Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Rheinmetall will in die Lüneburger Heide
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Rheinmetall will in die Lüneburger Heide
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:55 10.09.2012
Von Lars Ruzic
Hannover

Umgeben von den gigantischen Truppenübungsplätzen Bergen und Munster, irgendwo auf dem Weg von Celle nach Uelzen links ab, da liegt es: Unterlüß – eine Gemeinde mit 3605 Einwohnern und einem Industrieareal, für das man sich um einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde bemühen sollte. Auf rund 50 Quadratkilometer erstreckt sich der Standort des Düsseldorfer Rüstungs- und Zulieferkonzerns Rheinmetall. Das Wolfsburger Volkswagenwerk fände darin achtmal Platz.

Die Produktionsstätten in Unterlüß belegen freilich nur einen homöopathischen Anteil der Fläche, denn gegründet wurde der Standort 1899 als Schießplatz. Waffen und Munition testen sie hier auch heute noch, genauso wie Puma-Panzer oder Boxer-Militärtransporter. Nur: All das wird mitten in der Heide auch gefertigt. Fast 1000 Mitarbeiter beschäftigt Rheinmetall in Unterlüß. Der Standort ist Sitz des Bereichs Waffe und Munition mit 600 Beschäftigten und Fertigungsstandort der Tochter Landsysteme mit fast 400 Mitarbeitern. Die Bedeutung des Standorts für die Region ist gewaltig.

Und sie wird in den kommenden Monaten noch steigen. Ausgerechnet eine Notlage der Rheinmetall Landsysteme (RLS) dürfte dazu führen, dass der Konzern den Sitz auch dieser Tochter ins Niemandsland verlegt und dort kräftig Kapazitäten aufbaut. Dafür müssen andere Standorte bluten: Gersthofen in Bayern soll geschlossen, Kassel und Kiel radikal ausgedünnt werden. So sieht es ein Restrukturierungskonzept vor, das der HAZ vorliegt, und über das der Konzern derzeit mit den Gewerkschaften verhandelt.

Offiziell hüllt sich Rheinmetall dazu in Schweigen. Bei einem Besuch in Unterlüß vor wenigen Tagen sagte allerdings Vorstand Armin Papperger, der Anfang 2013 an die Konzernspitze vorrücken wird, die geplante Restrukturierung von RLS bedeute für Unterlüß keine Einschnitte – „eher im Gegenteil“. Kompetenzen müssten in die Heide verlagert werden, um international wettbewerbsfähig zu bleiben.

Intern klingt das weitaus dramatischer. Die RLS-Sanierer legen die Probleme in ihrem Bericht schonungslos offen. Die Sparte hänge zu sehr am Heimatmarkt und der Bundeswehr, heißt es darin. Die befindet sich bekanntlich im Sparmodus. Erst vor wenigen Wochen ist die Zahl der Puma-Bestellungen um 55 auf 350 zusammengestrichen worden.

Die Internationalisierung sei bei RLS nicht konsequent verfolgt worden, so die Berater. Viele Projekte habe man aus Kostengründen an Wettbewerber verloren – mit der Folge, dass der Auftragseingang in diesem Jahr fast 30 Prozent unter den Planungen liege. Offen spricht die Analyse von „nur bedingt marktgerechten“ Produkten, es gebe „Führungsprobleme und Fehler des Managements“ sowie „ineffiziente Produktions-, Entwicklungs, Standortstrukturen“. Das Fazit klingt dramatisch: Ohne die Hilfe des Mutterkonzerns sei RLS „aufgrund der hohen Verschuldung insolvenzgefährdet und damit nicht überlebensfähig“.

Aus Vergleichen mit den Wettbewerbern, die fast alle wesentlich profitabler arbeiten, hat der Konzern einen Einsparbedarf von 58 Millionen Euro abgeleitet – keine Kleinigkeit für einen Geschäftsbereich, der in diesem Jahr keine 300 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften wird. Ursprünglich hatten die Rheinmetall-Manager deshalb sogar alle anderen RLS-Standorte schließen und das Geschäft komplett in Unterlüß zentrieren wollen.

Das Werk hat den anderen nicht nur das gewaltige Testgelände voraus. Die Arbeitskosten sind auch niedriger. Unterlüß fällt aufgrund seiner Munitions- und Dynamittradition unter den Chemie-Tarifvertrag, die anderen Standorte werden von der IG Metall betreut. Die Löhne in der Heide sind zwar nicht wesentlich niedriger, dafür wird an einem Chemiestandort 37,5 Stunden in der Woche gearbeitet – und nicht 35 Stunden wie in der Metallindustrie.

Von einem derart radikalen Einschnitt habe das Management inzwischen aber Abstand genommen, heißt es aus Arbeitnehmerkreisen. Geplant ist nun, in Kassel ein „Kompetenzzentrum Rad“ für radbetriebene Fahrzeuge zu belassen – was dort allerdings mit dem Abbau von 300 der aktuell 400 Stellen verbunden wäre. Die heutige RLS-Zentrale in Kiel würde zum reinen Entwicklungsstandort – und verlöre 320 der aktuell 500 Jobs. Gersthofen mit seinen 50 Entwicklern soll komplett verschwinden.

Doch das ist noch nicht alles: Mit dem zumindest teilweisen Erhalt von Kiel und Kassel werde man die Einsparziele nicht erreichen, argumentiert der Konzern – und will sich die gegenüber dem Ein-Werk-Konzept 16 Millionen Euro Mehrkosten von der Belegschaft wiederholen. Die Mannschaft in Unterlüß wird wohl Opfer bringen müssen, wenn sie der Nabel der RLS-Welt werden will.

Morgen wird Rheinmetall Details des Sparprogramms auf einer Betriebsversammlung in Kiel offenlegen. Sowohl im hohen Norden als auch in Kassel will der Rüstungsriese den Beschäftigten einen Umzug in die Lüneburger Heide schmackhaft machen. Um mehr als 300 Mitarbeiter würde die RLS-Belegschaft in Unterlüß dann wachsen.

Doch der Widerstand ist groß. In Kassel hat die IG Metall bereits angekündigt, in den Sozialtarifverhandlungen sehr hohe Abfindungen zu fordern, um die Umstrukturierung für Rheinmetall besonders teuer zu machen. Zudem drohe dem Konzern ein dramatischer Know-how-Abfluss. Schließlich werde kaum einer der hochspezialisierten Mitarbeiter von Kiel oder Kassel zum Umzug zu bewegen sein. „Wer“, fragt ein Gewerkschafter, „will denn schon ins Niemandsland?“

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Ton bleibt rau im Konflikt zwischen der Lufthansa und den Flugbegleitern. Die Gewerkschaft Ufo betonte, wenn nötig einen "langen Arbeitskampf" durchhalten zu können. Als Schlichter im Gespräch ist Ex-Bundespräsident Horst Köhler.

09.09.2012
Deutschland / Welt Produktion auf niedrigstem Stand seit 30 Jahren - Weniger Öl aus der Nordsee

Immer weniger Öl aus der Nordsee: In 10 Jahren werde die Produktion bedeutungslos, prognostizieren Experten. Die wichtigen Lieferanten Großbritannien und Norwegen fallen damit aus.

09.09.2012

Neuer Termin, neues Finanzierungskonzept: Die Beschlüsse des Aufsichtsrates des künftigen Hauptstadtflughafens lassen Zweifler und Kritiker nicht verstummen - eher im Gegenteil.

08.09.2012