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Angriff auf das Portemonnaie

Zahlen mit Chipkarte und Handy Angriff auf das Portemonnaie

Banken und IT-Konzerne arbeiten mit Macht daran, das Bezahlen per Chipkarte und Handy zu etablieren. Aber die Deutschen bleiben lieber beim Bargeld - aus guten Gründen.

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Wenn es nach den Banken geht soll bald alles per Karte oder Handy bezahlt werden.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Hannover. Morgens beim Bäcker in Kopenhagen. „Hej“, grüßt die Kundin und bestellt eine Zimtschnecke. Die Verkäuferin verpackt das Gebäck in braunes Papier und reicht es über den Tresen. 15 Kronen macht das, die Kundin hält ihr Portemonnaie an ein Lesegerät, ganz kurz nur, und verabschiedet sich. Der Nächste, bitte! Auch er bezahlt seine Croissants per Funkchip, und offenbar ist die deutsche Kundin in der Schlange die einzige, die das alles ein bisschen seltsam findet und Münzen abzählt.

Es gibt wohl kein anderes Land, das ein so inniges Verhältnis zum Bargeld pflegt wie Deutschland. Während Schwedens Banken die Abschaffung des Bargelds erwägen und Italien Bargeschäfte über mehr als 1000 Euro gleich ganz verbietet, halten die Bundesbürger ihren Scheinen und Münzen die Treue. Bei vier von fünf Einkäufen zahlen sie bar, und der Bargeldanteil im Einzelhandel beträgt mit 54 Prozent vom Umsatz immer noch mehr als die Hälfte. Hochtechnologiestandort Deutschland? Nimmt man elektronischen Zahlungsverkehr zum Maßstab für Fortschrittlichkeit, geht es hier sehr gestrig zu.

„Nur Bares ist Wahres“ – der Spruch von früher wirkt noch immer nach. Und das, obwohl Banken und Kreditkartenanbieter sehr viel Aufwand betreiben, um Bargeld zurückzudrängen; die einen, um Kosten zu verringern, die anderen, um Gebühren zu kassieren. Es ist nicht so, dass die Deutschen E-Zahlungen ganz meiden. Aber wenn der Einkauf bargeldlos geschehen soll, zücken sie fast ausschließlich die von Sparkassen und Genossenschaftsbanken herausgegebene, ans Konto gekoppelte Girocard. Sehr zum Ärger von Visa und Co.: Während der Durchschnittsamerikaner 3,5 Kreditkarten im Portemonnaie hat, besitzt nur jeder dritte Deutsche überhaupt eine.

Dem Angriff auf das Bargeld schließt sich jetzt Apple an: Der Konzern will das Kaufverhalten umkrempeln. Nichts Geringeres sieht der US-Konzern mit seinem neuen iPhone-Modell vor: Ein in das iPhone 6 eingebauter Chip soll das Smartphone zu einem digitalen Geldbeutel machen. An der Supermarktkasse müsste das Handy nur kurz an ein Lesegerät gehalten, die Zahlung mit einem Klick bestätigt werden – und fertig.

Die „Apple Pay“ zugrundeliegende Technik – Near Field Communication (NFC) – ist nicht neu. Andere Smart-
phonehersteller bauen sie längst ein, und auch die Sparkassen sowie die Volks- und Raiffeisenbanken starteten vor zwei Jahren unter dem Titel „Girogo“ einen Feldversuch mit dem kontaktlosen Bezahlen bei Beträgen unter 20 Euro. Aber die aufladbaren Karten kommen bei den Kunden nicht besonders gut an.

Bisher fehlte es an einer breiten Infrastruktur zum Einsatz der Funktechnik. Nun soll die neue Smartphone-Generation des IT-Riesen Apple der NFC-Technik zum Durchbruch verhelfen. Apple hat die Absicht und die Marktmacht, um ein weltumspannendes Kooperationsgeflecht mit Kreditinstituten einerseits und Fast-Food-Ketten, Drogerie- sowie Bekleidungsketten andererseits zu spinnen. Schon jetzt liegen dem Konzern, der über sein Portal iTunes auch Filme und Musik vertreibt, die Kreditkartendaten von 800 Millionen Kunden vor. Als er das iPhone 6 präsentierte, stellte Apple-Chef Tim Cook Zahlungen mit Karte und Bargeld als Relikt aus der monetären Steinzeit dar. In den USA, wo einer Umfrage zufolge 51 Prozent der unter 30 Jahre alten Amerikaner das Bargeld so lästig finden, dass sie selbst Einkäufe von unter fünf Dollar mit Karte bezahlen, mag Cooks Einschätzung plausibel klingen. Aber in der Bargeldrepublik Deutschland?

„Die bargeldlose Gesellschaft wird seit Jahrzehnten propagiert“, sagt Prof. Franz Seitz von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Weiden. „Und doch wächst der Bargeldumlauf seit Jahren.“ Der Ökonom hält das Bargeld nicht für ein Auslaufmodell. „Besonders nach der Pleite von Lehman Brothers 2008 horteten die Menschen vermehrt Bargeld – in Krisen vertrauen sie eher auf Papiergeld als auf Ziffern im Display.“

Die Krisenjahre haben auch gezeigt: Im Umgang mit Geld pflegen Südeuropäer einen anderen Stil als Nordeuropäer. Mit ihrer Vorliebe für Bargeld aber stehen die Deutschen ziemlich allein da. Franzosen, Spanier und Italiener nutzen intensiv Kreditkarten, was mit ein Grund ist für viele ungedeckte Konsumentenkredite, die die Finanznöte der Länder verschärfen. Aber auch die Balten haben ein hochmodernesZahlungssystem, die Skandinavier sowieso. Prof. Seitz hat kürzlich in Schweden Urlaub gemacht, Bargeld habe er in all der Zeit keines benötigt. „Mir war es aber doch ein wenig unangenehm, den Espresso mit Karte zahlen zu müssen.“ Woher rührt dieses Unbehagen, das Fremdeln mit dem Plastikgeld, vor allem bei Kleinstbeträgen? „Bargeld hat ja auch etwas mit Gefühlen zu tun“, sagt der Ökonom. „Die Stärke der D-Mark war es wohl, die bei vielen Deutschen ein besonderes Vertrauensverhältnis zum Bargeld begründete.“

Nun ist die D-Mark seit zwölf Jahren Geschichte. Die Erinnerung an das mit Eichenblättern, der Gorch Fock und dem Bundesadler illustrierte Papier verblasst, und nach den Erkenntnissen des Meinungsforschungsinstituts Rheingold spiegelt sich das auch im Verhältnis zum Bargeld wider. „Ältere Menschen halten fest an der Illusion, dass nur das einen Wert hat, was man sinnlich erfassen kann“, sagt Marktforscher Thomas Kirschmeier, „ihnen geht es um Sicherheit und Kontrolle.“ Bei Jüngeren, die mit Technologie und Plastikkarten aufgewachsen sind, sei das anders: „Sie haben gute Erfahrungen gemacht mit elektronischer Zahlung und vertrauen darauf. Bargeld oder nicht – das ist eine Frage der Generationenzugehörigkeit.“

Aber der demografische Wandel allein wird das Bargeld nicht abschaffen können. Neben Gefühl und Gewohnheit gibt es weitere mächtige Faktoren, die bestimmen, ob die Leute mit Scheinen oder Karte zahlen. Zum Beispiel den Einzelhandel. Für Bäcker ist es aufwendig, Bargeld vorzuhalten, aber immer noch günstiger als die Gebühren für Kreditkartenfirmen. Für große Ketten zahlt sich Bargeld aus; Aldi und Lidl zum Beispiel akzeptieren keine Kreditkarten.

„Die großen Einzelhandelsketten im Discountbereich setzen auf Bargeld, da es an der Kasse vor allem schnell gehen muss – und kein Kartenlesegerät inklusive aller Tätigkeiten ist schneller als die Kassiererin mit Bargeld“, sagt Tim Kiesewetter vom EHI-Forschungsinstitut des Handels. Selbst dann nicht, wenn das Smartphone kontaktlos zahlt? „Selbst dann nicht, denn in Deutschland müssen Sie jedem elektronischen Kaufvertrag zustimmen. Eine Bestätigung, also eine Interaktion mit dem Handy, ist immer nötig.“ Das ist eine schlechte Nachricht für Apple. „Zudem ist in wenigen europäischen Ländern die Geldautomatendichte so groß wie bei uns“, sagt Kiesewetter. „Anders als etwa in den Weiten der USA oder Skandinaviens ist es ein Leichtes, hier an Bargeld zu kommen – und die freie Wahl zu haben, ob man beim Bezahlen digitale Spuren hinterlässt oder nicht.“

Nicht Bargeld ist ein Auslaufmodell, sondern die Plastikkarte. „So, wie die Geldkarten den Scheck verdrängt haben, wird das kontaktlose Zahlen mit dem Handy die Geldkarten verdrängen“, sagt Bargeldforscher Seitz. „Das Bargeld aber bleibt.“ Sicher? „Sicher.“

Nachgefragt: „Die Technik wird vieles ändern“

Herr Geck, Sie forschen an der Near Field Communication Technologie (NFC), die das kontaktlose Zahlen per Smartphone ermöglicht – jetzt auch per iPhone. Wird diese Technik unser Zahlungsverhalten verändern?

Ja, davon gehe ich aus. Hersteller wie HTC und Samsung statten ihre Geräte bereits mit dem Nahfunkstandard aus. Jetzt, da auch Apple diesen Chip einbaut, fällt eine bisher große Hürde bei der Verbreitung von NFC. Und die Bezahlfunktion ist nur eine von vielen. Auch den Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln kann die NFC-Technologie vereinfachen.

 
Wie sicher ist das kontaktlose Bezahlen?

Sehr sicher. Um an der Supermarktkasse mit dem Handy zahlen zu können, müssen Sie das Gerät schon in die unmittelbare Nähe des Terminals bringen. Die Reichweite beträgt nur wenige Zentimeter. Zudem kann der Bezahlvorgang durch zusätzliche Maßnahmen wie eine PIN oder beim iPhone durch den Fingerabdruck abgesichert werden.

Und Hacker im Umfeld des Nutzers können keine schädigende Software auf dessen Smartphone laden und so auf dessen Kosten auf Shoppingtour gehen?

Jede zusätzliche Funkschnittstelle stellt prinzipiell einen Angriffspunkt für einen Hacker dar. Dies gilt natürlich auch für die von nahezu allen Handybesitzern genutzten Funkstandards WLAN und Bluetooth. Im Gegensatz zu diesen Standards bietet NFC jedoch den technisch bedingten Vorteil der kurzen Reichweite. In der Hosen- und Handtasche eines Nutzers lässt sich das NFC-fähige Smartphone jedenfalls kaum manipulieren. Und mit der Sicherheit ist es ja auch so eine Sache. Ihre Brieftasche können Sie ja auch jederzeit verlieren. Die Konzerne haben großes Interesse an hohen Sicherheitsstandards. Sie sind auf das Vertrauen der Kunden angewiesen, wollen sie erfolgreich sein.
Sendet die NFC-Technik keine bedenklich hohe Strahlung aus?

Nein, die Strahlungsstärke ist unglaublich gering. Die abgegebene Energie reicht gerade einmal aus, um den NFC-Chip zu aktivieren. Sie ist nicht größer als jene, die wir heute zum Auslesen von Kreditkarten nutzen.

Interview: Marina Kormbaki

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