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Deutschland / Welt RWE plant Radikalkur: "Es geht ums Überleben"
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22:04 18.07.2015
Weil die Gewinne eingebrochen sind, will RWE seine Konzernstruktur deutlich straffen. Quelle: dpa
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Zur jährlichen Pressekonferenz der RWE-Kraftwerkssparte lädt der Konzern traditionell ins Wasserschloss Paffendorf im rheinischen Braunkohlerevier. Das prächtige Gebäude aus dem 16. Jahrhundert mit Türmen und Zinnen, Wassergräben und Balkonen gehört dem Energiekonzern selbst - Glanz aus vergangenen Zeiten. Denn die Botschaft des Kraftwerkschefs Matthias Hartung bei der Veranstaltung vergangenen Dienstag klang gar nicht fürstlich: Die RWE-Gewinne aus den Kohle- und Gaskraftwerken - wichtiger Ertragsbringer für den ganzen Konzern - rauschen immer mehr in den Keller und nähern sich bis 2017/2018 der Nulllinie. "Unabhängig von Länder- und Spartengrenzen: Es geht ums Überleben", sagte Hartung.

Der zweitgrößte deutsche Energiekonzern verdient unter dem Strich kaum noch Geld und muss dringend seine Struktur straffen, um sich fit für die Zukunft zu machen. Dazu arbeitet RWE-Chef Peter Terium an letzten Details einer Radikalkur, die er bei einer Aufsichtsratssitzung am 10. August vorstellen will: RWE will Teilgesellschaften bündeln und ihre Zahl deutlich reduzieren, heißt es aus Konzernkreisen.

Dabei geht es nicht um Personalabbau - den hat RWE mit dem Abbau von rund 11 000 Stellen vorerst hinter sich - sondern vor allem um schnellere Entscheidungswege. "Das wäre eine Revolution für RWE - und die ist lange überfällig", sagen kritische Beobachter wie Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Rund 100 Teilgesellschaften und Gremien, sogenannte Legaleinheiten, oft mit Führungsstäben, eigenen Vorständen und allein 10 Aufsichtsräten in Deutschland existieren bei RWE bisher nebeneinander. Alle tagen, beschließen, protokollieren - ein gewaltiger Bürokratieaufwand. Vor allem dauert es mit der dezentralen Struktur viel zu lange, bis Entscheidungen etwa über neue Produkte oder Investitionen vom Spitzenmanagement in der Praxis ankommen.

Dass RWE die Energiewende verschlafen hat, wie dem Konzern immer wieder vorgeworfen wird, und beim Anteil der Erneuerbaren weit hinter den Konkurrenten Eon und EnBW liegt, ist für Kritiker auch ein Strukturproblem. "Unter 2 oder 3 Teilnehmern stimmen Sie sich schneller ab als unter 10", heißt es aus dem Unternehmen.

Mit dem Firmenumbau soll die Zahl der Einheiten um etwa ein Drittel schrumpfen, schätzen Insider. Die RWE AG als Holding des Gesamtunternehmens soll gestärkt werden. Erneuerbare Energien, Vertrieb und Netzgeschäft - diese von Terium als verbleibende Wachstumsbereiche herausgestellte Sparten könnten nach den Erwartungen von Fachleuten organisatorisch näher an die Firmenzentrale heranrücken.

Damit reagiert RWE auch auf die noch deutlich radikaleren Strukturveränderungen beim großen Konkurrenten Eon. Eon hatte angekündigt, sich künftig ganz auf Ökostrom, Energienetze und den Vertrieb konzentrieren. Die konventionelle Erzeugung bei den Düsseldorfern wird komplett in die neue Firma Uniper abgetrennt.

Später - noch nicht im August - sollen bei RWE möglicherweise zusätzliche Vorstandsmitglieder benannt werden. "Der Umbau ist Pflichtprogramm", sagt Aktionärsschützer Tüngler, "dezentrale Strukturen klappen in guten Zeiten, jetzt in der Krise muss der Vorstand durchregieren können."

Beim "Durchregieren" hat RWE allerdings historisch bedingt enge Grenzen: Dass dabei der wichtige RWE-Standort Dortmund nicht zu kurz kommt, darüber wacht schon Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD), der mit im Aufsichtsrat sitzt. RWE hatte nach der Fusion mit VEW in Dortmund im Jahr 2000 garantiert, Tausende Jobs in der Stadt zu belassen. Das dürfte beispielsweise für den RWE-Vertrieb gelten.

Die Kommunen - mit rund 24 Prozent mächtigster RWE-Einzelaktionär - sehen noch erheblichen Klärungsbedarf. "Die Branche wird zunehmend dezentral - warum setzt Terium da auf eine zentrale Struktur", sagt der Geschäftsführer des Verbandes der kommunalen Aktionäre, Ernst Gerlach. "Ist RWE damit noch nah genug an den Kunden?" Gerlach erwartet Antworten vom Management noch vor der Sitzung. Die Gewerkschaftsseite im Aufsichtsrat trägt dem Vernehmen nach Teriums Pläne grundsätzlich mit.

Steiler Absturz bei RWE seit Fukushima

Der Atomausstieg nach der Fukushima-Katastrophe und der abgestürzte Börsenstrompreis wegen der Energiewende haben das Geschäft von RWE durcheinandergewirbelt. Der betriebliche Gewinn sackte seit 2010 von 7,7 Milliarden Euro auf 4 Milliarden 2014 ab. RWE reagierte unter anderem mit Sparprogrammen wie "Neo". Die Mitarbeiterzahl ging - auch durch verkauftes Geschäft - von 71.000 im Jahr 2010 auf knapp 60 000 Ende 2014 zurück.

Im laufenden Jahr hat sich an dem Trend nichts geändert. Die Gewinne aus der Stromerzeugung gehen weiter zurück. Bis 2017/2018 nähern sie sich laut RWE der "schwarzen Null". Der Börsenkurs lag Ende Juli 2010 bei 54 Euro, aktuell sind es um die 20 Euro.

dpa

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