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Niels Stolberg: Absturz eines Aufsteigers

Ab heute vor Gericht Niels Stolberg: Absturz eines Aufsteigers

Der Bremer Niels Stolberg war Reeder. Genauer: weltgrößter Schwergutreeder. Er galt als innovativ und sozial, doch 2011 ging sein Konzern Beluga pleite. Ab heute steht Stolberg wegen diverser Delikte vor Gericht. Es wird ein Mammutprozess.

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Ein Bild aus besseren Zeiten: Niels Stolberg, Gründer der Bremer Beluga-Reederei. Heute beginnt der Mammutprozess gegen den Unternehmer.

Quelle: Axel Martens/dpa

Bremen. Alle paar Wochen betritt ein 55-Jähriger ein Bürogebäude an der Weser in Bremen. Es ist die Zentrale der ehemaligen Beluga-Reederei. Der Mann kennt sich hier aus, denn er residierte mal ganz oben, im Chefzimmer der angeblich größten Schwergutreederei der Welt. Sein Name ist Niels Stolberg - ein Name, der einst weit über Bremen hinaus für soziales Engagement und Pioniergeist bekannt war, zum Beispiel, weil er Frachter von Zugdrachen ziehen ließ. Stolberg war der vielleicht schillerndste Reeder Deutschlands, ein forscher Aufsteiger, der Millionen verdiente, aber als Spender auch etwas zurückgab und die dafür gezollte Anerkennung genoss. Doch sein Beluga-Konzern ging 2011 pleite, und der US-Investor Oaktree, den er kurz zuvor noch als vermeintlichen Lebensretter an Bord geholt hatte, jagte ihn davon.

Wenn Stolberg heute die Ex-Beluga-Zentrale betritt, dann fährt er nicht mehr hoch in die Chefetage, sondern nur noch in den zweiten Stock zu einer Spedition, die er bei einem aufwendigen Transportprojekt unterstützt.

Ab heute muss er regelmäßig ein ganz anderes Bremer Gebäude aufsuchen: das Landgericht. Und zwar als Angeklagter. Betrug, Kreditbetrug, Untreue und Bilanzfälschung - solche Delikte sollen er und drei mitangeklagte frühere Manager vor dem Beluga-Konkurs mit wechselnder Beteiligung begangen haben.

Es wird ein Mammutprozess. Die drei Berufsrichter der zuständigen Wirtschaftsstrafkammer wurden 2014 extra für anderthalb Jahre von ihrer regulären Arbeit freigestellt, um Tausende Seiten beschlagnahmter Dokumente und die 875-seitige Anklage zu studieren. Bis Ende Oktober sind 55 Verhandlungstage angesetzt.

Die ältesten Vorwürfe reichen ein Jahrzehnt zurück. Beluga expandierte damals kräftig und brauchte Kredite. Laut Anklage soll die Firmenspitze zwischen 2006 und 2010 den Banken viel zu hohe Baukosten für 20 neue Frachter vorgegaukelt haben, um faktisch höhere Kreditsummen als die üblichen 70 Prozent der Kosten zu bekommen.

Auch Investor Oaktree wurde angeblich übers Ohr gehauen: Mit frisierten Zahlen über die eigene Lage soll Beluga den Hedgefonds dazu bewogen haben, fast 190 Millionen Euro an Darlehen hineinzupumpen.

Dann war da noch der Reederkollege aus Hamburg: Er hatte von Stolberg mehrere Betreibergesellschaften für geplante Schiffsneubauten übernommen. Was ihm angeblich verschwiegen wurde: Die Baukosten, die der Hamburger an eine chinesische Werft zu zahlen hatte, enthielten laut Anklage auch eine Summe von 10 Millionen Dollar, die als Kommission an eine Firma Stolbergs fließen sollte.

Dies und noch mehr steht in den drei Anklageschriften. Stolberg will sich nicht im Einzelnen dazu äußern. Doch eines ist ihm wichtig: Er habe sich nie persönlich bereichert. Und er sagt: „Ich habe Fehler gemacht. Dazu stehe ich. Aber die Frage ist, ob das strafrechtlich relevant war.“

Immerhin ist er froh, dass der Prozess jetzt endlich startet: „Die letzten fünf Jahre waren die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich bin mehr oder weniger durch die Hölle marschiert.“ Zunächst der Rauswurf durch den neuen Mehrheitseigner Oaktree, dann dessen Betrugsanzeigen, die Hausdurchsuchungen und der Konkurs seiner Firmengruppe, seines Lebenswerks. „Das ist mein Baby gewesen“, sagt er, der Vater von vier leibhaf­tigen Kindern. Und schließlich die Privatinsolvenz. Seine Anwesen am Zwischenahner Meer und auf Spiekeroog - alles weg. Auch einige Freunde haben ihn verlassen. Aber andere stärken ihm den Rücken, mit einer Facebook-Gruppe oder mit Spenden für seine Verteidigung durch die renommierte Anwaltskanzlei von Hanns Feigen und Walther Graf, bekannt aus den Prozessen gegen Uli Hoeneß oder Klaus Zumwinkel.

Stolberg, der ehemalige Multimillionär, lebt und arbeitet jetzt in einer Mietwohnung in Oldenburg. „Best Ship ­Consult“ nennt sich die kleine Unternehmensberatung, die er dort betreibt. „Man versucht zu überleben“, sagt er über sich. „Das ist ein ganz hartes Brot.“

Der Wirtschaftsingenieur und Schifffahrtskaufmann mit Kapitänspatent ist also ungefähr dort gelandet, wo er mal gestartet war: 1995 hatte er in seiner damaligen Bremer Wohnung ein „Befrachtungskontor“ aufgebaut. Anfangs vermittelte er Ladungen an Reedereien, später kaufte er die ersten eigenen Schiffe. Es wurden immer mehr, und irgendwann ging er wohl zu sehr ins Risiko. Am Ende managte die mittlerweile neu gebaute Beluga-Zentrale 72 Schwergutfrachter. Über 2000 Menschen arbeiteten an Bord, in Bremen und in 15 Niederlassungen weltweit.

Stolberg war der Paradiesvogel unter den Reedern, unkonventionell, experimentierfreudig, umtriebig, spendabel. 2008 ließ er erstmals einen Frachter über den Atlantik segeln: Ein Zugdrachen am Bug unterstützte den Dieselmotor und entlastete damit Firmenkasse wie Umwelt. 2009 das nächste Wagnis: Als angeblich erstes kommerzielles Frachtschiff durchquerte die „Beluga Fraternity“ die gesamte Nordostpassage nördlich Sibiriens.

Nebenbei machte er sich auf der beschaulichen Nordseeinsel Spiekeroog als Hotelinvestor breit und eröffnete eine Kultur- und Tagungsstätte mit Prominentenflair. Manche Insulaner empfanden das als feindliche Übernahme.

Auch die Bremer Kaufmannschaft fremdelte zunächst mit dem Emporkömmling. Aber Erfolg schafft Freunde. Stolberg wurde 2006 zum „Unternehmer des Jahres“ gekürt, 2008 durfte er sogar das ehrwürdige Bremer Schaffermahl mit ausrichten. Doch dann kam die Krise - erst bei den Banken, später bei den Reedern. Ausgerechnet in einer Zeit, als Beluga immer weiter expandierte und mal wieder zusätzliche Schiffe bestellt hatte - die sich nicht einfach wieder abbestellen ließen.

Dass er 2010 Oaktree als Geldgeber ins Unternehmen holte, „war der größte Fehler meines Lebens“, wie er heute sagt. „Ich hätte mich nicht mit einer Heuschrecke ins Bett legen sollen.“ Er hadert immer noch damit, dass die neuen Herren nach und nach für die Firmen der weitverzweigten Beluga-Gruppe Insolvenz anmeldeten. Am Ende pickte sich Oaktree das Kerngeschäft heraus und ging mit einer kleinen Nachfolgereederei ab nach Hamburg.

Stolberg mag es aber gar nicht, wenn man nur über seinen geschäftlichen Aufstieg und Fall spricht. Er hat sich ja auch sozial engagiert. 20 bis 30 Millionen Euro dürfte er in über 15 Beluga-Jahren als Spender und Sponsor verteilt haben - nicht nur in seiner Heimat, sondern auch in Thailand, wo er 2005 ein Dorf für Tsunami-Waisen gründete, die „Beluga School for Life“.

Weil er in Elsfleth an der Unterweser ein maritimes Aus- und Fortbildungszentrum mitfinanzierte, wurde er dort sogar zum Ehrenbürger ernannt.

Woher diese soziale Ader? Er selbst sagt: „Meine Mutter, eine Buchhändlerin, war eine sehr soziale Frau.“ Und auch bei seinem Vater, einem Kapitän und Lotsen, lernte er sehr früh, „dass man soziale Verantwortung zu übernehmen hat“.

Eigentlich müsste es Stolberg ziemlich belasten, wenn er gelegentlich wieder das Ex-Beluga-Gebäude betritt. Aber das sieht er anders. „Die Zeit ist abgeschlossen. Sentimentalitäten haben hier keinen Platz.“ Jetzt hofft er nur noch, dass er nach dem Prozess „irgendwann in ein zweites, ruhigeres Leben überwechseln kann“. Ohne Höhenritt wie einst zu Beluga-Zeiten.

Von Eckhard Stengel

Der Standort Spiekeroog

Der Schifffahrtskaufmann Niels Stolberg hat sich nicht nur als Reeder engagiert: Auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog investierte er in Hotels, Restaurants, Ferienhäuser und ein Tagungszentrum. Zeitweise gehörten ihm 10  Prozent der 3500 Hotelbetten auf der kleinen Insel. Bei den Insulanern waren die Projekte des Unternehmers umstritten, viele meinten, er würde die gewachsene Struktur der Insel und die bei Touristen beliebte dörfliche Gemütlichkeit gefährden. Man wollte keine Bettenburgen und kein Schickimicki wie auf Sylt. Stolberg galt seinen Gegnern als herrisch und rücksichtslos im Umgang mit den Bedürfnissen der Insulaner. Sie verwiesen darauf, dass sich Stolberg manchmal nicht um ortsübliche Vorschriften scherte. Seinen Anhängern galt er als Visionär, der begeistern konnte.

Am Ende überwog die Hoffnung auf ­Investitionen, Arbeitsplätze und noch mehr Gäste. Bis zu 20 Millionen Euro soll Stolberg investiert haben. Spiekeroog hat tatsächlich lange von Stolberg profitiert. Jährlich 400 000 Euro kassierte die Gemeinde allein dadurch, dass Stolberg eine Vermögensverwaltungsgesellschaft in dem 800-Einwohner-Nest ansiedelte.

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Beluga-Prozess

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