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Deutschland / Welt Schweinewirte kritisieren Lidl-Wurst aus Polen
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Schweinewirte kritisieren Lidl-Wurst aus Polen
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13:56 21.02.2018
Deutsche Schweinewirte sorgen sich um ihre Tiere. In Nordpolen ist die Afrikanische Schweinepest verbreitet. Quelle: dpa
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Stuttgart

Die Schweinebauern fürchten, dass das Virus per Wurstimport auch nach Deutschland kommen könnte. Das Fleisch aus Polen wurde für das aktuelle Lidl-Angebot osteuropäischer Spezialitäten verarbeitet. Produkte wie eine Polnische Rohwurst der Eigenmarke „Kaljanka“ bereiten den Schweinewirten Sorgen.

An der Aufregung ist das Bundeslandwirtschaftsministerium wohl nicht ganz unschuldig: Hier wird davor gewarnt, dass Fernfahrer und Saisonkräfte aus Osteuropa infizierte Fleisch- und Wurtwaren mitbringen könnten. Wenn diese etwa an Raststätten auf die Wiese geworfen und dort von Wildschweinen gefressen werden, könne sich die Seuche ausbreiten.

Lidl hingegen verweist auf strenge Qualitätskontrollen und saubere Zulieferer, und auch der Verband der Fleischwirtschaft warnt vor Panikmache. Aber die Verwirrung und die Ängste hinsichtlich der Afrikanischen Schweinepest (ASP) bleiben groß.

„Die Landwirte sind derzeit alarmiert und sensibel bei dem Thema“, heißt es aus der „Top Agrar“-Redaktion, „es geht schließlich im Zweifel auch um die Existenz eines landwirtschaftlichen Betriebes“. Die Fachzeitschrift hatte das Lidl-Angebot als erstes thematisiert und den Nerv vieler Tierhalter getroffen.

1000 neue Fälle im zwei Monaten

Obwohl es in Deutschland bisher keine Fälle der Afrikanischen Schweinepest gibt, sind die Zahlen aus Osteuropa alarmierend. Neuerkrankungen von Wild- und auch Hausschweinen werden vor allem in Litauen und Polen verzeichnet. „Dort wurden im Jahr 2015 insgesamt 1639 Fälle gemeldet - aktuell haben wir schon über 1000 Fälle in den vergangenen zwei Monaten“, sagt Elke Reinking, Sprecherin des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. „Diese Ausbruchszahlen sind schon heftig, und ein Ende ist nicht in Sicht.“ Menschen erkranken generell nicht an dem Erreger.

Das Institut verweist jedoch auch darauf, dass nichts gegen ganz normale Lebensmittel aus jenen Regionen in Polen spricht, die nicht betroffen sind. „Man müsste sich nur einmal vorstellen, in Nord-Deutschland gäbe es Fälle von Schweinepest und in der Folge dürften auch süddeutsche Betriebe nichts mehr verkaufen“, argumentiert Reinking. „Aus den restriktierten Zonen in Polen kommt nichts raus, dafür sorgen die Veterinärbehörden vor Ort.“ EU-Regelungen legen fest, dass aus diesen Regionen kein Tier und kein Fleisch gebracht werden darf.

Verband der Fleischwirtschaft sieht keine Gefahr

Darauf beruft sich auch Lidl. Der Rohstoff für die Wurstwaren stamme sowohl aus Zentral- als auch aus Osteuropa, teilte das Unternehmen mit. Und weiter: „In Ländern, die von der Afrikanischen Schweinepest betroffenen sind, beziehen wir ausschließlich Rohstoffe aus den sogenannten freien Gebieten, in denen [...] keine Beschränkungen aufgrund der ASP vorliegen. Zudem führen unsere Lieferanten beim Fleischrohstoff grundsätzlich strenge Qualitätskontrollen durch.“

Der Verband der Fleischwirtschaft (VDF) steht dem Discounter bei. Die Debatte über polnische Wurst sei „kurzsichtig und schädlich, auch für deutsche Schweinehalter“, sagt VDF-Geschäftsführerin Heike Harstick. Wer den Eindruck erwecke, dass Schweinefleisch aus Ländern mit ASP gefährlich sei, stelle die Wirksamkeit der gesetzlichen ASP-Maßnahmen in Frage. Dafür aber gebe es keinen Grund. „Die Festlegung von Restriktionsgebieten ist in der gesamten EU so gestaltet, dass eine Verbreitung der Seuche über Fleisch von Hausschweinen, das amtlich für genusstauglich erklärt ist und damit im gesamten Binnenmarkt frei verkehrsfähig ist, ausgeschlossen wird.“

Flächendeckende Kontrolle zu kostenintensiv

Ob das 100-prozentige Sicherheit bringt, wie die Landwirte fordern, bleibt dennoch offen. „Wer tonnenweise Rohstoff einkauft, müsste Tausende von Schweinen prüfen, um absolute Sicherheit zu haben. Das wird nie gehen, es wäre auch zu kostenintensiv“, sagt Veterinär Otto Hornstein vom Schweinegesundheitsdienst der Tierseuchenkasse Baden-Württemberg. „Eigentlich dürfte ja auch gar nichts in die Lebensmittelkette gelangen, aber es passiert eben doch auch immer wieder.“

Dass nicht nur Wildschweine das Virus weitertragen, sondern auch der Mensch ein großer Risikofaktor ist, zeigt ein Blick auf die Landkarte. In Polen ist der Nordosten des Landes betroffen. Mehr als 300 Kilometer südlich gibt es einen weiteren Ausbruch im östlichen Tschechien. Dazwischen: schweinepestfreie Zone. Dass der Erreger von Menschen über diese Distanzen von 300 bis sogar 1000 Kilometern transportiert wurde, gilt als so gut wie sicher.

Aufrufe an Raststätten

Für die Fernfahrer und Saisonkräfte aus ASP-Gebieten wie Polen, Russland und der Ukraine hat das Bundeslandwirtschaftsministerium an Raststätten nun mehrsprachige Hinweisplakate angebracht mit dem Aufruf, Essensreste unbedingt in geschlossene Mülleimer zu entsorgen. Das Virus überlebt gerade in Wurst und sogar in tiefgekühltem Fleisch ausgezeichnet - es hält sich monatelang, sagt Elke Reinking vom FLI.

Von RND/dpa

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