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Freundschaft im „Notbetrieb“

Praemandatum Freundschaft im „Notbetrieb“

Die Datenschutzexperten von Praemandatum in Hannover leben das Prinzip eines basisdemokratisch organisierten Unternehmens. Doch bewährt sich ein hierarchiefreier Betrieb auch in der Krise? Acht Jahre nach der Gründung mussten die Mitarbeiter das herausfinden. Ihre Erfahrungen haben sie bestärkt.

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„Demokratisch und solidarisch“: Mitgründer Peter Leppelt und Britta Görtz beweisen, dass das nicht nur in guten Zeiten geht. 

Quelle: Praemandatum

Hannover. Hannover. Es kam knüppeldick: Ein fest eingeplanter Großauftrag brach urplötzlich weg, die Gefahr sah niemand kommen und schon stand die kleine Firma mit ihren 30 Mitarbeitern am Rand des Abgrunds. Dass dem hannoverschen Datenschutzunternehmen Praemandatum dennoch die Insolvenz erspart blieb, hat es allein dem Zusammenhalt seiner Mitarbeiter zu verdanken. Auch wenn einige gehen mussten.

„Ein demokratisches Unternehmen waren wir schon immer“, sagt Britta Görtz, die sich bei Praemandatum vor allem um das Markeing kümmert, „aber jetzt wissen wir, dass wir auch ein solidarisches Unternehmen sind.“ Tatsächlich verzichtet der Betrieb bewusst auf eine klassische Hierarchie mit Chef, Abteilungsleitern und Mitarbeitern. Bei Praemandatum erhalten alle denselben Stundenlohn - und die Rolle des Chefs kann jeder mal einnehmen, aber nur für ein Projektteam und bis das jeweilige Projekt abgeschlossen ist.

Vielleicht hat es auch deshalb etwas länger gedauert, die drohende Notlage überhaupt zu erkennen und sich einzugestehen. „Wir sind da ein bisschen zu weit reingelaufen“, räumt Görtz ein. Dabei sind alle Unternehmenszahlen für alle Mitarbeiter stets einsehbar und werden bei der wöchentlichen Mitarbeiterversammlung auch durchaus diskutiert. Irgendwann Mitte Juni war die Schieflage dann auch für den Letzten unübersehbar. Und weil unter den Datenschutzexperten bei Praemandatum mancher ist, den man außerhalb des Unternehmens wohl als „Nerd“ bezeichnen würde, und viele dieser Computer- und Science-fiction-Begeisterten sich sehr für das „Raumschiff Enterprise“ interessieren, wählte man einen Begriff aus diesem Themenkreis: Praemandatum schaltete in den „Notbetrieb“.

Alle Energie wurde in die „Lebenserhaltungssysteme“ des Unternehmens gesteckt, berichtet Görtz: Vertrieb und Akquise. Auch Mitarbeiter, die zuvor so gar nichts mit diesen Bereichen zu tun hatten, mussten sich plötzlich um bestehende Kunden kümmern und neue umwerben. Zugleich galt es, die Kosten herunterzufahren. Das war schon haariger.

„Wir haben dann gemeinschaftlich beschlossen, dass jeder Mitarbeiter freiwillig auf so viel von seinem Gehalt verzichtet, wie er kann“, sagt Görtz. Sie selbst habe ihren Lohn um 600 Euro monatlich zusammengestrichen. „Da war ich plötzlich wieder im Studentenmodus und habe auf alle Extraausgaben verzichten müssen“, erläutert Görtz. „Aber jeder hier hat sich eingeschränkt.“ Gereicht hat das dennoch nicht. Fünf Mitarbeiter erhielten eine betreibsbedingte Kündigung, einer ging von sich aus und arbeitet jetzt woanders als Programmierer.

Gerade in einem kleinen Betrieb, in dem jeder jeden kennt, sei es nicht einfach, sich von Kollegen trennen zu müssen, sagt Görtz. Die gekündigten Kollegen duften weiter an den wöchentlichen Mitarbeiterversammlungen teilnehmen, um über das Unternehmen auf dem Laufenden zu bleiben, und man habe ihnen in Aussicht gestellt, sie wieder zu beschäftigen, wenn der Notbetrieb beendet wird.

Das habe es allen Beteiligten etwas erleichtert, gibt Görtz zu. Überdies habe man sich für den Notbetrieb drei bis sechs Monate Zeit gegeben. Also auch für die verbliebenen Beschäftigten sei ein Ende des Gehaltsverzichts absehbar gewesen. Zudem sind Informatiker auf dem Arbeitsmarkt generell gesuchte Leute, sodass wohl keinem wirklich eine längere Arbeitslosigkeit gedroht hätte. Doch alle hätten gemeinsam an das Funktionieren eines demokratischen, selbstbestimmten Unternehmens geglaubt, und nun schien dieses Modell acht Jahre nach der Firmengründung ersthaft in Gefahr.

Um es vorweg zu nehmen: Praemandatum hat Mitte September nach nur drei Monaten den „Notbetrieb“ beenden können. Die „Lebenserhaltungssysteme“ haben ihre Aufgabe erfüllt. Zwei neue „solvente“ - wie Görtz betont - Kunden sind an Bord, das Raumschiff Preamandatum legt ab in eine neue Zukunft. Doch so ganz im Regelbetrieb ist man noch nicht. Der Stundenlohn hat das alte Niveau zwischen 22 und 24 Euro noch nicht wieder erreicht. Derzeit liege man noch zwischen 15 und 18 Euro, was auch Einbußen bedeutet.

Und was ist aus den gekündigten Mitarbeitern geworden? Einer ist wieder eingestellt worden, zwei arbeiter in Form eines Minijobs wieder für Praemandatum, eine Kollegin hatte sich als Grafikdesignerin selbstständig gemacht und zählt jetzt ihren früheren Arbeitgeber zu ihren Kunden. Und ein Kollege habe sein Studium wieder aufgenommen und wolle das jetzt beenden. Für die Zeit danach hat er bereits eine Anstellung bei einer Praemandatum-Ausgründung in Aussicht.

„Damit haben wir bewiesen, dass unsere Organisationsform kein Schön-Wetter-Prinzip ist“, sagt Görtz. Die Idee des demokratischen Unternehmens habe sich nun auch in der Krise behauptet. Und der offene Umgang mit dem Notbetrieb habe in keiner Weise geschadet. „Kunden sind nicht abgesprungen, und von den anderen Geschäftspartnern hat auch niemand eine Zwischenrechnung gestellt“, freut sich Görtz.

Dennoch bleibt nicht alles beim Alten: So wurde jetzt eine Berichtspflicht für die Projektleiter beschlossen, um drohende Engpässe früher erkennen zu können und künftig mehr Zeit zum Gegensteuern zu gewinnen. Und aus der Not ist sogar eine neue Geschäftsidee erwachsen. Praemandatum will seine Erfahrungen aus der Krise anderen Unternehmen in Workshops näher bringen, damit möglichst viele davon profitieren können.

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