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Deutschland / Welt Stadtwerke wollen Thüga-Chef abschalten
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Stadtwerke wollen Thüga-Chef abschalten
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00:18 06.10.2014
Von Jens Heitmann
Nach HAZ-Informationen soll der zum Monatsende auslaufende Vertrag von Ewald Woste nicht verlängert werden. Quelle: dpa
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Hannover

Bei der Thüga hängt der Haussegen schief. Die Stadtwerke-Großfamilie ist zerstritten. Seit Monaten kämpfen die unterschiedlichen Fraktionen über den Kurs der Holding, die Anteile an rund 100 kommunalen Energie-und Wasserversorgern hält. Dem Dauerzwist unter den Gesellschaftern soll nun der Vorstandschef zum Opfer fallen: Nach HAZ-Informationen soll der zum Monatsende auslaufende Vertrag von Ewald Woste nicht verlängert werden. Da auch sein Stellvertreter Bernd Rudolph altersbedingt ausscheidet, könnte die Thüga bald kopflos dastehen.

Hinter den Kulissen schwelt ein Richtungsstreit: Während eine Gruppe das Wachstum der Thüga deutlich beschleunigen und die Zentrale stärken will, rät eine andere zu mehr Behutsamkeit und weniger Macht für die Macher in München. Mehr Tempo wünschen sich Woste und eine Fraktion um die Aufsichtsrätin und frühere Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth, die Bremser führe eine Gruppe um Hannovers Stadtwerke-Chef Michael Feist an, sagt ein Aufsichtsrat: „Das ist ein Machtkampf.“

Der Konflikt ist im Wesen der Thüga angelegt. Die 1867 in Gotha gegründete Thüringer Gasgesellschaft entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Stadtwerkebeteiligungssammelstelle der Vorgänger des e.on-Konzerns – 2009 wurde sie von einem kommunalen Erwerberkonsortium übernommen. Seither halten die Stadtwerke Hannover, Frankfurt und Nürnberg zusammen rund 61 Prozent der Anteile, die „Kom9“ – ein Zusammenschluss von heute 45 kleineren Versorgern – hält das verbleibende Paket von rund 38 Prozent. „Den Kleinen sind die großen Drei zu mächtig“, heißt es. „Aber auch die Kleinen sind sich nicht alle grün.“

Die Idee hinter der Thüga ist simpel: Gemeinsam fällt es den Stadtwerken leichter, sich gegen Schwergewichte wie e.on und RWE zu behaupten. Sie können ihr Gas gemeinsam zu günstigeren Konditionen einkaufen, ihre Kräfte beim Ausbau der Windkraft bündeln und Innovationen vorantreiben. Zugleich wirft die Thüga eine anständige Rendite ab: Der Konzernüberschuss lag 2013 bei knapp 300 Millionen Euro; die Stadtwerke Hannover kassierten davon 45 Millionen Euro, rund 40 Prozent ihres Gewinns.

Die Gesellschafter – und erst recht die dahinter stehenden Kämmerer – würden gern noch mehr Geld aus München einstreichen. Dazu müsste die Thüga aber eine härtere Gangart gegenüber ihren Beteiligungen einlegen. Letzteres ist jedoch schon wegen der Überkreuzbeteiligungen schwierig, wie auch das Beispiel Hannover zeigt: Die Stadtwerke halten ein Fünftel der Thüga-Anteile – der Thüga wiederum gehören 24 Prozent an Enercity. Noch-Vorstandschef Woste und sein Vize Rudolph kontrollieren somit als Aufsichtsräte Enercity-Chef Feist, während dieser als Thüga-Gesellschafter Woste und Rudolph beaufsichtigt.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma könnte die Flucht ins Wachstum weisen – doch auch dieser ist der Thüga-Führung verstellt. Zum einen biete der Markt im Augenblick kaum attraktive Kaufgelegenheiten, heißt es. Zum anderen fehlt es der Holding am nötigen Kleingeld. Bei der Übernahme der Thüga hatten sich die Stadtwerke darauf verständigt, noch einen kapitalkräftigen Partner von außen zu suchen – gefunden haben sie ihn bis heute nicht. Als Alternative wollte man zwischenzeitlich 150 Millionen Euro über eine Anleihe einsammeln, am Ende wurde es nur ein Drittel dieser Summe.

Nun ist die Lage verfahren. Die Nachfolgeregelung im Thüga-Vorstand obliegt dem Personalausschuss, dem neben Enercity-Chef Feist und einem Vertreter der „Kom9“ auch drei Unabhängige angehören; Vorsitzender ist Michael G. Baldus vom Institut für Personal- und Unternehmensberatung Will & Partner. Die „Kom9“-Vertreter wollten Woste als Thüga-Chef lange halten, Feist und die großen Drei genau das Gegenteil. Man arbeite an einer gesichtswahrenden Lösung, heißt es nun. Viel Zeit ist nicht mehr: Der Aufsichtsrat tagt am Dienstag.

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