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Deutschland / Welt VW-Chef warnt vor Wegfall von 100.000 Arbeitsplätzen
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt VW-Chef warnt vor Wegfall von 100.000 Arbeitsplätzen
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20:39 10.10.2018
Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen Quelle: Swen Pförtner/dpa
Hannover

Nach dem Beschluss der EU-Umweltminister, die Grenzwerte für den Kohlendioxid-Ausstoß von Neufahrzeugen bis 2030 zu verschärfen, wächst bei Politikern und Wirtschaftsmanagern die Furcht vor einem Abbau von Arbeitsplätzen. Die EU-Umweltminister hatten sich am späten Dienstagabend darauf geeinigt, dass Neuwagen im Jahr 2030 durchschnittlich 35 Prozent weniger Kohlendioxid ausstoßen sollen als 2020.

Volkswagen-Chef Herbert Diess warnt vor massiven Jobverlusten, sollte die EU zu scharfe Klimaauflagen für Autos beschließen. „Die Transformation in der Geschwindigkeit und mit den Auswirkungen ist kaum zu managen“ sagte Diess der Süddeutschen Zeitung. In gut zehn Jahren könnte ihm zufolge dadurch etwa ein Viertel der Jobs in den VW-Werken wegfallen. Das entspräche etwa 100.000 Arbeitsplätzen.

„So eine Industrie kann schneller abstürzen, als viele glauben wollen“, warnte der Chef des größten europäischen Autobauers. Als vertretbar nannte Diess eine Verschärfung der Klimaziele um maximal 30 Prozent.

Er warf einigen Kommunen zudem vor, viel zu unambitioniert an die Stickstoffproblematik heranzugehen, etwa indem sie Busse mit veralteten Dieselmotoren im Verkehr ließen. 

Wie ambitioniert darf man vorgehen?

Auch niedersächsische Landespolitiker warnen vor dem Beschluss. „Eine CO2-Reduktion von 35, 40 oder 50 Prozent hört sich zunächst gut an, droht aber die Industrie zu überfordern“, sagt Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU): „Auch mit Blick auf die Automobilbranche, die in Niedersachsen Arbeitgeber von über 130.000 Menschen ist und 250.000 Niedersachsen indirekt beschäftigt, darf nicht aus den Augen verloren werden, was auch realistisch bis 2030 machbar ist“, erklärte der CDU-Politiker, der auch Mitglied im VW-Aufsichtsrat ist.

Zu den Warnern vor zu ehrgeizigen Umweltzielen zählt auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der aus seinem USA-Urlaub aber keine Stellungnahme abgeben wollte. Regierungssprecherin Anke Pörksen erinnerte daran, dass Weil das 30-Prozent-Schadstoffreduktionsziel schon als „sehr ambitioniert“ bezeichnet habe: „Jetzt liegt man noch etwas darüber.“ Von einem „sehr ambitionierten Ziel“ sprach am Mittwoch auch Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD). Aber Klimaschutz sei „nicht nur Sache der Automobilindustrie“. Genauso wichtig sei es, die Erneuerbaren Energien auszubauen. Gleichzeitig müsse man alle Chancen nutzen, die CO2-Emissionen der fossilen Kraftstoffe deutlich zu senken, etwa durch Beimengung nachhaltiger Kraftstoffe.

Gegenüber diesen versöhnlichen Tönen zur Autoindustrie riet der Vize-Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, Matthias Miersch, zu einem ganz anderen Kurs. „Ich glaube, dass wir an einem Punkt sind, wo Politik ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen muss“, sagte der Hannoveraner Miersch dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Die Bürgerinnen und Bürger erwarten zu Recht Antworten darauf, wie Fahrverbote noch verhindert werden können“, fügte Miersch hinzu. „Diese Antwort werden wir geben.“  Es sei „ tragisch, dass die Autoindustrie noch immer nicht zu ihrer Verantwortung und ihren Fehlern steht. Aber die Politik darf sich nicht in Mithaftung nehmen lassen“, so Miersch weiter. „Vielleicht helfen ja Bußgelder für manipulierte Autos dabei, die Einsichtsfähigkeit der Autobosse zu erhöhen“, sagte der Bundestagsabgeordnete aus Hannover. „ Wenn nicht, müssen wir über eine Verschärfung weiterer Rahmenbedingungen nachdenken.“ Auch die niedersächsische Grüne Imke Byl riet zu einer härteren Haltung gegenüber der Automobilindustrie. „Jetzt an alten Technologien festzuhalten, ist kurzsichtig – auch mit Blick auf eine Sicherung der Arbeitsplätze.“

Brüssel fordert schärfere Grenzwerte

Die Umweltminister der EU hatten sich für schärfere Vorgaben für die Autobranche beim Klimaschutz ausgesprochen. Der Kohlendioxid-Ausstoß von Neuwagen soll demnach von 2020 bis 2030 um 35 Prozent sinken. Diese gemeinsame Position beschlossen die EU-Umweltminister am späten Dienstagabend in Luxemburg vor den anstehenden Verhandlungen mit dem Europaparlament.

Der Beschluss fiel deutlich schärfer aus als ursprünglich von der Bundesregierung und von der deutschen Autoindustrie gewünscht. Einigen EU-Ländern ging er jedoch nicht weit genug, darunter Irland, Schweden und Dänemark.

Was der Beschluss der EU-Minister im Detail bedeuten könnte, steht hier.

Von pach/mbb/HAZ

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