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Deutschland / Welt So tricksen die Konzerne mit dem Öko-Strom
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09:35 26.07.2017
Von Jens Heitmann
Symbolbild Quelle: dpa
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Die Norweger gelten als Pioniere beim Ökostrom: 98 Prozent der im hohen Norden erzeugten Elektrizität stammen aus erneuerbaren Quellen, vornehmlich Wasserkraft. Ein Blick in die Statistik des staatlichen Energiedirektorats kann jedoch Zweifel an dieser Vorreiterrolle wecken: Demnach haben die Norweger im vergangenen Jahr knapp zwei Drittel ihres Stroms aus Kohle- und Gaskraftwerken bezogen und ein Fünftel aus Atommeilern – obwohl bei ihnen keine Nuklearanlage steht. 

Der scheinbare Widerspruch findet seine Erklärung in der hohen Ökostrom-Nachfrage in Deutschland: Weil hier mehr Kunden grüne Energie beziehen möchten, als die einheimischen Windkraft,- Solar- und Biomasseanlagen zertifiziert liefern können, greifen viele Versorger zu einem Kniff. Sie veredeln die in hiesigen Kraftwerken aller Art erzeugten Kilowattstunden mit einem norwegischen Testat – und dürfen sie dann als Ökostrom verkaufen.

EEG-Anlagen ohne Zertifikat

Das Prinzip ist einfach: Wer Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt, kann sich für die produzierte Menge sogenannte Herkunftsnachweise ausstellen lassen. Diese Zertifikate kann der Erzeuger verkaufen und im vom Umweltbundesamt geführten Herkunftsnachweisregister an den Erwerber übertragen. Bei der Lieferung werden die Zertifikate entwertet – so ist sichergestellt, dass sie nur einmal verwendet werden.

Es gibt jedoch eine Ausnahme: Für Ökostrom aus Anlagen, die nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert werden, dürfen keine Zertifikate ausgestellt werden. Damit will der Gesetzgeber eine „Doppelvermarktung“ ausschließen – die Anlagenbetreiber sollen neben den EEG-Subventionen nicht noch zusätzlich Geld mit Zertifikaten verdienen.

Der Energieanbieter Lichtblick geißelt die Öko-Testate als „staatlich verordneten Etikettenschwindel“, andere Kritiker sprechen von „Greenwashing“: Mithilfe eines günstig erworbenen Zertifikates lasse sich selbst der „mit dreckigen Abgasfahnen erzeugte Braunkohlestrom“ mit einem Preisaufschlag an die Kunden bringen, heißt es bei Greenpeace. Dabei hatte die Europäische Union bei der Einführung des Zertifikate-Systems im Jahr 2002 nur Gutes im Sinn: Sie wollte den Ausbau erneuerbarer Energien fördern.

Die Entkopplung der Energieerzeugung vom Stromverkauf schuf jedoch die Voraussetzung für eine attraktive Geschäftsidee: Da „Herkunftsnachweise“ für Ökostrom aktuell für weniger als 0,02 Cent je Kilowattstunde gehandelt werden, entstehen bei der Belieferung eines Durchschnittshaushaltes nur Kosten von weniger als einem Euro pro Jahr. Der von den Kunden verlangte Preisaufschlag für „Ökostrom“ kann hingegen deutlich höher ausfallen.

Umweltbundesamt ist skeptisch

Nach Einschätzung des Umweltbundesamtes leisten Herkunftsnachweise allenfalls einen geringen Beitrag zur Energiewende: Sie seien ein reines Bilanzierungsinstrument – es würden nur die vorhandenen Erzeugungskapazitäten gezählt, aber keine neuen hinzugefügt. Da das Angebot an Strom aus erneuerbaren Energien europaweit viel größer sei als die Nachfrage bei Ökostrom-Tarifen, werde der Preis für die Herkunftsnachweise in absehbarer Zeit auch nicht deutlich steigen, heißt es bei der Behörde.

Den Norwegern kann es egal sein, ob sie rein rechnerisch Kohlestrom verbrauchen – solange die realen Kraftwerke ihre Schadstoffe in Deutschland in die Luft pusten und bei ihnen zu Hause saubere Wasserkraftanlagen laufen. Verbrauchern, die sicher sein möchten, dass ihr Versorger tatsächlich Strom aus erneuerbaren Energie einkauft und liefert, empfiehlt das Umweltbundesamt einen Tarif mit einer sogenannten optionalen Kopplung: In diesem Fall garantiert der Anbieter, dass er den Strom und den entsprechenden Herkunftsnachweis zusammen bei demselben Produzenten bezieht.

„Öko-Nutzen ist Augenwischerei“

Verbraucherschützer stehen Ökostrom-Tarifen skeptisch gegenüber. Jeder Haushalt decke infolge der Energiewende bereits 40 Prozent seines Verbrauchs aus Windkraft-, Solar- oder Biomasseanlagen und zahle dafür 6,88 Cent pro Kilowattstunde als Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Bei einem Bezug von rechnerisch 100 Prozent Ökostrom sei der Nutzen für die Umwelt eher begrenzt, heißt es bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Schließlich werde die Energieproduktion in Europa durch die Umverteilung der Zertifikate nicht nachhaltiger: „Damit einen ökologischen Nutzen zu verbinden ist Augenwischerei.“

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