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Deutschland / Welt Expert pirscht sich an Media-Saturn heran
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Expert pirscht sich an Media-Saturn heran
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12:52 03.02.2012
Von Lars Ruzic
Expert-Geschäft im Leine Center Laatzen: Die Kooperation hat sich gegen die Billigheimer der Branche behauptet. Quelle: Hagemann
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Hannover

1962 kaufte man noch Schwarz-Weiß-Fernseher und Vinyl-Schallplatten, die Kompaktcassette war gerade erfunden worden und kaum ein Haushalt kannte einen Gefrierschrank. Den Einzelhandel dominierten die Warenhäuser und der Versandhandel. Es war die Zeit, in der sich immer mehr kleine Händler zu Einkaufskooperationen zusammentaten, um mit den Großen mithalten zu können. Irgendwo in einem Hinterzimmer setzten sich vor 50 Jahren auch zehn Elektro-Fachhändler aus dem Großraum Hannover–Braunschweig zusammen, um einen solchen Pakt zu schmieden.

Was als „Bild + Ton“ gegründet wurde, bekam recht schnell den Namen Expert und steht heute für den zweitgrößten Elektrohändler Deutschlands – nach der Metro mit ihren Marken Media Markt und Saturn. Die rund 210 selbstständigen Unternehmer, die gleichzeitig Aktionäre der Expert AG mit Sitz in Langenhagen sind, kommen zusammen auf einen Umsatz von 4,1 Milliarden Euro. Sie beschäftigen sich heute mit der Daten-Wolke, Organic LED oder Smart-TV. Einen Videorekorder – vor 50 Jahren noch nicht einmal im Bereich des Denkbaren – könnten sie auf Wunsch noch liefern, sagt Expert-Chef Volker Müller. „Aber die werden inzwischen fast schon handgebissen.“

Kaum eine Branche muss sich in so schneller Abfolge mit neuen technologischen Trends auseinandersetzen wie die Elektrohändler. „Unser Geschäft wird immer wieder aufs Neue auf den Kopf gestellt“, berichtet Müller. Auch die Handelslandschaft ist laufend in Bewegung.

Warenhäuser sind heute nur noch eine Randfigur im Elektrogeschäft, die großen Elektromärkte haben ihnen den Rang abgelaufen – und heute selbst Probleme, weil sie sich mit Internet-Anbietern messen lassen müssen. Der TV-Einkauf beim Discounter – vor einem Jahrzehnt ein gigantischer Markt – ist heute für Aldi und Co. nur noch ein Randgeschäft. Die vielen Kooperationen der Selbstständigen sind verschmolzen oder ganz verschwunden. Nur die „Experten“ bleiben unter sich – viele Jahre unter Umsatzrückgängen und Geschäftsaufgaben leidend, aber inzwischen wieder obenauf. Wohl auch deshalb gönnen sie sich an diesem Wochenende ein rauschendes Fest mit mehr als 1600 Gästen im Deutschen Pavillon.

Gleich mehrere Trends spielen den Fachhändlern in die Hände. „Geiz ist geil“ hat ausgedient, die Verbraucher achten verstärkt auf Qualität, Nachhaltigkeit und Stromverbrauch der Geräte – was wiederum nach guter Kaufberatung ruft. Die meinen sie beim Expert-Händler zu bekommen. Anders ist kaum zu erklären, dass die Kooperation ihren Marktanteil seit 2006 von 6,2 auf 8,5 Prozent ausbauen konnte. „Wir sind nie den Weg des Marktschreierischen gegangen“, sagt Müller. „Das kommt uns heute zugute.“ Die „Experten“ nehmen jetzt beim Umsatz sogar Saturn ins Visier.

Die Zentrale in Langenhagen mit ihren 420 Mitarbeitern ist dabei weit mehr als ein Zentraleinkäufer. Sie fungiert als Logistiker, Trainer, Berater und nicht zuletzt als „Trendscout“, wie der Konzernchef es umschreibt. Er selbst kommt gerade von der Leitmesse aus Las Vegas und will seinen Gesellschaftern am Wochenende Bericht erstatten. Auch darüber, dass er im zum 31. März endenden Geschäftsjahr 2011/12 mit einem 3-prozentigen Umsatzplus rechnet. Die gesamte Branche dagegen stagnierte zuletzt. Mit satten Boni und Dividenden aus Langenhagen rechnen die Unternehmer schon lange: Sie sind das Sahnehäubchen ihrer persönlichen Jahresbilanz.

Die aktuelle Zahl an Eigentümern lasse noch „ein bisschen Ausdehnung“ zu, sagt Müller, der 2005 von Karstadt zu Expert wechselte. Schließlich sind in dem Verbund, in dem sich die Aktionäre regional keine Konkurrenz machen dürfen, erst 450 von 700 ausgemachten Verkaufsregionen besetzt, immerhin 18 davon durch die Langenhagener selbst. Sie steigen dann als Filialbetreiber ein, wenn sich in der betreffenden Region kein Selbstständiger oder kein Nachfolger findet. Angesichts einer besseren Geschäftslage interessiere sich die Erbengeneration heute allerdings wieder stärker für die Läden, sagt Müller. In der konzerneigenen Akademie, die Führungskräfte heranzieht, säßen inzwischen immer mehr Unternehmerkinder.

In den nächsten Wochen wollen die Langenhagener ihren Gesellschaftern auch den Vertriebsweg Internet eröffnen. Dann kann über die Expert-Seiten eingekauft werden – sowohl in der Zentrale als auch beim Händler um die Ecke. Über Details schweigt sich Müller noch aus. Zwar tummeln sich in dem Markt schon die ganz Großen wie Amazon oder Otto, viele kleine Händler und seit wenigen Monaten auch Media-Saturn, aber Müller ficht das nicht an: „So etwas schüttelt man nicht aus dem Ärmel.“ Zwei Jahre habe es gedauert, die Strukturen für einen seriösen Online-Versand von der Logistik bis zum Call-Center aufzubauen.

Im Zuge der Professionalisierung des Internet-Handels würden die bekannten Namen ohnehin ihren Platz finden. Dagegen dürften die Kleinstshops von Privatleuten nach und nach verschwinden und auch der Graumarkt versickern, sagt der Konzernchef. Ihre Preise wollen sich die „Experten“ durch das Internet allerdings nicht vorschreiben lassen – wie es inzwischen Marktführer Media Markt macht.

Die Ingolstädter richten ihre Preise heute am regionalen Umfeld und den wichtigsten Internetanbietern aus. Einen solchen Strategieschwenk hält Müller für wenig erfolgversprechend: „Wir werden unsere Preisaktionen jetzt nicht abblasen.“ Ohnehin habe das Internet bislang in erster Linie den Versandkatalog abgelöst als den stationären Handel geschädigt. „In unserem Umsatz gibt es keine Schleifspuren, die auf das Internet zurückzuführen wären.“ Deshalb ist sich der Expert-Chef auch sicher, dass es den Verbund auch in den nächsten 50 Jahren noch geben wird. „Wir müssen solche Kooperationen bewahren“, sagt er. „Sie sind ein Grund dafür, dass Deutschland einen so starken Mittelstand hat.“

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