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Deutschland / Welt Kommt das Chlor-Huhn doch nach Europa?
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00:16 17.04.2016
Schreckgespenst: TTIP-Gegner haben im Chlorhühnchen das Symbol für geringere Lebensmittelstandards in den USA gefunden. Quelle: afp
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Hannover

Führende Forschungseinrichtungen hatten schon Entwarnung für das Chlorhühnchen gegeben: Die Desinfektion von Geflügelfleisch sei für die Lebensmittelsicherheit unbedenklich, schreibt zum Beispiel die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) schließt sich dieser Einschätzung an.

Das Chlorbad, in das Geflügelfleisch in den USA standardmäßig vor dem Verkauf gelegt wird, tötet Keime wie Salmonellen auf dem Fleisch ab, die beim Menschen zu Magen-Darm-Erkrankungen führen können. In der EU ist die Chlorbehandlung verboten. Grund dafür ist vor allem ein anderer Hygieneansatz: Denn während es in den USA um das Endprodukt geht, legt die EU Wert auf einen hygienisch einwandfreien Produktionsprozess. „From farm to fork“ nennt sich dieses Prinzip – vom Hof bis auf die Gabel.

Auf diese Weise konnte die Salmonellenbelastung auf Geflügelfleisch in der EU zwar reduziert werden, allerdings fand das BfR bei einer Schlachthofuntersuchung im Jahr 2010 immer noch auf rund 17 Prozent der Hähnchenkörper Salmonellen. Der Einsatz von Chlorverbindungen wurde deshalb auch in der EU immer wieder diskutiert – bisher allerdings nicht erlaubt. Grund seien noch ungeklärte Fragen zur Resistenzbildung und Umweltverträglichkeit. Außerdem würde das Chlor nicht nur krank machende, sondern auch natürlich vorkommende Keime abtöten. „Kommt es zu einer erneuten Kontamination mit krank machenden Keimen, gibt es damit keine in Konkurrenz wachsenden Bakterien mehr, die das Wachstum der ungewünschten Mikroorganismen einschränken könnten“, schreibt das BfR in einer Stellungnahme.

Die USA kritisieren das seit 1997 bestehende Verbot der Einfuhr von gechlortem Hühnchenfleisch in die EU. Es sei wissenschaftlich ungerechtfertigt und deshalb diskriminierend. Für die amerikanische Geflügelwirtschaft führe das Importverbot jährlich zu Einnahmeverlusten von vielen Millionen Dollar, moniert die US-Regierung. Würden mit TTIP nicht nur die Zölle, sondern auch das Chlorverbot fallen, könnten die USA ihre Ausfuhren nach Europa um ein Vielfaches steigern. Laut einer Prognose des US-Landwirtschaftsministeriums würde das Handelsvolumen von fast null auf 18  Millionen Dollar steigen.

Auch wenn das immer noch vergleichsweise wenig ist, ist die europäische Geflügelwirtschaft strikt gegen eine Marktöffnung. Denn weil die Konkurrenz aus den USA Geflügelfleisch etwa 20 Prozent günstiger produzieren kann, könnten die Landwirte hierzulande ebenfalls gezwungen sein, das Produktionsniveau zu senken. „Die insbesondere in Deutschland sehr hohen 
Tier-, Umwelt- und Hygienestandards sind mit höheren Erzeugungskosten verbunden“, bestätigt der Sprecher des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft, Florian Anthes. „Diese Standards dürfen nicht durch kostengünstigere Importe aus den USA abgesenkt werden.“

Tatsächlich sind die Haltebedingungen in den USA nicht so gut wie in der EU. So ist zum Beispiel der Einsatz von Antibiotika als Wachstumsbeschleuniger erlaubt, und auch das Schnabelkürzen ist weniger streng geregelt.

Gegner des Chlorhuhns können aber beruhigt sein: Denn im Zuge der TTIP-Proteste haben es viele Politiker schon zum Tabuthema erklärt. So sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel 2014 vor laufenden Kameras: „Es wird keinen Import aus Amerika von Chlorhühnchen geben. Das habe ich jahrelang verhindert, und das werde ich auch weiter verhindern.“

Von Anne Grüneberg

Was kommt mit TTIP?

Das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP wird ein großes Thema sein, wenn US-Präsident Barack Obama am 24. April zur Hannover Messe nach Deutschland kommt. Ziel des Abkommens ist nicht nur der Abbau von Zöllen sondern auch die Harmonisierung von Vorschriften – Handelshemmnisse aller Art sollen beseitigt werden. Vor allem die Industrie und der Dienstleistungssektor könnten von TTIP profitieren.

TTIP-Kritiker in Europa befürchten, dass Verbraucher das Nachsehen haben werden, weil in den USA andere Vorschriften in der Landwirtschaft und Lebensmittelsicherheit gelten. Ob mit TTIP tatsächlich europäische Standards aufgegeben werden, wird erst das fertige Abkommen zeigen. Fakt ist aber, dass es gravierende Unterschiede in der Lebensmittelproduktion gibt. Wie diese aussehen, beleuchtet die HAZ in einer mehrteiligen Serie.

Mehr Texte zu der Serie über die gravierenden Unterscheide in der Lebensmittelproduktion lesen Sie hier.

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