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Schwarzes Gold gibt's zum Schleuderpreis

Ölpreis Schwarzes Gold gibt's zum Schleuderpreis

Der Ölpreis kennt derzeit nur eine Richtung: nach unten. Neue Techniken und ein ruinöser Wettlauf der Förderstaaten bringen immer größere Mengen auf den Markt. Doch was Hausbesitzer und Autofahrer freut, halten Ökologen für eine Katastrophe.

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Sprit zum Tiefpreis: Eine Tankstelle in Nordrhein-Westfalen.

Quelle: dpa

Lexington Park. Die übergroße US-Fahne knattert im Wind, Luftballons in den Nationalfarben Rot, Blau und Weiß schweben über den Neufahrzeugen. Mehrere Familien spazieren gut gelaunt über das weitläufige Ausstellungsgelände des Ford-Händlers in Lexington Park, unweit der amerikanischen Hauptstadt. Auch an diesem Wochenende dürfte es in der Verkaufsstelle wieder turbulent werden. Amerikas Autoverkäufer zählen zu den unmittelbaren Gewinnern des einbrechenden Ölpreises. Wieder einmal entwickelt sich der Markt völlig anders, als es unzählige Experten und Analysten erwartet hatten.

„Verkauft wird zurzeit alles, vom Kleinwagen bis zum schweren Truck. Besonders beliebt sind die SUV, auch wenn man sie in unserer großstädtischen Umgebung eigentlich gar nicht braucht“, sagt John Landesz. Der Chefverkäufer zeigt stolz seine benzinfressenden Großmodelle. Die Pick-up-Lastwagen vom Typ F-150 laufen ebenfalls gut – selbst bei Lobbyisten und Regierungsmitarbeitern, die nur mit einem kleinen Laptop ins Büro fahren. Über die Hybridfahrzeuge, die an der amerikanischen Ostküste zwischenzeitlich so populär waren, verliert der stämmige Mittvierziger dagegen kein Wort: „Big is back“, sagt Landesz und lacht zufrieden.

Mit langem Atem: Saudi-Arabien

Das Königreich auf der Arabischen Halbinsel gibt sich trotz der Krise selbstbewusst. Im Gegensatz zu Opec-Staaten wie Nigeria oder Venezuela lehnt es eine Drosselung der Produktion strikt ab. Die Machthaber aus Riad wollen nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen und mit einer Reduzierung der Öllieferungen Marktanteile riskieren. Das gilt insbesondere mit Blick auf den Erzfeind Iran: Da Teheraner Firmen mit dem Ende der Sanktionen wieder auf den Weltmarkt drängen, arbeiten die saudischen Anbieter offenbar an einer aggressiven Gegenstrategie. Allem Anschein nach vertrauen sie vor allem auf ihre extrem niedrigen Produktionskosten: Selbst bei einem Verkaufspreis von unter 10 Dollar pro Barrel wäre das Geschäft für sie noch immer profitabel.

Der Preiskampf bleibt allerdings ein riskantes Unterfangen: 2015 verzeichnete der Staatshaushalt ein zweites Mal in Folge ein Defizit. Für die Monarchen wird es schwieriger, die Loyalität der Untertanen mit Steuergeschenken zu erkaufen. So wurden die Treibstoffsubventionen bereits im vergangenen Jahr reduziert. Weitere Reformen sind in Planung.

Angesichts der schwindenden Rücklagen denkt das Königshaus offenbar auch über ungewöhnliche Schritte nach: Wie es in Wirtschaftskreisen heißt, will Vize-Kronprinz Mohammad bin Salman im Zweifelsfall die Staatsfirma Aramco an die Börse bringen, um die Kassen wieder zu füllen. Aramco gilt als weltweit größter Ölkonzern. Das britische Wirtschaftsblatt „Economist“ schätzt die Ölreserven des bisherigen Staatsunternehmens auf das Zehnfache der Mengen, über die der private Mitbewerber ­ExxonMobil verfügt. ko

Entgegen allen früheren Prognosen fallen die Benzinpreise ins Bodenlose – und mit ihnen so manche umweltfreundliche Errungenschaft der vergangenen Jahre. Bei einem Literpreis von unter 50  Cent, wie er in den USA derzeit gilt, spielt der Verbrauch eben keine allzu große Rolle. Und bisher deutet wenig darauf hin, dass sich dieser Trend im neuen Jahr umkehren könnte. Mehr noch: Paul Horsnell von der Londoner Standard Chartered Bank geht mittlerweile davon aus, dass der Preis pro Barrel (159 Liter) sogar unter 10 Dollar fallen könnte.

Seit Jahresanfang nimmt der Preisverfall weiter an Fahrt auf: Das Nordseeöl der Sorte Brent verbilligte sich zeitweise auf etwa 30 Dollar und notiert so niedrig wie zuletzt vor zehn Jahren. Leichtöl der US-Sorte WTI rutschte gar unter die 30-Dollar-Marke. Zum Vergleich: Noch im Sommer 2014 wurden mehr als 100 Dollar pro Barrel gezahlt. Seitdem ist eine Talfahrt mit Rekordtempo zu beobachten.

Mit neuer Stärke: Amerika

Der Einsatz der Fracking-Technologie im Mittleren Westen und im Osten wirkt sich auf die Wirtschaft und auf die Politik Amerikas gleichermaßen aus. Die niedrigen Preise für Öl und Gas erhöhen die Attraktivität des Produktionsstandortes: Dank niedriger Energiekosten und moderater Löhne verlagern vielen US-Konzerne ihre Werkstätten wieder zurück in den heimischen Markt.

In dem Land der großen Entfernungen profitiert nicht zuletzt die Bevölkerung von den günstigen Preisen an den Tankstellen. Die Menschen sparen Geld, das sie an anderer Stelle investieren können.
Zu den Leidtragenden der fallenden Preise zählen jedoch viele Ölfirmen. Konzerne wie Whiting Petroleum, Continental Resources und Apache geraten ins Schleudern – ihre Aktienkurse stürzten in den vergangenen zwölf Monaten teilweise um mehr als die Hälfte ab. Diverse kleinere Firmen stehen vor dem Konkurs.

Mehr Bewegungsspielraum gewinnt dagegen die Politik: Amerika befreit sich zunehmend aus der Abhängigkeit der Opec-Staaten. Die Partnerschaft mit dem saudischen Königshaus kühlt sich spürbar ab. Washington kann sich wieder stärker auf die Verbündeten konzentrieren, mit denen es gemeinsame Werte teilt.

So wäre es ohne die neue Selbstversorgung wohl nicht zum Atom-Abkommen mit dem Iran gekommen, dessen Regime von Riad mit Misstrauen verfolgt wird. Veränderungen sind auch in der US-Militärstrategie zu beobachten: Lag die Sicherung einiger ölexportierender Länder bisher im Interesse der USA, bemüht sich das Pentagon jetzt lediglich um die Absicherung internationaler Handelswege, wie der Straße von Hormus. ko

Analysten wie Horsnell sind um Erklärungen nicht verlegen: China, die zweitgrößte Volkswirtschaft, schwächelt und importiert zurzeit weit weniger Rohstoffe als erwartet. Und in Amerika, der größten Volkswirtschaft, wird dank der Fracking-Technologie so viel Öl und Gas produziert, dass sich der einstige Rekordimporteur in einen Exporteur verwandelt: „Der Markt wird mit Öl geradezu überschwemmt“, sagt Horsnell.

Anders als in früheren Zeiten reagieren die traditionellen Lieferstaaten nicht mit Förderkürzungen. Im Ringen um Marktanteile erscheint es ihnen offenbar wichtiger, Mitbewerber aus dem Markt zu drängen, als hohe Preise zu erzielen. Ausgerechnet Saudi-Arabien und der Iran schrauben ihre Produktion weiter hoch. Allerdings lässt es sich unter dem Wüstensand auch deutlich günstiger produzieren als beispielsweise in den arktischen Regionen Sibiriens. Nichtsdestotrotz zählt auch Russland weiter zu den Lieferanten, die sich an dem ruinösen Wettlauf nach Kräften beteiligen. Der Schmierstoff der Weltwirtschaft wird geradezu verschleudert. Der Preis ist so niedrig, dass die USA sogar ihre Fracking-Aktivitäten zurückgefahren haben. Angesichts der großen Mengen günstigen Öls erscheint die Förderung von Texas bis North Dakota im Moment unwirtschaftlich.

Von schweren Zeiten: Russland

Die Fehler der Vergangenheit werden zum Jahresbeginn ganz besonders spürbar. Obwohl jahrelang die Gewinne aus dem Rohstoffverkauf in Russland geradezu sprudelten, hat sich an den strukturellen Schwierigkeiten im größten Land der Welt wenig verändert. Die Wirtschaft leidet unter einer grassierenden Korruption und einer niedrigen Produktivität. Noch immer ist der russische Staat ökonomisch weitgehend vom Ölverkauf abhängig: Er beschert ihm etwa die Hälfte seiner Einnahmen.
Angesichts der sinkenden Erlöse stimmt Ministerpräsident Dmitri Medwedew seine Landsleute auf harte Zeiten ein: „Wir müssen uns auf das Schlimmste vorbereiten, so wie das auch andere Länder tun.“ Mit Ausnahme des Militärs wies der Kreml sämtliche Ressorts an, die Ausgaben kurzfristig um 10 Prozent zu reduzieren.

An eine Drosslung der Ölproduktion ist allerdings nicht gedacht. Ganz im Gegenteil: Energieminister Alexander Nowak setzt auf einen weiteren Ausbau der Ölinfrastruktur: „Die Projekte, die wir begonnen haben, werden weiter vorangetrieben.“
Nowak geht davon aus, dass sich die Exporte trotz der Ukraine-Krise weiter steigern lassen werden. Ein Wiederanstieg der Preise ist nach Einschätzung des Ministers nur eine Frage der Zeit.

Viele Russen fragen sich allerdings: Wie lange wird die Durststrecke anhalten? Die Kombination aus fallendem Ölpreis und westlichen Sanktionen könnte sich als fatal erweisen. Bereits jetzt ist der Wechselkurs des Rubels zum Euro massiv gefallen und die Inflation in die Höhe geschossen. Die Sorge wächst, dass die Währung – ähnlich wie im Krisenjahr 1998 – zusammenbrechen könnte. ko

Die Fracking-Kapazitäten lassen sich jedoch leicht wieder hochfahren. Ein Ende des Preisverfalls ist daher nicht in Sicht. Für die Verbraucher bedeutet das erfreuliche Zeiten. Der Heizölpreis liegt auf dem tiefsten Stand seit zwölf Jahren, Händler kommen mit dem Liefern kaum nach. Auch Autofahrer profitieren: Superbenzin E10 zum Beispiel liegt bei 1,20 Euro je Liter und damit um 50 Cent unter dem Stand vom Sommer 2012. Diesel kostet im bundesweiten Durchschnitt weniger als einen Euro je Liter, an manchen Tankstellen sogar weniger als 90  Cent. Das weckt bei vielen die Lust auf große Autos – was wiederum deren Verkäufer freut: „Schluss mit dem Pessimismus“, sagt Chefverkäufer Landesz in Lexington Park. „Der Einkaufspreis sinkt, die Gewinne steigen.“

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Niedrige Spritpreise
Foto: Günstigster Preisstand seit 2009: Kraftstoff bleibt für Verbraucher weiterhin günstig.

Die Ölpreise fallen seit langem. Diesel ist deshalb so günstig wie seit sechs Jahren nicht mehr – 2015 war das dritte Jahr in Folge mit fallenden Durchschnittspreisen. Fast vergessen sind da Literpreise von 1,70 Euro und die hitzigen Debatten um Preisbremsen.

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