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Die reinigende Kraft der SPD

Putzfrau Neumann vs. Minister Gabriel Die reinigende Kraft der SPD

Putzfrau Susanne Neumann hat Parteichef Gabriel die Leviten gelesen – und gilt seitdem als Rettung der Sozialdemokratie. Wer ist sie? Ein Hausbesuch.

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"Stimme aus dem Volk": Die Putzfrau Susanne Neumann in ihrem Garten in Gelsenkirchen und mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel im Willy-Brandt-Haus in Berlin.

Quelle: Roland Weihrauch/Wolfgang Kumm

Gelsenkirchen. Der Himmel verdunkelt sich, als Sigmar Gabriels Name fällt. Aus Richtung Herne zieht das Gewitter heran, Susanne Neumann geht zum Lichtschalter. Der Regen prasselt gegen die Scheiben des Hochhauses im Zentrum von Gelsenkirchen. Im fünften Stock, der Gewerkschaftsetage, fragt Neumann: "Er hat nichts kapiert, oder?"

Das ist ein bemerkenswerter Satz für jemanden, der in der deutschen Sozialdemokratie seit gut einem Monat als Symbol der Hoffnung gilt, als Gewissen der SPD. Damals war die 57-jährige Putzfrau aus dem Ruhrgebiet bei der Wertekonferenz der SPD im Berliner Willy-Brandt-Haus zu Gast. Und nachdem sie dem Parteivorsitzenden dann eine ganze Weile zugehört hatte, wie er vom Regieren und den Sachzwängen erzählte, stellte sie ihm dann diese eine Frage, die Susanne Neumann auf einen Schlag bekannt machte: "Warum bleibt ihr dann bei den Schwatten?"

"Meine Mädels gehen alle in die Altersarmut."

Susanne Neumann
über ihre Kolleginnen

Es ist eine Frage, in der sehr viel steckt: die Sehnsucht nach einer kämpferischen SPD, die Hoffnung auf eine linke Mehrheit, die Resignation beim Blick auf die Parteispitze.

Die Stimme aus dem Volk

Neumanns Auftritt galt vielen als der Einbruch der Realität in die Berliner Politikblase. Die kurzhaarige, energische Frau war die personifizierte Stimme aus dem Volk. Aus einem Volk, dem es gar nicht so gut geht, wie die Wirtschaftsstatistiken vermelden. Das eher Räumungsverkäufe als Start-ups kennt. Das Aufstieg durch Bildung für ein schales Versprechen hält. Das fragt: Wo ist der Aufstieg durch Können hin? Was kann man noch mit Maloche erreichen? Warum gibt es keine unbefristeten Verträge mehr? Ist es altmodisch, den anständigen Arbeitsverhältnissen und der sicheren Rente nachzutrauern? Ist es gar anmaßend? Susanne Neumann wirkte kein bisschen so. Krebskrank, Minirente in Aussicht, voller Wut. "Es gibt Tausende Susi Neumanns da draußen", hat sie gesagt, und: "Meine Mädels gehen alle in die Altersarmut."

Im fünften Stock des Hochhauses im lädierten Herzen des Ruhrpotts sind sie an diesem Tag versammelt: ihre Mädels, die – wenig überraschend – alle gestandene Frauen sind. Frauen mit Hang zu Kurzhaarfrisur, Klassenkampf und ansteckender Lache. Frauen wie Christel Wellmann, Jahrgang 1958, gelernte Schneiderin, Mutter von vier Kindern, Putzfrau seit 1998, Sozialdemokratin seit 38 Jahren. Oder Petra Vogel, Jahrgang 1957, die früher Sozialpädagogin, Au-pair und Schmuckverkäuferin auf Ibiza war und nun Betriebsrätin und Linkspartei-Mitglied ist. Die Strecke der von Neumanns Mädels in ihrem Berufsleben gewischten Flure dürfte etwa der Entfernung von Gelsenkirchen bis Alpha Centauri entsprechen.

"Wenn wir streiken, haben wir eine Riesenkatastrophe"

Wobei die Flure ja noch das Einfachste sind. Die fast schon meditative Ruhe, abends nach Dienstschluss im Gebäude, den Schrubber in der Hand. "Dann kannste dich richtig abreagieren, keiner stört dich, der Schrubber knallt und dir geht es gleich viel besser." Sagt, na klar, Susanne Neumann. Sie ist das Zentrum der Runde. Nicht nur, weil sie die ehrenamtliche Vorsitzende des Bezirksverbandes Emscher-Lippe-Aa der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt ist. Nicht nur, weil ihr gerade noch alle nachträglich zum Geburtstag gratuliert haben. Sondern vor allem, weil sie auch auf die hitzigste Diskussion immer noch einen draufsetzt. "Wenn die Müllabfuhr streikt, haben wir Müllsäcke auf der Straße. Na und? Wenn die Reinigungskräfte streiken, und zwar alle, haben wir eine Riesenkatastrophe in Deutschland." Kurze Pause. "Das möchte ich gerne mal sehen."

Unsichtbar und kurzlebig ist das Ergebnis ihrer Arbeit. Wenn es gut läuft, werden sie ignoriert. Wenn es schlecht läuft, provoziert. Neumann erzählt von ihrer Horrorstation im Einkaufszentrum, von der Kundin, die mit der geöffneten Spülmittelflasche im Einkaufswagen durch den ganzen Laden schob und dann feixend aus dem ersten Stock zuguckte, wie "die Putze" das wegmachen musste. "Die hatte da Spaß dran, und das war nicht die Einzige." – "Das fängt schon bei Erst- und Zweitklässlern an!", ergänzt Angelika Tesny. "Lass liegen, macht die dumme Putze weg."

Ab wann darf man sich weigern?

Die große, kräftige Frau putzt eine Grundschule. Sie hat 300 Quadratmeter in einer Stunde zu schaffen, muss die Stühle auf die Tische stellen und wieder herunterwuchten, und wenn irgendeine Sauerei beim Turboputzen nicht ganz verschwindet, beschwert sich der Hausmeister bei ihrer Firma.  "Die kleinen Schikanen, die wir jeden Tag erleben ...", sagt Neumann, und Petra Vogel erzählt vom "Stasi-Stift", der unter Schwarzlicht leuchtet. Wenn die Markierung nach dem Putzen noch zu sehen ist, sei geschlampt worden, sagen die Auftraggeber. "Von bestimmten Flächen geht der Stift gar nicht ab", kontert Vogel. Die Frauen überbieten einander mit den schlimmsten Details, von über und über beschmierten Toilettenwänden, von literweise geronnenem Blut im Klinikbadezimmer. Ab wann darf man sich weigern? Oder gilt: Übergeben und weitermachen?

Dann kommt der Pizzabote. Themenwechsel. Zurück zur SPD. Seit zwei Monaten ist Susanne Neumann Sozialdemokratin. Sie war auch schon mal kurz Mitglied der Linkspartei. Ihr Mann Bernd, hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär und ihr Fahrer und Unterstützer, ist seit 1982 in der SPD: Eingetreten am Tag, als Helmut Kohl Kanzler wurde. Das sagt eigentlich schon alles.

"Die SPD ist so abgehoben"

Hofft Neu-Sozialdemokratin Susi Neumann jetzt auf ein zweites Treffen mit dem Parteichef? "Meine Punkte habe ich angesprochen", sagt sie. "Befristungen, Leiharbeit, Altersarmut. Deutschland wird zum Billiglohnland gemacht und dann musst du mit 43 Prozent als Rente auskommen. Das läuft so in eine falsche Richtung." Christel Wellmann, SPD-Mitglied seit 1978, schaltet sich ein. "Die SPD ist so abgehoben, die wissen gar nicht mehr, was Arbeiten, was Maloche heißt. Und die Quittung, die wird diese SPD nächstes Jahr bei den Wahlen kriegen. Wenn sie dann noch 10 Prozent kriegen, können sie sich glücklich schätzen." Schweigen rundherum. Betretene Zustimmung. Warum bleibt sie dann bei den Roten? "Ich habe ja noch Hoffnung", antwortet sie.

Die Realität von Neumann und ihren Mädels in der Gelsenkirchener Gewerkschaftsetage besteht nicht aus Statistik und politischer Taktik, sondern aus Alltag und Beobachtung. Wie viel Prozent der Arbeitnehmer am Ende wirklich von Altersarmut bedroht sind, interessiert Susanne Neumann gar nicht so sehr. Sie sieht es so: "Du gehst zum Bäcker, zu Kik, zum Friseur – alles, was da arbeitet, geht in die Altersarmut. Überall, wo ich mich täglich bewege, bin ich mit Menschen zusammen, die in die Altersarmut gehen. Ich weiß gar nicht, wo die anderen sind."
Das klingt stellenweise nach Elend, hat aber vielmehr mit Stolz zu tun. Mit einem alten Stolz, der vielleicht wieder aktuell wird.

Die "Mädels" lassen sich nicht einschüchtern

"Ich liebe meinen Beruf", sagt Christel Wellmann. "Trotz allem." So sehr, dass sie sogar vom Krankenbett aufstand, um der Klinikreinigungskraft zu helfen. "Ich weiß ja, wie knapp ihre Zeit ist." Die "Mädels" lassen sich nicht gerne helfen. Aber sie lassen sich auch nicht einschüchtern von der Welt der Talkshows und Luxushotels, die einige von ihnen inzwischen auch gut kennen. Susanne Neumann hat Christel Wellmann als Begleitung zur "Anne Will"-Aufzeichnung im April mitgenommen. Wellmann versuchte nach der Sendung hartnäckig herauszufinden, was die Moderatorin genau ihrer Putzfrau zahlt, ob deren Minijob vielleicht am Ende unterhalb des Mindestlohns liegt. "Da musste Anne Will plötzlich ganz dringend wohin." Sagt sie und feixt.

Die beiden Putzfrauen wurden mit einer Limousine gefahren und mokieren sich noch Wochen später darüber, dass sie die Türen nicht selbst öffnen durften. "Das ist mein Job", hat der Fahrer gesagt. Neumann fragt unbeeindruckt zurück: "Wie viel verdienst du heute Abend? 70 Euro? Ist das nicht unter dem Mindestlohn?"

Im Luxushotel am Berliner Gendarmenmarkt haben sie sich unwohl gefühlt, weil sie sich nicht gern bedienen lassen. Bei der Abreise haben sie das Trinkgeld fürs Zimmermädchen nicht auf den Nachttisch gelegt, sondern unters Kopfkissen geschoben. Es sei üblich, dass die Hoteldirektionen Mitarbeiter losschickten, die die Münzen und Scheine einsammeln, bevor die Putzkolonne kommt. Unterm Kopfkissen, das ist das Versteck für Eingeweihte. Solidarität beginnt manchmal mit kleinen Tricks.

Von Jan Sternberg

Der Kampf gegen den Absturz

Sozialdemokraten wollen sich stärker abgrenzen: Parteichef Sigmar Gabriel hat der Putzfrau Susanne Neumann anscheinend gut zugehört – jedenfalls bemühen sich die SPD-Vertreter seit der Begegnung der beiden im Mai wieder stärker um Neumanns Milieu. Gabriel sprach zuletzt auffallend häufig von "Solidarität": Sie sei die Antwort der SPD auf "Probleme, die jeden Menschen treffen können". So warmherzig hatte der Mann, der auch Bundeswirtschaftsminister ist, zuvor nicht immer geklungen. Ein dezenter Ruck nach links soll der SPD den Weg aus der Krise weisen.

Wie ernst es um die Partei steht, belegten am Freitag die Zahlen des "Deutschlandtrend", den Infratest dimap für die ARD erstellt. Demnach liegt die SPD unverändert zur letzten Erhebung Anfang Juni bei 21 Prozent. Es wird die Genossen kaum trösten, dass die Union sogar noch einen Prozentpunkt verloren hat und nur noch bei 31 Prozent steht. Damit sinkt die Große Koalition auf den tiefsten Stand dieser Legislaturperiode.

Die SPD hat sich nun für eine Strategie der stärkeren Abgrenzung von der Union entschieden. In einem Strategiepapier, das der Parteivorstand in dieser Woche beschlossen hat, klingen die Sozialdemokraten wieder deutlich kämpferischer: "Ein gerechteres Steuersystem heißt, dass sich die Großen nicht mehr so leicht drücken können und dass die kleinen Einkommen entlastet werden", heißt es darin unter anderem. Auch Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, im Falle von Gabriels Verzicht möglicher Kanzlerkandidat, forderte jetzt, "die Perspektiven der Mittelschicht und der unteren Einkommensgruppen klar im Blick zu haben". Wie ernst es die Sozialdemokraten mit der Abgrenzung von der Union meinen, wird sich in diesem Jahr unter anderem bei der Suche nach einem neuen Bundespräsidenten zeigen. Die Putzfrau Susanne Neumann jedenfalls könnte mit etwas mehr Distanz zu den "Schwatten" sehr gut leben.

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