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00:18 11.12.2015
Von Jens Heitmann
Arbeit als positiver Effekt für das Wohlbefinden? Die Ausgaben für das Krankengeld haben sich seit 2006 fast verdoppelt. Quelle: Fotolia
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Hannover

Der Rheumatikerin geht es nicht gut, aber nur zu Hause sitzen möchte sie auch nicht: „Momentan habe ich so Schmerzen in den Fingern, dass ich maximal drei bis vier Stunden am Computer arbeiten kann“, schreibt sie in einem Internetforum. „Habe aber einen Vollzeitjob mit acht Stunden täglich – gibt es die Möglichkeit, sich nur für vier Stunden täglich ,krankschreiben‘ zu lassen bei vollem Gehalt?“ Zumindest für ein paar Wochen, denn: „Mir fällt daheim ja sonst die Decke auf den Kopf.“ Das ist die eine Seite.

Ein anderes Bild zeichnen Berichte der Unabhängigen Patientenberatung: Demnach klagen Langzeitkranke vermehrt darüber, dass ihre Krankenkassen sie unter Druck setzten, möglichst schnell wieder arbeiten zu gehen. Sogenannte Fall-Manager der Kassen scheuten auch vor Einschüchterungen nicht zurück, heißt es. Sogar von „Telefonterror“ ist vereinzelt die Rede.

Ausgaben für Krankengeld nahezu verdoppelt

Dass die Kassen sich heute intensiver um Langzeitkranke kümmern, hat einen einfachen Grund: Die Ausgaben für das Krankengeld haben sich seit 2006 nahezu verdoppelt – von 5,7 auf 10,6 Milliarden Euro. Die Kassen klagen schon länger darüber, seit wieder höhere Zusatzbeiträge drohen, tun sie das noch etwas lauter. Diese Notrufe haben Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) veranlasst, den zuständigen Sachverständigenrat um Lösungsvorschläge zu bitten.

Die Experten wenden ihren Blick nach Norden – und sehen im „schwedischen Modell“ eine Therapiemöglichkeit. Anders als hierzulande beginnt dort mit der Krankschreibung ein Prozess der stufenweisen Begutachtung: In festgelegten Zeitintervallen prüft die Sozialkasse in Abstimmung mit der Arbeitsagentur, ob und in welchem Maße Kranke ihre Arbeit wieder ausüben können – oder ob für sie eine andere Tätigkeit infrage kommt.

Ein fließender Übergang in Schweden

Während in Deutschland langfristig erkrankte Arbeitnehmer nur dann Anspruch auf Krankengeld haben, wenn sie komplett arbeitsunfähig sind, gilt in Schweden ein fließender Übergang: Wer seinen Job noch zu 75, 50 oder 25 Prozent erledigen kann, bezieht weniger Krankengeld – und entlastet somit die Sozialkasse. Aber auch die Kranken profitierten, meint der Sachverständigenrat: Es gebe positive Effekte „auf den Gesundheitszustand und das Wohlbefinden“ der maladen Mitarbeiter.

In der hiesigen Wirtschaft und im Lager der Kassen fallen die Reaktionen weniger optimistisch aus. Der Vorschlag der Experten sei zwar geeignet, „Fehlanreize abzubauen und Krankengeld noch gezielter auszuzahlen“, sagte Niedersachsens AOK-Chef Jürgen Peter am Dienstag. Aber man müsse auch auf „schlanke Abläufe“ achten – mehr Papierkram bedeute nicht unbedingt schnellere Hilfe.

"Unternehmen dürften sich schwer damit tun"

Die Unternehmerverbände zeigen sich deutlich skeptischer. Je nach Betriebsgröße unterliege die Beschäftigung von erkrankten Mitarbeitern Grenzen, erklärte UVN-Hauptgeschäftsführer Volker Müller. Bei Niedersachsen-Metall hält man das „schwedische Modell“ für untauglich: „In der betrieblichen Realität wird das zu vielen Problemen führen“, sagte Hauptgeschäftsführer Volker Schmidt. Viele Unternehmen dürften sich schwer damit tun, Viertel- oder Drittelstellen zu besetzen, wenn der eigene Mitarbeiter krankheitsbedingt nur in Teilzeit arbeite. Einfacher wäre es, wenn die Ärzte bei der Krankschreibung genauer hinguckten.

Die Gewerkschaften sind strikt gegen das Modell aus dem hohen Norden: „Der Vorschlag ist überflüssig wie ein Kropf“, erklärte Niedersachsens DGB-Chef Hartmut Tölle. Schon heute gingen viele Beschäftigte krank zur Arbeit, weil sie sonst Nachteile befürchteten. „Durch das Modell der Teilzeitkrankschreibung würde sich der Druck auf Kranke deutlich erhöhen.“

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