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„Wir haben schwere Fehler gemacht“

VW-Chef Müller im Interview „Wir haben schwere Fehler gemacht“

Mit einer US-Reise wollte VW-Chef Matthias Müller den Abgasskandal entschärfen. Doch Schlagzeilen machte vor allem ein missglücktes Interview. Heute tagt in Wolfsburg das Präsidium des Aufsichtsrats - und will von Müller hören, wie der Schaden einzudämmen ist.

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Muss in diesen Tagen viele Fragen beantworten: VW-Chef Matthias Müller.

Herr Müller, die erste Klage liegt auf dem Tisch, der Ton wird rauer, Strafen in Milliardenhöhen stehen im Raum. Beunruhigt Sie das?

Wir nehmen das natürlich sehr ernst. Aber es war zu erwarten, dass auch die US-Behörden eine Zivilklage einreichen werden. Die Milliardensummen für mögliche Maximalstrafen, die da im Raum stehen, stammen aber weder von uns noch von den amerikanischen Behörden. Sie sind reine Spekulation und in den genannten Höhen auch unseriös. Letztlich wird ein Gericht darüber entscheiden. Wir werden unsere intensiven Gespräche mit den Behörden weiter fortsetzen und die ganze Thematik in aller gebotenen Sachlichkeit und Ernsthaftigkeit klären. Volkswagen bedauert die Enttäuschung und den Vertrauensverlust aufgrund der Fehler, die bei uns im Zuge der Abgasthematik geschehen sind, zutiefst. Wir sind sehr bemüht, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Entscheidend für mich ist, dass wir für unsere Kunden die beste Lösung finden.

Es gab viel Berichterstattung nach Ihrer USA-Reise - Stichwort Radiointerview, Stichwort Umweltbehörde. Wie ist Ihre Bilanz?

Wir haben mit den Behörden verabredet, dass wir die Einzelheiten des Gesprächs vertraulich behandeln. Im Übrigen sind das Dinge, die wir zunächst intern besprechen.

Volkswagen hat immer betont, dass der Dialog mit den Amerikanern konstruktiv sei. Die US-Behörden aber werfen Ihnen fehlende Kooperationsbereitschaft vor.

Wir arbeiten konstruktiv mit den Umweltämtern des Bundes und Kaliforniens zusammen. Dafür stehe ich, und dafür stehen auch die anderen Kollegen. Für die Schnittstelle zum Justizministerium der Vereinigten Staaten sind die Anwälte zuständig. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Wir müssen jetzt ein Paket schnüren, wie wir die Thematik so schnell wie möglich wieder in Ordnung bringen. Das ist unser Ziel, denn natürlich haben wir das Vertrauen der Kunden, der Stakeholder und vieler anderer enttäuscht. Das müssen wir zurückgewinnen.

War Ihnen schon klar, als Sie im vergangenen Jahr die neue Aufgabe übernommen haben, was da alles auf Sie zugerollt kommt?

Das konnte mir zu dem Zeitpunkt gar nicht klar sein. Innerhalb weniger Tage die gesamte Situation zu erfassen war nicht möglich. Es hat noch den einen oder anderen Tag gedauert, bis mir die Dimension deutlich wurde.

Der Konzern ist mit den Marken Porsche und Audi in den USA sehr gut aufgestellt. Volkswagen tut sich dagegen schwer. Warum versteht die Marke den amerikanischen Markt nicht?

Vielleicht wurde gegenüber den Kunden in den USA in der Vergangenheit nicht immer klar genug gemacht, wofür Volkswagen steht. Ich habe im vergangenen Jahr ein Gespräch mit dem größten Händler in den Vereinigten Staaten gehabt, und der hat mir genau diese Frage gestellt. Und wenn ihm das so geht, wird es vermutlich anderen Händlern und auch Kunden ebenso gehen. Daran müssen wir zügig arbeiten. Genau aus diesem Grund haben wir ja in Chattanooga ein Entwicklungszentrum eingerichtet, um die Wünsche unserer US-Kunden stärker ins Zentrum zu rücken.

Volkswagen hat eine lange Geschichte, eine richtige Tradition in Amerika. Da muss ja irgendwann etwas schiefgelaufen sein.

Ich beschäftige mich lieber mit der Zukunft als mit der Vergangenheit. Wir müssen den Blick nach vorne richten und dürfen uns von dem Dieselthema dabei nicht lähmen lassen. Wir wollen die Menschen von unseren Marken und Produkten überzeugen. Und wir wollen die automobile Zukunft aktiv und mutig mitgestalten - und genau das werden wir in Angriff nehmen.

War die Dieseloffensive auf dem amerikanischen Markt ein Fehler?

Nein. Wenn sie die heutigen Diesel anschauen, ist das eine hochinnovative Technik: sehr sportlich, verbrauchsarm und langlebig. Es geht nicht allein um Stickoxide, sondern auch um Verbrauch und CO2. Die Dieseloffensive war seinerzeit ein richtiger Entschluss, und wir werden sie fortsetzen.

Wie wollen Sie die durch den Abgasskandal verlorenen Sympathiepunkte wieder zurückholen?

Voraussetzung, um Vertrauen zurückzugewinnen, ist eine umfassende, schonungslose Aufklärung der Abgasthematik - gerade auch mit Blick auf die USA. Dazu hat sich Volkswagen öffentlich verpflichtet, und dazu stehen wir. Wir haben schwere Fehler gemacht, die zu dramatischen Ausmaßen geführt haben. Natürlich ist das Image von VW beschädigt. Unser Ziel ist es, in den nächsten Monaten einen Umkehrtrend einzuleiten. Dazu gehört auch, dass wir die betroffenen Kunden so bedienen, dass für sie kein finanzieller Nachteil entsteht, etwa durch Ersatzwagen, Reparaturen und Garantiezusagen.

50 Mitarbeiter sollen sich im Zuge der Abgasaffäre auf das interne Amnestieangebot hin gemeldet haben. Gibt es schon ein Zwischenergebnis, oder ist ein Ende der Untersuchungen abzusehen?

Die Untersuchungen gehen intensiv weiter. Ich verstehe die Ungeduld. Aber jetzt geht es vor allem um Sorgfalt und Unabhängigkeit beim Aufklärungsprozess. Deshalb wird der im Auftrag des Aufsichtsrates von einer externen Anwaltskanzlei sehr intensiv geführt.

Sie haben mehrfach gesagt, dass VW gestärkt aus der Krise hervorgehen wird. Woher nehmen Sie diesen Optimismus?

Das ist kein Zweckoptimismus, das ist echte Zuversicht. Auch weil ich den Konzern seit vielen Jahren mit seinen Schwächen, aber auch seinen Stärken kenne. Wir werden vehement daran arbeiten, die Schwächen abzustellen, indem wir den Konzern reformieren, indem wir den Marken und Regionen mehr Eigenverantwortung zugestehen und sich der Konzern so auf die großen, zukünftigen Themen, insbesondere unter dem Aspekt „Synergien“, konzentrieren kann. Die grundsätzlichen Leitplanken werden miteinander abgestimmt, die operative Umsetzung findet dann in den Marken statt.

Im Zuge der Neuausrichtung ist auch das Wort Unternehmenskultur gefallen. Wie lässt sich das Denken und Handeln in einem Konzern verändern, in dem fast 600.000 Menschen arbeiten?

Na, zumindest nicht, indem man sich mit dem Megafon ans Fenster stellt und bekannt gibt, dass morgen eine andere Kultur notwendig ist. Volkswagen hat ja eine reife Kultur mit vielen guten Aspekten. Was wir aber verändern müssen, sind Prozesse und Strukturen und sicherlich auch der Umgang mit Kosten. An einigen Stellen brauchen wir auch eine andere Mentalität - mehr Mut, mehr Unternehmertum, mehr Übernahme von Verantwortung. Da muss der Vorstand mit gutem Beispiel vorangehen, und das tun wir. Wir haben ja schon ein neues Vorstandsressort für Integrität und Recht eingerichtet. Aber natürlich werden Sie morgen nicht eine neue Kultur erkennen, es ist eher ein stetiger Wandel im Denken und vor allem im Führungsverhalten, und da muss man die 600 000 Mitarbeiter mit den entsprechenden Hilfestellungen überzeugen. Selbstverständlich geht es auch um einen personellen Wandel und um die Restrukturierung und Verschlankung von Arbeitsabläufen, um schnellere Entscheidungen und mehr Disziplin bei deren Einhaltung.

Wird sich das auch auf den Außenauftritt des Konzerns auswirken? Da ist man bisweilen gerne etwas großspurig aufgetreten.

Zunächst einmal muss man zwischen Konzern und Marke trennen. Ich möchte, dass die Marke VW genauso profiliert und selbstbewusst auftritt, wie es Audi und Porsche, Skoda und Seat tun, denn dann können wir uns im Konzern ein Stück weit zurücknehmen. In der Vergangenheit habe ich wahrgenommen, dass der Konzern vielleicht etwas zu sehr im Vordergrund stand. Das muss nicht sein, denn der Kunde kauft ja kein Konzernauto, er kauft das Auto einer Marke. Und da ist es eben wichtig, dass jede Marke eine eigene Identität hat.

Die Abgasmanipulationen haben den Diesel in ein sehr schlechtes Licht gerückt. In Europa wird er noch gebraucht, doch seine große Zeit scheint vorbei zu sein.

Aus meiner Sicht nicht. Die Sache ist doch so: Solange die Themen Reichweite, Ladeinfrastruktur, Ladezeiten oder auch die Kosten bei der Entwicklung alternativer Antriebskonzepte nicht andere Dimension erreichen, werden wir ohne Verbrennungsmotoren nicht auskommen. Die heutige Dieselgeneration ist eine hochinnovative Entwicklung, die für unsere Kunden höchst attraktiv ist. Es gibt für mich überhaupt keinen Grund, das Thema Diesel strategisch infrage zu stellen, im Gegenteil: Wir werden weiter an der Dieseloffensive arbeiten - übrigens auch in den USA.

Leute wie die ehemaligen Entwicklungsvorstände Ulrich Hackenberg und Heinz-Jakob Neußer standen jahrelang für die Innovationskraft des Konzerns. Ihr Ausscheiden wird von vielen als Aderlass betrachtet. Lässt sich so etwas einfach kompensieren?

Ich kann und will keine Namen kommentieren. Fakt ist: Mit Stefan Knirsch hat ein sehr anerkannter Entwickler die Aufgabenstellung beispielsweise bei Audi übernommen, und Frank Welsch ist jetzt bei VW für die Entwicklung verantwortlich. Damit haben wir ausgewiesene Experten an Bord geholt. Manchmal entstehen aus einer neuen Situation heraus auch neue Chancen und neue Ideen, die uns wieder ein Stück weiter nach vorne bringen.

Interview: Gerd Piper

Zur Person

Matthias Müller fand sich noch vor einem Jahr zu alt für die VW-Spitze. Mit dem Satz versuchte der damals 61-jährige Porsche-Chef, der Rolle des Kronprinzen zu entkommen. Im September 2015 hatte sich das erledigt: Nach dem Rücktritt Martin Winterkorns wurde Müller Vorstandschef. Es ist die Krönung einer VW-Karriere: 1953 in Sachsen geboren, wuchs er in Bayern auf, lernte Werkzeugmacher bei Audi NSU, studierte Informatik und kehrte zu ­Audi zurück. 2007 kam er mit Winterkorn nach Wolfsburg, 2010 wurde er Porsche-Chef. Müllers Lebensgefährtin Barbara Rittner ist Teamchefin des deutschen Fed-Cup-Tennisteams.

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