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Praemandatum: Niemand bleibt zurück

Hannoversche Datenschutzfirma Praemandatum: Niemand bleibt zurück

Wechselnde Hierarchien, jeder legt die Arbeitszeit selbst fest, gleicher Stundenlohn: Die Datenschutzberater von Praemandatum versuchen, eine Utopie zu leben. Ihr Leitbild eines sozialen Unternehmens, in dem sich alle Mitarbeiter wohlfühlen, scheint zu funktionieren. Vorerst.

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Alles kommt auf den Tisch: Beim wöchentlichen Teammeeting stellt Britta Görtz ein Projekt vor. Gemacht wird nur, was eine Zweidrittelmehrheit der Mitarbeiter gut findet.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Wir schreiben das Jahr 2015. Dies sind die Abenteuer des Unternehmens Praemandatum, das mit seiner 25 Mann starken Belegschaft unterwegs ist, um fremde Organisationsformen zu erforschen. So dringt Praemandatum in Bereiche der Firmendemokratie vor, die wohl nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Manchem mag die kleine hannoversche Datenschutzfirma schon ein wenig wie das Raumschiff „Enterprise“ aus der Fernsehserie vorkommen. Auch Praemandatum - der lateinische Begriff steht für Steckbrief - wagt eine Expedition mit ungewissem Ausgang, bei der täglich neue Schwierigkeiten auftreten können.

Sinnvolle Work-Life-Balance

Passenderweise heißt der mannshohe und wandbreite Dienstplan hier „Holodeck“ - wie der Raum für virtuelle Welten auf der „Enterprise“. Dass die Beschäftigten ihre Wünsche und Träume auf das schlichte Organisationsinstrument projizieren, ist ausdrücklich erwünscht: Alle Mitarbeiter dürfen selbst bestimmen, wie viel sie arbeiten, um eine „für sie sinnvolle Work-Life- Balance“ zu finden.

So steht es ausdrücklich in der Satzung von Praemandatum. Dort heißt es auch: „Das Unternehmen möchte es interessanten Menschen ermöglichen, sich frei zu entfalten und ihrer Begeisterung nachzugehen.“ Dazu gehörte es für die Firmengründer Peter Leppelt und Wulf Bolte auch, auf klassische Hierarchien zu verzichten. Beide wollten nicht den Chef spielen. Also gibt es keinen.

Leppelt ist zwar pro forma als Geschäftsführer eingetragen, weil eine Firma eben einen haben muss. Aber auch er könnte mit Dreiviertelmehrheit der Mitarbeiter abgesetzt werden. Das ist wohl der gravierendste Unterschied zur streng militärisch organisierten „Enterprise“. Hierarchien gibt es bei Praemandatum dennoch, aber projektbezogen. Für jeden Kundenauftrag, den die immer dienstags um 15 Uhr tagende Mitarbeiterversammlung annimmt, wird ein Team gebildet. Diesem steht der sogenannte Master Chief (MC) vor, der Aufgaben verteilt und darüber wacht, dass Zeitpläne eingehalten werden.

Führungsrollen auf Zeit

Nicht selten arbeiten Mitarbeiter aber gleichzeitig in verschiedenen Projektteams. Deshalb kann der Master Chief des einen Teams in einem anderen Team dem dortigen MC unterstellt sein. Es gibt keine Führungspositionen, sondern nur Führungsrollen auf Zeit.

„Wir wollen nicht reich werden“, erklärt Britta Görtz, die für das Marketing des Unternehmens verantwortlich ist. Der feste Stundenlohn, der sich immer nach dem Vorjahresumsatz richtet, gelte für alle Beschäftigten gleichermaßen, egal, ob sie frisch von der Uni kommen oder schon seit Jahren dabei sind. Derzeit liege der Stundensatz so bei 22 oder 24 Euro, sagt sie. Doch über 30 Euro werde er unter keinen Umständen steigen, das verbiete die Satzung.

Neues Personal zu gewinnen, war dennoch nie ein Problem für Praemandatum. Die allgemein umworbenen IT-Profis zieht es offenbar von selbst dorthin, obwohl sie woanders bessere Verdienstmöglichkeiten hätten, berichtet Görtz. „Praemandatum genießt einen sehr guten Ruf, dazu trägt auch unser sozialethischer Ansatz bei“, sagt Görtz. „Man findet sich unter Gleichgesinnten.“ Ihnen geht es nicht darum, Karriere zu machen. Sie suchen einen Sinn in ihrer Tätigkeit.

Selbst als das 2008 gegründete Unternehmen in diesem Jahr in seine erste große Krise rutschte, die Stundenlöhne kürzte und sich sogar von fünf Mitarbeitern trennen musste, blieben die anderen an Bord, berichtet Görtz. Jeder Beschäftigte habe selbst entschieden, auf wie viel Geld er verzichten kann, bis der „Notbetrieb“ überstanden ist. Andernfalls habe man wohl noch mehr Entlassungen aussprechen müssen. „Da muss man mir erst mal ein anderes Unternehmen zeigen, wo das so läuft“, sagt Görtz nicht ohne Stolz.

Team entscheidet mit Zweidrittelmehrheit

Einmal in der Woche kommen alle Themen, die Beschäftigte und Betrieb betreffen, auf den Tisch. Beim dienstäglichen Teammeeting geht es auch schon mal hoch her. Gemacht wird dann, was mit Zweidrittelmehrheit beschlossen wurde. Der Rest nicht.

Das klingt einfacher, als es sich in der Praxis entfaltet. Auch Görtz räumt ein, diese Art der Selbstorganisation sei „kein Ponyhof“. Streit lasse sich aber in aller Regel schnell schlichten, schließlich gehe es allen stets um die gemeinsame Sache, und das Vertrauen in die Kompetenzen der anderen beruhige oft die Gemüter. „Wir pflegen eine sehr offene Kommunikationskultur.“ Wenn alles nicht hilft, glättet auch schon mal eine Partie Tischfußball am betriebseigenen Kicker die Wogen.

„Zeitlich gesehen ist das ein großer Luxus für ein Unternehmen, weil man sehr viel Zeit in Besprechungen verbringt“, findet Görtz. „Das ist ein Kostenfaktor, das muss man klar so sagen.“ Doch es habe sich auch gezeigt, dass es von Vorteil für Praemandatum ist, auf die individuellen Fähigkeiten der Mitarbeiter zu setzen und ihre Eigenorganisation zu fordern und zu fördern. „Wenn man den Menschen Verantwortung gibt, dann klappt das.“

Deshalb überprüft hier keiner, ob jemand vier Stunden zu wenig in der Woche arbeitet. Aber auch nicht, ob es zehn Stunden zu viel sind. Manche arbeiten auch von zu Hause aus. Wichtig ist nur, dass jeder seine „Tickets“ abarbeitet.

Darunter muss man sich elektronische Auftragsbeschreibungen vorstellen, die sich die Mitarbeiter - natürlich nach Absprache - untereinander zuschieben. Weil jeder etwas anderes besser kann oder so etwas Ähnliches schon mal gemacht hat oder die anderen eh schon so viel zu tun haben. Die „Tickets“ unterteilen die zu erledigenden Aufgaben in überschaubare Teilbereiche.

Tickets verhindern Schlendrian

Wer morgens seinen Rechner einschaltet, findet dort - natürlich in einem virensicheren Open-Source-Programm - seine „Tickets“. Dort steht, was er zu tun hat, mit welchen Kollegen und bis wann. Weil alle unerledigten „Tickets“ ebenfalls für alle sichtbar sind, schaut auch jeder dem anderen auf die Finger. Das verhindert den Schlendrian. „Es ist hier nicht so anarchisch, wie es manchmal klingt“, sagt Görtz. „Wir haben die Probleme, die alle Firmen haben. Wir gehen nur anders damit um.“

Bei Praemandatum versuche man eben nicht, die Menschen den Prozessen anzupassen, sondern die Prozesse den Menschen. „Das ist ein guter Ansatz, um eine echt produktive und zugleich glückliche Firma zu sein“, sagt Görtz. Ob das auch noch so funktioniert, wenn das Unternehmen immer weiter wächst, ist offen. Es bleibt also spannend bei Praemandatum. Oder mit den Worten von Spock auf der „Enterprise“: faszinierend.

Praemandatum

Seit 2008 gibt es die hannoverschen Sicherheitsexperten von Praemandatum, deren Devise lautet, Daten zu schützen, indem man sie vermeidet. Für Unternehmen bietet Praemandatum unter anderem Seminare und Analysen des Firmennetzwerks an sowie Hilfe beim Beheben gefundener Schwachstellen. Damit sehen sich die 25 Mitarbeiter von Praemandatum als Vorreiter in der Branche. Konzepte zur Datenvermeidung entwickeln sie ebenso wie technischen Datenschutz.

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