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Deutschland / Welt „Die reichen Kassen schaden anderen“
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20:15 25.02.2018
KKH-Chef Wolfgang Matz. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

 

Wie lange haben Sie zuletzt auf einen Termin beim Facharzt gewartet, Herr Matz?

Ich war schon seit vielen Jahren nicht mehr beim Facharzt.

Da haben Sie Glück: Gesetzlich Krankenversicherte klagen über Wartezeiten von mehreren Wochen bis Monaten. Union und SPD wollen Ärzten vorschreiben, statt 20 künftig mindestens 25 Sprechstunden in der Woche anzubieten. Würde das helfen?

Ob es das Problem als solches löst, weiß ich nicht. Wir als KKH bieten einen Terminservice, der unseren Versicherten innerhalb von fünf bis zehn Tagen einen Termin bei einem Facharzt verschafft – das ist dann nicht unbedingt der Wunscharzt, aber ein Mediziner aus dem richtigen Fachbereich.

Die Ärzteschaft schlägt als Lösung vor, entweder die Honorare zwischen privat und gesetzlich Versicherten anzugleichen oder die Leistungsausgaben für GKV-Mitglieder nicht mehr zu beschränken ...

Warum sollte man das tun? Wir versorgen unsere Versicherten zu vernünftigen Preisen, die den Ärzten auch ein ordentliches Einkommen sichern. Wenn es einheitliche Honorare geben sollte, würde dies sicher nicht zu einer Anpassung der Honorare der Privatpatienten an die der gesetzlichen Krankenversicherung führen, sondern eher umgekehrt. Damit würde die Versorgung für unsere Versicherten nur teurer, aber nicht besser.

Gibt es in Deutschland eine Zwei-Klassen-Medizin?

Wir glauben nicht, dass ein Arzt unsere Patienten schlechter behandelt als privat Versicherte. Alles was an medizinischen Leistungen in Deutschland anerkannt ist, steht unseren Mitgliedern genauso zur Verfügung. Und das sichert ihnen eine hervorragende Versorgung.

Die SPD ist erneut mit der Einführung einer Bürgerversicherung gescheitert. Ist das gut oder schlecht?

Eine Bürgerversicherung hätte keine der Schwierigkeiten im Gesundheitswesen gelöst. Es geht dabei ausschließlich um eine andere Art der Organisation der Krankenkassen – doch dies ist nicht das Problem.

Sind denn wirklich 110 Krankenkassen nötig, wenn 95 Prozent der Leistungen laut Sozialgesetzbuch vorgeschrieben sind? Würde analog zur Rentenversicherung nicht auch eine Gesundheitskasse für alle reichen?

Anders als bei der Rentenversicherung ist es ja so, dass wir auch die Versorgung organisieren. Da ist es schon von Vorteil, dass es einen Wettbewerb um die Qualität gibt. Wenn Sanitätshäuser Hilfsmittel ausliefern, fragen wir beispielsweise unsere Kunden, ob sie damit zufrieden sind. Außerdem haben wir wegen des Wettbewerbs ein hohes Interesse daran, dass uns die Kosten nicht davonlaufen.

Die gesetzliche Krankenversicherung verzeichnet aktuell Milliardenüberschüsse, dennoch geht es einigen Kassen schlecht – auch der KKH. Wie kommt das?

Wir sind nicht auf der Seite derer, die aus dem Gesundheitsfonds ausreichend Geld zur Verfügung gestellt bekommen. Im Augenblick gibt es bei einzelnen Kassen in der Tat enorme Rücklagen – und dieses Geld ist der allgemeinen Versorgung entzogen. Wir haben zirka 100 Euro je Mitglied, die reichen Kassen haben mehr als 1000 Euro an Rücklagen. Dieses Geld liegt auf Konten, auf denen es wegen der Negativzinsen zum Schaden der Sozialversicherung eher weniger wird. Das ist ein Zustand, der politisch nicht hinzunehmen ist. 

Die Ersatzkassen fordern eine Änderung des 200 Milliarden Euro schweren Finanzausgleichs zwischen den Krankenkassen. Bisher bekommen jene Kassen mehr Geld, deren Versicherte Diagnosen aus einem Katalog von 80 Krankheiten erhalten. Was stört Sie daran?

Wenn nur 80 Befunde besonders berücksichtigt werden, die ambulant behandelt werden, verzerrt das den Wettbewerb. Es gibt bestimmte Krankheiten, die vielfach auch Krankenhausaufenthalte nach sich ziehen und deshalb deutlich höhere Kosten verursachen. Hinzu kommt, dass einzelne Kassen Ärzte „beraten“, damit sie ihre Diagnosen „richtig“ codieren – soll heißen: Diese Kassen, vor allem aus dem Lager der AOK, bekommen dann zulasten anderer mehr Geld aus dem Finanzausgleich. Das kann so nicht bleiben, die Schere darf nicht weiter auseinandergehen.

Aber es gibt doch auch bei den Ersatzkassen große Unterschiede: DAK und KKH geht es schlecht, der Techniker hingegen gut.

Die Versichertenstruktur der einzelnen Kassen ist sehr, sehr unterschiedlich. Wir wissen zum Beispiel, dass bei der KKH überproportional viele Krankheiten auftreten, unter denen Frauen leiden, wie etwa Brustkrebs oder Multiple Sklerose, da bei uns vergleichsweise viele Frauen versichert sind. Dadurch entstehen uns höhere Kosten als anderen.

Die KKH ist vergleichsweise klamm, Sie mussten im Jahr 2017 ihren Zusatzbeitrag erhöhen, Ihr Beitragssatz liegt damit bei 16,1 Prozent. Stehen Sie heute besser da als vor einem Jahr?

Im Detail liegen uns für 2017 noch nicht alle Zahlen vor. Die Schere zwischen den Geldern, die wir vom Gesundheitsfonds erhalten und unseren Ausgaben, ist aber eher größer geworden. Hier setzen unsere aktuell mit Beratern aufgesetzten Projekte an. Wir planen jedoch ohne Beitragserhöhung durch dieses Jahr zu gehen.

Die KKH ist unter den großen Krankenkassen vergleichsweise klein, sie kommt bundesweit auf einen Marktanteil von lediglich 3 Prozent. Reicht das, um auf Dauer eigenständig zu bleiben?

Wir haben das klare Ziel, eigenständig zu bleiben. Und dafür haben wir auch alle Grundlagen.

Von Jens Heitmann

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