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Deutschland / Welt So betrügen Hotels bei Sterne-Klassifizierungen
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt So betrügen Hotels bei Sterne-Klassifizierungen
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00:15 14.10.2016
Von Lars Ruzic
In vielen Fällen Unregelmäßigkeiten festgestellt: Im Kampf um Gäste verleihen sich Hotelbetreiber auch schon mal selbst Klassifizierungen. Quelle: Malte Christians
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Hannover

Viele Hoteliers in Deutschland tricksen bei den Sternen. Eine Stichprobe unter 3000 Häusern habe „ein hohes Ausmaß illegitimer Sternewerbung“ ergeben, berichtete die Klassifizierungsgesellschaft des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) am Montag. Demnach hätten 8 Prozent der untersuchten Hotels mit abgelaufenen oder selbst vergebenen Sternen geworben. Die Deutsche Hotelklassifizierung GmbH, die für die Vergabe der Sterne zuständig ist, will schwarze Schafe verfolgen und im Zweifel juristische Schritte ergreifen.

Gleichzeitig bestätigte die Gesellschaft Recherchen des Zweiten Deutschen Fernsehens, das im Sommer bei 1000 untersuchten Betrieben sogar in jedem vierten Fall Unregelmäßigkeiten festgestellt hatte. Geschäftsführer Markus Luthe kündigte an, künftig per Software die Internet-Homepages der rund 21.000 Hotels und Gasthäuser in Deutschland auf unberechtigte Sternewerbung zu scannen. Hinzukommen soll die stichprobenhafte Untersuchung vor Ort.

Die Klassifizierung in ein bis fünf Sterne durch eine Selbstkontrollinstanz der Branche geht zurück auf Hoteliers aus dem Harz, die das Modell Ende der Achtzigerjahre gegen großen internen Widerstand etablierten. Es setzte sich schließlich erst in Niedersachsen, dann bundesweit durch. Die Teilnahme am Dehoga-System ist freiwillig, mehr als 8500 Betriebe haben sich in Deutschland anhand langer Kriterienlisten eingruppieren lassen. In Niedersachsen tragen gut 850 von 3500 Betrieben offizielle Sterne - neun davon, wie Kastens Hotel Luisenhof in Hannover oder das Ritz-Carlton in Wolfsburg, erreichen die Höchstwertung von fünf Sternen. Gültig ist die Klassifizierung für drei Jahre, danach muss sie erneuert werden.

Eine Nachklassifizierung kostet

Hier lauert bereits ein erstes Problem: Hoteliers unterlassen die kostenpflichtige Nachklassifizierung, werben aber weiter mit den Sternen. Diesen schwarzen Schafen sei man bislang kaum auf die Spur gekommen, berichtete Niedersachsens Dehoga-Hauptgeschäftsführer Rainer Balke. Die eigenen Hotelbewerter seien vollauf mit dem Kerngeschäft beschäftigt. „Wir haben aber keine Speerspitze, die sich die Altfälle ansieht.“ Unlängst sei einem Dehoga-Fachmann durch Zufall in Niedersachsen ein Gasthof aufgefallen, der 22 Jahre alte Sterne noch immer am Hoteleingang hängen hatte. „Wir müssen mehr Kontrollarbeit draußen leisten - und auch unsere Mitglieder motivieren, der Konkurrenz genauer auf die Finger zu schauen.“

Weitaus größere Ausmaße habe inzwischen aber das Werben mit falschen Sternen angenommen, sagte Balke. Hier erklären Hoteliers die Klassifizierungskennzeichen schlicht zum Bestandteil des Logos oder zum Designelement an der Hausfront - darauf hoffend, dass der Kunde daraus Qualität ableitet. In Hannover etwa musste jüngst ein Hotelbetreiber auf richterlichen Geheiß hin einen Teil seiner Marmorfassade abhängen. Er hatte dort zwei mal sechs Sterne eingravieren lassen.

Sorgen bereitet den Qualitätswächtern auch, dass Onlinebuchungs- und -Bewertungsportale inzwischen ihre eigenen Sternekategorien für Hotels haben, die durch die Gäste vergeben werden. Sie müssten abgeschafft werden, weil ihnen „keine einsehbaren und objektiven Kriterienkataloge zugrunde liegen“, forderte Klassifizierungsfachmann Luthe.

Wofür stehen die Sterne?

Ein, zwei, drei Sterne – oder mehr? Was steht wofür? Ein Auszug aus dem Kriterienkatalog, nach dem Hotels in Deutschland klassifiziert werden.

Ein Stern

Unterkunft für einfache Ansprüche Alle Zimmer mit Dusche/WC o. Bad/WC Tägliche Zimmerreinigung Alle Zimmer mit TV samt Fernbedienung Tisch und Stuhl Seife oder Waschlotion Badetücher Empfangsdienst Dem Hotelgast zugängliches Telefon Erweitertes Frühstücksangebot

Zwei Sterne

Unterkunft für mittlere Ansprüche Frühstücksbüfett Leselicht am Bett Internetzugang Kartenzahlung möglich Schaumbad oder Duschgel Angebot von Hygieneartikeln (Zahnbürste, Zahncreme, Einmalrasierer etc.)

Drei Sterne

Unterkunft für gehobene Ansprüche 14 Stunden besetzte separate Rezeption, 24 Stunden erreichbar, zweisprachige Mitarbeiter (deutsch/englisch) Sitzgruppe am Empfang, Gepäckservice Getränkeangebot auf dem Zimmer Telefon auf dem Zimmer Haartrockner, Papiergesichtstücher Nähzeug und Schuhputzutensilien auf Wunsch, Wasch- und Bügelservice Systematischer Umgang mit Gästebeschwerden

Vier Sterne

Unterkunft für hohe Ansprüche 16 Stunden besetzte separate Rezeption, 24 Stunden erreichbar Lobby mit Sitzgelegenheiten und Getränkeservice, Hotelbar Sessel/Couch mit Beistelltisch Minibar, 16 Stunden Getränke im Roomservice oder Maxibar auf jeder Etage Bademantel, Hausschuhe auf Wunsch Kosmetikartikel (z. B. Duschhaube, Nagelfeile, Wattestäbchen), Kosmetikspiegel, großzügige Ablagefläche im Bad, Heizmöglichkeit im Bad

Fünf Sterne

Unterkunft für höchste Ansprüche 24 Stunden besetzte Rezeption, mehrsprachige Mitarbeiter Wagenmeisterservice Concierge, Hotelpagen Empfangshalle mit Sitzgelegenheiten und Getränkeservice Personalisierte Begrüßung mit frischen Blumen oder Präsent auf dem Zimmer Minibar und 24 Stunden Roomservice Körperpflegeartikel in Einzelflakons Internet-Endgerät auf dem Zimmer auf Wunsch Bügelservice (innerhalb einer Stunde), Schuhputzservice

Quelle: Hotelsterne.de

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