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Niedersachsen 4000 Stahlarbeiter demonstrieren
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen 4000 Stahlarbeiter demonstrieren
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00:16 10.04.2016
Von Lars Ruzic
4000 Demonstranten in Salzgitter: „Auch der heutige Tag wird in die Geschichte der Hütte eingehen.“ Quelle: dpa
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Salzgitter

Sie hatten sich den vielleicht geschichtsträchtigsten Ort ausgesucht, an dem man in Salzgitter überhaupt demonstrieren kann. Auf dem Platz vor dem Hochofen-Betriebsgebäude bauten sich gestern mehr als 4000  Stahlwerker der Salzgitter AG auf, um den bundesweiten Reigen von „Stahlaktionstagen“ zu eröffnen. An dieser Stelle mitten auf dem Hüttengelände hatten im Sommer 1949 schon einmal Tausende Beschäftigte protestiert. Damals, nach dem Krieg, wollten die Briten das komplette Werk demontieren, lenkten nach dem Widerstand der Salzgitteraner aber ein. Bis heute gilt jene Demo als identitätsstiftend für die gesamte Region.
„Demontage der Industrie bedeutet Demontage der Demokratie“ stand damals auf einem Banner, das die Arbeiter über dem Eingang des Betriebsgebäudes angebracht hatten. Und nun, 67 Jahre danach, hing diese Mahnung wieder an derselben Stelle. Selbst die Schrifttypografie des Originals wurde dafür übernommen. Die Botschaft an die Mannschaft ist klar: Wieder einmal soll sie um ihre Arbeitsplätze kämpfen. Soll aufstehen gegen politische Unbilden, die den gesamten Standort bedrohen. „Auch der heutige Tag wird in die Geschichte der Hütte eingehen“, prophezeite der Betriebsratschef von Salzgitter, Hasan Cakir.

Die Herausforderungen sind heute freilich komplett andere. Da ist die Schwemme billigen Stahls aus China, die den europäischen Herstellern den Garaus machen könnte. Da sind die Pläne der EU-Kommission zur Verteuerung von CO2-Zertifikaten und der Bundesregierung, Anlagen zur Erzeugung eigenen Stroms künftig nicht mehr von der EEG-Umlage zu befreien. Allein die umweltpolitischen Änderungen könnten Salzgitter eine Viertelmilliarde Euro kosten, rechnete Cakir vor. Es träfe einen Konzern, der sich gerade mit Mühe in die schwarzen Zahlen zurückgekämpft hat – vor Steuern, wohlgemerkt.

Im Kampf gegen die Unbilden streiten sie deshalb Seit’ an Seit’: Unter dem „Demontage“-Banner, eingerahmt von einem Spalier Beschäftigter in den typischen silbernen Schutzanzügen, die die Arbeiter beim Abstich tragen, standen gestern auch Konzernchef Heinz Jörg Fuhrmann und Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil (SPD), gleichzeitig Vertreter des größten Anteilseigners der Salzgitter AG.

Beide sehen die gesamte europäische Stahlindustrie bedroht, wenn die Politik nicht schleunigst auf die Herausforderungen reagiert. „Das macht uns kaputt, das gehört schleunigst beendet“, rief der gebürtige Duisburger Fuhrmann der Mannschaft in Ruhrgebiets-Singsang zu. „Wenn es uns nicht mehr gäbe, gingen nicht nur hier die Lichter aus“, warnte er. Der deutschen Volkswirtschaft könnten 400.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Die Stahlbranche gilt als Schlüsselsegment der Industrie, ist der zentrale Vormaterial-Lieferant.

Weil sprach sich für eine Verschärfung der Strafzölle auf chinesischen Stahl aus. „Sie müssen schnell kommen – und sie müssen fühlbar sein.“ Der SPD-Politiker plädierte für Regelungen wie in den USA, wo auf die chinesischen Preise 60 Prozent aufgeschlagen werden. Die EU hatte sich bislang lediglich zu Strafzöllen von 15 Prozent durchgerungen. In den vergangenen zehn Jahren habe Europa schon 60.000 Jobs verloren. „Was soll denn noch geschehen, damit man in Brüssel wach wird?“, fragte Weil. Zudem müsse die Kommission sicherstellen, dass die heimische Industrie nicht durch Standortkosten zusätzlich belastet werde, die die Konkurrenz im Rest der Welt nicht habe. Am Rand der Hannover Messe will Weil deshalb noch einmal bei EU-Energiekommissar Maros Sefcovic einfordern, die Branche bei den CO2-Zertifikaten zu entlasten.

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