechenden Folgen für das Klima. Zu den stromintensiven Branchen gehört auch die lukrativste Beteiligung des Konzerns, die Kupferhütte Aurubis in Hamburg. Auch für Dow Chemical in Stade oder Xstrata Zink in Nordenham kann der Strompreis über die Zukunft des Standorts entscheiden.

Die Bundesregierung will die energieintensiven Betriebe bei den Strompreisen entlasten, um die Kosten für Emissionsrechte auszugleichen. Es sei aber alles andere als sicher, dass diese Vergünstigung auch von der EU-Kommission genehmigt werde, sagt Müller, der bis jetzt keine Fortschritte in Brüssel erkennt. Summierten sich die Belastungen so, wie es sich im Moment abzeichne, malt Müller ein düsteres Szenario: „Wie es deindustrialisierten Ländern geht, sieht man in Großbritannien.“

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