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Der Mann, der Winterkorn zu Fall brachte

Prüfverfahren für Abgase Der Mann, der Winterkorn zu Fall brachte

Dieser Mann hat die Abgasaffäre ins Rollen gebracht – und dabei "aus Versehen" auch einen der mächtigsten Wirtschaftsbosse der Welt gestürzt. Peter Mock, 34, Chemiker, ist nicht der Typ, der in die Öffentlichkeit drängt. Doch sein Prüfverfahren für Abgase könnte nach VW noch andere Konzerne in Bedrängnis bringen.

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Mock, 34 Jahre alt, gelernter Wirtschaftschemiker, hat an diesem 23. September 2015 Martin Winterkorn zu Fall gebracht.

Quelle: Copyright: Thomas Trutschel/ photothek.net

Berlin. Ein schöner Herbsttag. Die Station der S-Bahn am Hackeschen Markt in Berlins Mitte wirft im Minutentakt gut gelaunte Passanten aus. Einige treffen sich gegenüber in einer weiß getünchten Trattoria. Es duftet nach frischer Pizza und gegrilltem Fisch. Im vierten Stock des Gebäudes sitzt Peter Mock und wundert sich.

Mock, 34 Jahre alt, gelernter Wirtschaftschemiker, hat an diesem 23. September 2015 Martin Winterkorn zu Fall gebracht, einen der wichtigsten Wirtschaftsführer der Welt. „Aus Versehen“, wie Mock sagt.

Der eher schüchtern wirkende Mann sitzt hoch über den dampfenden Pizza-Öfen bei geöffnetem Fenster vor dem Computer und blickt auf immer neue Meldungen zu VW.

Rund um den Erdball blitzen die Eilmeldungen auf. Kommentare, Hintergrundberichte und Spekulationen machen die Runde. In London schreibt die „Times“ vom „schlimmsten Unternehmensskandal des modernen Deutschland“. Die „New York Times“ sieht einen „unschätzbaren Schaden für die Kunden, für die Umwelt, für die Aktionäre und für ihre ehrwürdige Marke“. Die italienische „La Stampa“ glaubt das Gütesiegel „Made in Germany“ in Gefahr.

Peter Mock, der gebürtige Ulmer, lächelt verlegen.

Mock ist Direktor am renommierten International Council on Clean Transportation (ICCT). Zusammen mit seinen fünf Berliner Kollegen und weltweit rund 30 weiteren Mitarbeitern beliefert er nationale und internationale Regierungszentralen sowie die Europäische Kommission mit zuverlässigem Zahlenwerk zu Abgaswerten aller Art. Finanziert wird das ICCT vornehmlich durch Stiftungsgelder und öffentliche Aufträge.

Als Mock im Jahr 2013 ein neues Verfahren entwickelte, um deutsche Diesel-Fahrzeuge genauer zu untersuchen, ahnte er nicht, dass dies zwei Jahre später den VW-Konzern in nie dagewesene Nöte stürzen würde. Er überredete zwei Kollegen, John German und Francisco Posada, ihm zu helfen. „Wir wollten eigentlich nur zeigen, dass die deutschen Autos in den USA sauberer sind als in Europa, weil die Grenzwerte in den USA strenger sind“, sagt Mock. Die Ergebnisse seien dann jedoch ganz anders ausgefallen als erwartet. „Ich war sehr erstaunt.“ Bei einem VW Jetta und einem Passat seien bis zu 40-fach höhere Stickoxidausstöße gemessen worden als vom Hersteller angegeben. So deckte Mock, statt nachzuweisen, wie sauber deutsche Diesel-Motoren arbeiten, den bislang größten Skandal in der Geschichte der Automobilindustrie auf.

Im Mai 2014 stellte Mock die Diesel-Ergebnisse erstmals in einer Studie der Öffentlichkeit vor - damals noch anonymisiert, ohne das Nennen der Fabrikate. Schnell habe sich VW bei ihm gemeldet, um zu wissen, ob es sich um ihre Motoren handele, die dort untersucht und als auffällig eingestuft worden seien. „Das haben wir bestätigt. Spätestens zu dem Zeitpunkt musste Volkswagen klar sein, was auf den Konzern zukommt. Alle Verantwortlichen dort wussten Bescheid.“ Die US-Behörden hätten umgehend Untersuchungen eingeleitet. „Von der kriminellen Energie, die hinter den Abgas-Unregelmäßigkeiten steckte, habe auch ich erst in der vergangenen Woche das erste Mal erfahren“, betont Mock.

Doch nicht nur VW drohen jetzt Strafzahlungen, Regressforderungen und Reputationsverlust. Auch andere Automobilhersteller könnten demnächst wegen falscher Angaben zu Stickoxiden Probleme bekommen. „In ersten Laboruntersuchungen haben wir ähnlich hohe Werte auch bei Fahrzeugen von Volvo, Opel, Hyundai und Citroen festgestellt“, erklärt Mock. Zwar müssten diese Laborwerte noch in weiteren Beweismessungen und Straßentests bestätigt werden. Für den Forscher steht jedoch schon jetzt fest: „Das ist ein erstes Indiz.“

Hinweise darauf, dass Autohändler mit geschönten Zahlen arbeiten, gab es nach Ansicht des jungen Berliner Wissenschaftlers schon lange. Erst jetzt allerdings lägen verlässliche Zahlen dazu vor. Es werde an allen Ecken und Enden schöngerechnet. Die offiziellen Tests reichten einfach nicht aus. Viele Autohersteller wichen auf weniger kritische Länder wie Luxemburg oder Spanien aus, um für neue Modelle auf dem europäischen Markt eine Zulassung zu bekommen. Mock: „Wir fordern schon lange eine europäische Typ-Prüfbehörde.“ Der Verdacht, der jetzt bei VW im Raum stehe, eine Software eingebaut zu haben, die die Fahrleistung auf dem Prüfstand manipuliere, müsse seiner Ansicht nach sofort zu einem Entzug der Typgenehmigung führen.

Die Arbeit geht dem Berliner Wissenschaftler so schnell jedenfalls nicht aus. Die nächste Bombe hält er bereits in den Händen: eine Untersuchung zum Spritverbrauch. „Wir wissen jetzt zuverlässig, dass alle Fahrzeughersteller den Benzinverbrauch um durchschnittlich 40 Prozent zu niedrig angeben.“ Auch das werden die Bosse der Automobilbranche nicht gern hören. Kaum zu glauben, dass das stille Kämmerlein im vierten Stock am Hackeschen Markt über der weiß getünchten Trattoria die Autowelt aus den Fugen hebt. Und mittendrin: Peter Mock. Dem wächst der Rummel allmählich über den Kopf. „Ich bin Wissenschaftler. Mit Medien hatte ich bislang wenig zu tun.“

Von Jörg Köpke

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