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Deutschland / Welt Ein Land mit wirtschaftlichen Chancen
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00:22 19.09.2015
Von Marina Kormbaki
Der Containerhafen in Piräus. Quelle: dpa
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Athen

Ist die griechische Wirtschaft zum Niedergang verdammt? Schon die geografischen und klimatischen Gegebenheiten sprechen dagegen. Eine Suche nach Chancen für ein geprüftes Land:

Tourismus: Keine Frage, der Tourismus ist das Herz der griechischen Wirtschaft. Er trägt 17 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei – so viel wie keine andere Branche im Land. Weil 2014 mit 22 Millionen Besuchern außerordentlich gut lief, rechnete der Tourismusverband für dieses Jahr mit 25 Millionen Besuchern. Doch daraus wird nichts: Die Beschränkung der Bargeldabhebungen und die dramatischen Bilder von Flüchtlingen auf den ägäischen Inseln haben viele Urlauber verschreckt. Dennoch sieht man beim Athener Beratungsunternehmen IBHS Hellastat im Tourismus nach wie vor einen Wachstumsmotor. „Es gibt Tausende reizvolle Orte, die touristisch noch nicht erschlossen sind“, sagt Geschäftsführerin Antigoni Ampelakioti und ermuntert die Branche zu vielfältigeren Angeboten. Ein erster Schritt in diese Richtung sei die Ausweitung der Reisezeit: „Immer mehr Fluggesellschaften und Hotelbetreiber erkennen, dass auch außerhalb der Sommermonate Potenzial vorhanden ist, und erweitern ihr Angebot auf den Zeitraum von März bis November“, sagt die Managerin. Dies gehe einher mit einer Zunahme individueller Reisen. „Wander- und Sporturlaub im Frühling, ein Athen-Besuch im Herbst – das sind neue, zunehmend nachgefragte Facetten“, sagt Ampelakioti. Und: „Auch im Agro-Tourismus sehe ich Chancen: Immer mehr Menschen interessieren sich für naturnahe Lebensmittelproduktion und Kulinarik, da hat Griechenland einiges zu bieten.“

Landwirtschaft: Griechenland zählt mit 10 Prozent der weltweiten Produktion zu den führenden Exporteuren von Olivenöl. Mehr pressen nur Spanien und Italien. Doch obwohl Olivenöl aus Kreta oder Kalamata im Ruf besonderer Qualität steht, sehen griechische Bauern dafür vergleichsweise wenig Geld. So kostet ein Liter italienisches Olivenöl im Durchschnitt 5,60 Euro, ein Liter griechischen Öls nur 3,40 Euro. Der Grund dafür ist, und das ist typisch für griechische Agrarprodukte, ein Mangel an Professionalität bei Marketing und Vertrieb. „Ein beträchtlicher Anteil des Olivenöls wird ohne Etikett und steuerliche Erfassung direkt von den Kleinproduzenten verkauft, im Glauben, sie könnten so mehr einnehmen“, sagt Antigoni Ampelakioti. „Die Mentalität muss sich ändern.“ Die Unternehmensberaterin rät zu mehr Kooperation innerhalb der kleinteilig strukturierten Landwirtschaft bei Anbau, Vertrieb und Werbung. Wie das funktionieren könnte, lässt sich in Italien beobachten, wo die Bauern auf regionales Marketing im Verbund setzen.

Erneuerbare Energien: 300 Sonnentage im Jahr – wenn das mal kein Wettbewerbsvorteil beim Aufbau Erneuerbarer Energien ist. Dennoch liegt die Fotovoltaik-Branche am Boden. Noch vor vier Jahren war der Deutschgrieche Stefan Mittmann mit seinem Unternehmen Vorreiter auf dem Gebiet. „Damals war die Fotovoltaik ein boomender Markt mit Tausenden Arbeitsplätzen, doch just in dem Moment, da sich die Investitionen auszuzahlen begannen, kürzte der Staat wegen der Krise die Subventionen, und der Markt brach weg.“ Nicht allein Subventionskürzungen und Wettbewerbsnachteile europäischer Fotovoltaik-Firmen gegenüber der Konkurrenz aus China macht Mittmann allerdings geltend: „Hinzu kommt auch die starke Lobby der griechischen Ölkonzerne: Sie verdienen gut an der unvernünftigen Praxis, dass abgelegene Inseln ihren eigenen Strom durch Ölkraftwerke produzieren statt sich durch Unterwasserkabel vom Festland versorgen zu lassen – und dann ist da noch der Staat, der auf die Einnahmen aus der Mineralölsteuer nicht verzichten will. Das würgt den Wandel ab.“ Mittmann berät heute Unternehmer. Welchen Rat gibt er zurzeit? „Möglichst dort zu investieren, wo der Staat nicht reinreden kann.“ Welche Branche kommt infrage? „Schifffahrt.“

Schifffahrt: Reeder genießen per Verfassung garantierte Privilegien, auch steuerlicher Art. Die Handelsflotte ist mit mehr als 3300 Schiffen die größte weltweit, allerdings sind drei Viertel der 14.000 Seeleute arbeitslos. Denn ein Großteil der Schiffe fährt unter der Flagge von Niedrigsteuerländern und beschäftigt Crews aus Niedriglohnländern. Der Grund dafür, dass die Schifffahrt zurzeit dennoch Hoffnungen weckt, ist eher auf dem Land zu finden: in der Expertise einer steigenden Zahl neu gegründeter, mittelständisch geprägter Zulieferbetriebe. Im Angebot haben sie Schiffsausstattung und Navigations-IT. Vielleicht weist diese Technik ja den Weg in bessere Zeiten.

Interview: „Deutsche Firmen sollten sich eine gute Startposition sichern“

Nachgefragt bei Professor Athanassios Kelemis, Deutsche Auslandshandelskammer Athen.

Herr Kelemis, wie ist die Stimmung im griechischen Wirtschaftsleben?
Schlecht, leider. Die Binnennachfrage leidet zurzeit extrem. Die Menschen halten das Geld, das sie noch haben, zurück. Ihre Angst vor dem Geldausgeben ist nicht so sehr der politischen Unsicherheit geschuldet. Vielmehr rechnen die Bürger fest mit weiteren steuerlichen Verpflichtungen und heben ihr Erspartes dafür auf. Das spürt natürlich die Konsumgüterindustrie besonders stark, aber auch die Anbieter von Industriegütern registrieren immer weniger Auftragseingänge.

Meiden deutsche Unternehmen deshalb Griechenland?
Das Gute ist: Trotz der sich zuspitzenden Lage halten die deutschen Unternehmen, die schon lange in Griechenland tätig sind, dem Land die Treue. Sie zeigen sich solidarisch, sie bleiben im Land. Und einige wenige schrecken selbst in Krisenzeiten nicht vor Investitionen zurück. Beispielsweise haben am Anfang der Wirtschaftskrise Siemens mit 157 Millionen Euro, Bosch mit 30 Millionen Euro, Allianz mit 134 Millionen Euro in Griechenland investiert, und im vergangenen Jahr hat der Discounter Lidl 120 Millionen Euro investiert und rund 200 Arbeitsplätze geschaffen. Derzeit sind in Griechenland etwa 119 deutsche Unternehmen und Unternehmen mit deutscher Beteiligung mit 29 000 Beschäftigten und einem Umsatz von rund sieben Milliarden Euro tätig.

Der Vertrag zum dritten Kreditpaket für Athen sieht umfängliche Privatisierungen von Staatsbesitz ausdrücklich vor. Nehmen Sie nun ein gesteigertes Interesse deutscher Firmen wahr?
Es ist nicht so, dass mein Telefon ununterbrochen klingelt, aber ja: Da tut sich etwas. Über die Industrie- und Handelskammern in Deutschland sind zuletzt einige Anfragen deutscher Unternehmen gekommen, die wir vertraulich behandeln. Angesichts des bevorstehenden großen Privatisierungsprozesses möchten sich einige deutsche Firmen eine gute Startposition sichern – was angesichts des großen Potenzials beispielsweise im Tourismus und in der Lebensmittelindustrie und des enormen Investitionsstaus in der griechischen Industrie auch sehr klug ist.

Sie glauben also an den Wirtschaftsstandort Griechenland?
Aber ja! Und ich appelliere an deutsche Unternehmer, die Entwicklungen und Privatisierungspotenziale in Griechenland sorgfältig zu verfolgen und über Investitionen nachzudenken. Wissen Sie, wir haben im vergangenen Jahr den 90. Geburtstag der Deutsch-Griechischen Industrie- und Handelskammer in Athen gefeiert. Das Verhältnis zwischen unseren Ländern ist keine flüchtige Bekanntschaft, es ist eine lange Beziehung von beinah 100 Jahren. Jetzt ist es an der Zeit, das Fundament zu legen für die nächsten 100 Jahre.

Interview: Marina Kormbaki

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