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14:52 01.02.2013
„Ich kaufe Gold, alte und neue Schmuckstücke - Goldmünzen und Uhren. Wir bewerten sofort. Biete die besten Preise.", steht an einem Laden im Zentrum von Athen. Quelle: dpa
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Athen

Es ist dunkel in Athen. Eine 72-jährige Rentnerin schleicht aus einem kleinen Geschäft heraus. Gerade hat sie etwas gemacht, worüber sie sich schämt: Einen dicken Ring aus hochkarätigem Gold in einem Pfandhaus im Athener Stadtteil Kypseli verscheuert. „Er stammt von meiner Ur-Oma. Ich habe dafür 140 Euro gekriegt. Er hat einen vielfachen Wert“, sagt Lilly Sarri. Dass sie ihn jemals zurückbekommt, glaubt sie nicht. „Nur wenn ein Los gewinnt“, seufzt sie. Aber immerhin könne sie nun ihre Strom- und Wasserrechnung bezahlen.

Ärmere Griechen kennen die Demütigung schon lange. Die Kirche und humanitäre Organisationen versorgen fast eine halbe Million Menschen mit Lebensmitteln. Nach drei Jahren Sparpolitik kommt nun zunehmend die ehemalige Mittelklasse dran. In allen Stadtteilen Athens und der anderen größeren Städte blüht ein neues Geschäft: Die Pfandhäuser.

Pfandleiher waren bis 2009 für viele Griechen ein unbekannter Beruf. Nur im Zentrum der Hauptstadt gab es einige Geschäfte. Wer dort Kunde war, galt als jemand, der mit seinem Geld nicht umgehen kann oder zum Beispiel spielsüchtig war. „Eine Schande ist das, wenn man da reingeht - hatte ich immer geglaubt“, sagt Rentnerin Sarri. „Nun muss auch ich das erleben. Ich schäme mich.“

Wie Pilze schießen die neuen Pfandhäuser aus dem Boden. „Noch nie hatten wir soviel Kunden. Mein Opa hatte mir gesagt, im Zweiten Weltkrieg, als Griechenland von den Achsenmächten besetzt wurde, hatte es sowas gegeben. Die Leute verscheuerten alles, was sie hatten, um ein wenig Olivenöl zu kaufen“, sagt der Besitzer einer der bekanntesten Pfandhäuser in Athen. 2010 gab es in der Millionenstadt 81 Pfandleiher, heute sind es mehr als 750.

Die Steuerfahndung ist sich sicher: Unter den neuen Unternehmern sind auch Hehler am Werk. Diebstähle haben in den vergangenen Jahren spektakulär zugenommen. Fast täglich wird in der griechischen Presse von Einbrüchen und Raubüberfällen berichtet. In einem Pfandhaus im Zentrum Athens wurde dann entdeckt, dass seine Besitzer 135 Kilogramm Gold und 750 Kilogramm Silber geschmolzen und das Edelmetall ins Ausland verschafft hatten.

Das Leben in den griechischen Großstädten hat sich mittlerweile dramatisch verändert. Viele Bewohner verspüren keine Lust mehr, in die Innenstadt zu gehen. Entlang der traditionsreichen Athener Einkaufsstraße Patission hat fast jedes zweite Geschäft geschlossen. Auch bei Alltagsgegenständen herrscht Mangel. „Größe 45? Haben wir nicht. Wir verkaufen nur noch das, was wir im Lager haben. Neue Schuhe können wir uns nicht holen“, sagt der Inhaber eines Schuhgeschäfts im Stadtzentrum. Auch Restaurants haben zugemacht - wie das berühmte „Cellier“, Treffpunkt für Unternehmer und Intellektuelle, an der Panepistimiou-Straße. Nur Imbissbuden mit dem traditionellen Gyros-Souvlaki haben noch zu tun. Dort kann man mit fünf Euro satt werden.

Unter den Sparmaßnahmen leidet auch die Umwelt. Vergangenen Oktober stiegen wegen neuer Steuern die Preise für Heizöl verglichen mit dem Vorjahr um mehr als 50 Prozent. Die Menschen suchten nach Alternativen und verbrennen seitdem zunehmend Holz.

Nach Messungen des Umweltministeriums wurde der zulässige Feinstaubgrenzwert in den vergangenen Wochen wiederholt überschritten. Im Norden Athens wurden Werte um 150 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen - erlaubt sind 50. Die Ärztekammer mahnte, das Phänomen habe „bedrohliche Dimensionen angenommen und setzt das Leben von Millionen Bürgern - vor allem Kindern und chronisch Kranken - Gefahren aus.“

Die Regierung ist dennoch optimistisch. Finanzminister Ioannis Stournaras sagt, er sei sich zu 100 Prozent sicher, das Land werde Ende 2013 erstmals nach sechs Jahren wieder ein kleines Wachstum verzeichnen. Experten fragen sich aber, ob das soziale Netz bis dahin hält. Jeder Vierte ist arbeitslos. Das Gesundheitssystem bricht zusammen. Viele Ärzte behandeln nur noch gegen Barzahlung. Die Mitarbeiter von Krankenhäusern traten zuletzt am Donnerstag in den Streik, um gegen Gehaltskürzungen zu protestieren. Mancher fürchtet, die Gesellschaft könnte explodieren - während Außenstehende glaubten, das Ende der Qual sei nah.

dpa

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