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Deutschland / Welt Manager beim Abgas-Skandal angeblich ahnungslos
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Manager beim Abgas-Skandal angeblich ahnungslos
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00:15 11.03.2016
Von Stefan Winter
Martin Winterkorn (links) übernahm die „politische Verantwortung“ für den Abgas-Skandal und ging, der langjährige Vertraute Matthias Müller trat die Nachfolge an. Foto: dpa Quelle: Bernd Weißbrod
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Hannover/Wolfsburg

So steht es in einer Zusammenfassung des Konzerns für das Landgericht Braunschweig. Sie lässt den Schluss zu, dass auch der heutige Vorstandschef Matthias Müller und der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch früher informiert wurden, als bisher bekannt war.

Seit die US-Umweltbehörde Epa an jenem 18. September die Abgasmanipulationen der Wolfsburger öffentlich machte, steht VW an vielen Fronten unter Druck. Vielleicht am schwersten zu kalkulieren: die Folgen des Kurssturzes um ein Drittel nach der Bekanntmachung. Anleger fordern Schadensersatz, die Aufsichtsbehörde Bafin prüft einen Verstoß gegen die Informationspflichten. Alles, was den Kurs „erheblich“ beeinflussen kann, muss „unverzüglich“ veröffentlicht werden. Wann also war klar, dass die „Abgasthematik“ Milliarden kosten würde?

Einen ersten Hinweis gab es nach den Untersuchungen der VW-Anwälte am 23. Mai 2014. Da wurde der damalige Konzernchef Martin Winterkorn auf eine Studie der Umweltorganisation ICCT hingewiesen, die sich mit Abweichungen zwischen theoretischen und praktischen Abgaswerten beim VW-Diesel befasste. Ob Winterkorn die Notiz las, ist laut VW „nicht dokumentiert“. Es folgten erster Ärger mit US-Behörden und eine weitere Notiz an Winterkorn im Herbst. Als technische Nachbesserungen zu nichts führten, richtete man im Sommer 2015 eine „Diesel-Taskforce“ ein. Am 27. Juli 2015 hatten Winterkorn und der frischgebackene VW-Markenchef Herbert Diess das Thema auf dem Tisch. Man schätzte die Kosten auf zweistellige Millionenbeträge - nichts, worüber man die Börse hätte informieren müssen.

Heikel wird es für die VW-Oberen Ende August 2015. Da hätten VW-Techniker den Juristen ihr Vorgehen „vollständig erläutert“, und „Mitglieder des Volkswagen-Vorstands“ hätten erkannt, dass es sich um eine verbotene Maßnahme handele. Ein paar Tage später traf man sich dazu mit US-Behörden. Winterkorn soll laut „Bild am Sonntag“ am 8. September den VW-Vorstand informiert haben - in dem Pötsch als Finanzchef und Müller als Porsche-Chef saßen. Doch man blieb wohl weiter entspannt: Bisher habe die Höchststrafe in den USA in solchen Fällen bei 100 Millionen Dollar gelegen, heißt es in der VW-Stellungnahme - viel Geld, aber nicht dramatisch für einen Konzern, der jährlich 200 Milliarden Euro umsetzt. Man sei davon ausgegangen, dass die Sache mit technischer Nachbesserung und „Bußgeldzahlungen im üblichen Rahmen“ zu bereinigen sei. Wenige Tage später kam die „aufgrund des bisherigen Gesprächsverlaufs unerwartete“ Bekanntmachung der Epa. Seitdem werden die Gesamtkosten auf zweistellige Milliardenbeträge geschätzt.

Das sind die juristischen Baustellen

Autokäufer: VW-Fahrer fordern Schadensersatz, weil ihr Auto nicht die zugesagten Eigenschaften habe. In einem ersten Verfahren in Bochum deutet sich aber bereits an, dass Gerichte die vom Konzern begonnene Umrüstung als ausreichend akzeptieren. Bessere Karten hätten Kläger, wenn sich Leistungs- oder Verbrauchsdaten durch die Umrüstung erheblich verschlechtern sollten.

Aktionäre: Der VW-Kurs stürzte nach dem Ausbruch des Skandals ab. Aktionäre wollen sich ihre Verluste vom Konzern ersetzen lassen. VW habe nicht sofort über den Ärger in den USA und die finanziellen Folgen informiert.
Sammelklagen: Viele Anwälte buhlen darum, Aktionäre und VW-Kunden vor Gericht zu vertreten. In Deutschland hat sich VW mit einem sogenannten Musterklageverfahren einverstanden erklärt.

Klagen der US-Behörden: Das US-Justizministerium verklagt VW wegen der Manipulation der Motorelektronik. Eine Strafe würde sich an der Zahl der betroffenen Autos bemessen und könnte Milliardenhöhe erreichen.
Betrugsanzeigen: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen sechs Beschuldigte aus dem VW-Konzern wegen Verdachts auf Betrug und unlauteren Wettbewerb.

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