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Deutschland / Welt Vom Kriegsflüchtling zur Umsatz-Millionärin
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Vom Kriegsflüchtling zur Umsatz-Millionärin
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21:30 18.11.2015
Jasmin Taylor kam als Flüchtling nach Deutschland. Heute ist sie Geschäftsführerin und Inhaberin des Reiseveranstalters JT Touristik – ein Unternehmen mit 60 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 151 Millionen Euro. Quelle: JT
Berlin/Hannover

Ihr Unternehmen JT Touristik bot schon Reisen nach Dubai an, als die Vereinigten Arabischen Emirate noch ein Geheimtipp waren. 150 Reiseziele gehören zum Portfolio. Außerdem ist JT Touristik so etwas wie der Promifriseur der Urlaubsbranche. Bei Jasmin Taylor buchen Stars wie Lena Gercke, Guido Maria Kretschmer, Jenny Elvers, Fernanda Brandão, Senna Gammour oder Alexandra Kamp.

Auf dem roten Teppich

Für Taylor sind das "Markenbotschafter", sie trifft sich auch privat mit ihnen und kommt zur Urlaubsempfehlung schon mal zu den Promis nach Hause. Bei Wohltätigkeitsfeiern sieht man Taylor auf dem roten Teppich zuweilen gemeinsam mit Dana Schweiger.

Was ist ihr Erfolgsrezept? "Wir versprechen den Kunden einen gewissen Lebensstil, das muss nicht immer Luxus sein. Wir organisieren geheime Hochzeitsreisen für Prominente oder eine Entspannungsfahrt, wenn sie ausgelaugt sind. Wir haben genau das richtige Produkt für jeden Einzelnen."

Zuerst als Zimmermädchen

Taylor umgibt selbst ein gewisser exzentrischer Glamour. Wände, Schränke und Stühle ihrer Villa sind in der Firmenfarbe Pink gehalten. "Eine Farbanalyse hat ergeben, dass Pink in der Touristikbranche kaum besetzt war. Außerdem ist das eine frische, moderne und feminine Farbe. Ich liebe Pink." Ihre Kostüme, Taschen und Schuhe in der schrillen Farbe gehören zu Taylors Markenzeichen. Sie hat einen ganzen Schrank allein mit Kleidungsstücken in diesem Ton.

Das war nicht immer so. Als sie damals in Deutschland ankam, jobbte sie unter anderem als Zimmermädchen und Nachtportier in einem Hotel, wohnte in einer Souterrainwohnung. "Die habe ich mir sehr gemütlich eingerichtet, ich war dort genauso glücklich wie jetzt in meiner Villa", sagt sie mit persischem Akzent.

Nach dem Abitur in die USA

Heutzutage sei es in Berlin möglich, sich allein mit Englisch durchzuschlagen, das sei vor 30 Jahren noch anders gewesen. "Ich konnte es nicht erwarten, Deutsch zu lernen. Ich wollte unbedingt Goethes Faust auf Deutsch lesen können", erzählt sie. "Das ist mir nach zwei Jahren gelungen."

Taylor machte das Abitur in Bonn und ging anschließend in die USA, um dort Psychologie und Wirtschaftswissenschaften zu studieren. 2002 fing sie mit einem Computer und einem Gewerbeschein an und gründete ein Online-Reiseunternehmen. "Damals gab es drei Produkte, die man erfolgreich online vertreiben konnte: CDs, Bücher und Reisen. Und weil ich schon immer ein Faible für ferne Länder hatte, entschied ich mich dafür."

Kampf gegen Vorurteile

JT Touristik gibt es seit 2009, inzwischen beschäftigt Taylor 60 Mitarbeiter. Viele von ihnen haben ausländische Namen. Taylor kommentiert: "Wir stellen nach Qualifikation ein, nicht nach den Herkunftsländern. Ich selbst bin nämlich diese Frage satt: Wo kommen Sie her?" Oft werde sie als Iranerin in eine Schublade gesteckt. "So wurde mir bei Verhandlungen schon vorgeworfen, ich feilsche wie auf einem Basar."

Neulich war Taylor bei einem Wirtschaftstalk in Berlin und wurde unentwegt zur iranischen Politik befragt. Irgendwann wurde es ihr zu viel, und sie sagte: "Ich lebe schon lange nicht mehr dort. Ich bin jetzt hier, um mich mit Charlottenburger Unternehmern auszutauschen."

Männer dominieren die Branche

Auch als Frau habe sie in einem männerdominierten Geschäftszweig mit Vorurteilen zu kämpfen. "Bei einem Businesslunch wunderte sich ein Kollege, wie ich denn Zeit für meine Arbeit finden würde, wenn ich immer so perfekt gestylt sei. Ich bastele aber nicht den ganzen Tag an mir herum, ins Kosmetikstudio gehe ich häufig am Wochenende."

Als erste Frau wurde Taylor 2011 von einem Branchenverband zum "Travel Industry Manager of the Year" gekürt. Wäre sie im Iran geblieben, wäre diese Karriere wohl kaum möglich gewesen. "Schon allein deshalb nicht, weil man immer lange auf ein Visum warten muss, ich aber oft kurzfristig verreisen muss", sagt sie.

Hilfe für andere Flüchtlinge

Die Rolle der Frau im Iran werde hierzulande aber völlig unterschätzt. "Frauen geben in der Familie meist den Ton an, und auch beruflich haben sie viel mitzureden. Insbesondere in der Forschung sind sie an den Universitäten sehr stark vertreten."

Mit den Flüchtlingen von heute identifiziert sich Taylor sehr. "Immerhin weiß ich genau, was es bedeutet, in ein völlig fremdes Land und noch dazu ohne Sprachkenntnisse zu kommen", sagt sie. Vor einem Jahr hat sie das Projekt "Strong Independent Sisters" (SIS) gegründet. Als Patin steht sie dabei Flüchtlingsfrauen zur Seite, organisiert Praktika und vernetzt sie mit Unternehmern. Jasmin Taylor hat sich das alles selbst hart erarbeitet. Ihr ehrgeiziges Ziel: Nach zehn Jahren strebt sie einen Jahresumsatz von einer halben Milliarde Euro an.

Von Nina May

Hintergrund

Den Unternehmergeist hat Taylor von ihrem Vater geerbt. Sie wuchs in Teheran in einem Elternhaus auf, das Wert auf Bildung legte und die Talente der Kinder förderte. Als sich der Iran-Irak-Konflikt in den Achtzigerjahren zuspitzte, beschloss die Familie, das Land zu verlassen. Die damals 17-jährige Taylor reiste alleine voraus. Aber der Vater erkrankte, und die Jugendliche war in Bonn auf sich allein gestellt.

Jasmin Taylor ist nicht nur eine erfolgreiche Unternehmerin in der Touristikbranche, sie reist auch privat leidenschaftlich gerne. Ihr Lieblingsziel ist Dubai. Sie erklärt: "Es gibt dort 360 Sonnentage im Jahr und viele Direktflüge von Deutschland aus, super Shoppingmöglichkeiten und tolle Hotels. Außerdem ist es nicht weit zu meiner Mutter und Schwester, die im Iran leben. So kann ich tagsüber in Dubai arbeiten und den Abend mit Familien und Freunden verbringen, da diese dann oftmals auch hierher kommen."

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