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Niedersachsen Das Zwiebel-Prinzip
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00:27 13.10.2014
Von Lars Ruzic
„Wir wollen wissen, auf welchem Acker die Zwiebeln wachsen“: Markus Stukenbrock zählt zu den Landwirten, die Symrise mit Zwiebeln beliefern – und bekommt dafür vom Aromenkonzern detaillierte Anbaupläne. Quelle: Eberstein
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Holzminden

Hier dürfen selbst gestandene Männer ihren Tränen freien Lauf lassen. Im sogenannten Waschhaus des Aromenkonzerns Symrise bleibt ihnen auch keine andere Wahl. Die Halle ist erfüllt von beißendem Zwiebeldunst, der kaum ein Auge trocken lässt. „Mit der Zeit lässt der Reiz nach“, sagt Hartmut Reuter. Wobei er darunter eher Tage oder Wochen versteht als Stunden. Reuter ist bei Symrise Meister in der Zwiebelproduktion. Ins Waschhaus, wo die Zwiebeln durchgeschüttelt, gewaschen und zerkleinert werden, muss er nur selten. Dieser Schritt der Produktion läuft vollautomatisch.

Derzeit erreichen täglich drei bis vier Lkw-Ladungen den „Zwiebelbunker“, wie sie in Holzminden die Anlieferung nennen. Seit Mitte August läuft die Ernte auf Hochtouren, und die Maschinen arbeiten rund um die Uhr, um die Mengen zu bewältigen. Im vergangenen Jahr haben sie 5000 Tonnen Zwiebeln verarbeitet, in diesem Jahr sollen es bis zu 7000 Tonnen sein und 2015 sogar
10 000 Tonnen. Konzernchef Heinz-Jürgen Bertram hat die Zwiebel zum strategischen Rohstoff erklärt, nun will er Wachstum sehen. „Mein Job ist es, nie zufrieden zu sein“, sagt er.

Tatsächlich ist die Bedeutung der Zwiebel für die Nahrungsmittelindustrie gewaltig. „Sie ist die Basis aller würzigen Produkte“, berichtet Beschaffungsmanager Felix Schuppert. Das Gemüse findet sich nicht nur in nahezu allen herzhaften Speisen, es ist auch Bestandteil von Chips-Würzmischungen, Tütensuppen oder Ketchup. Der Industrie dient es zudem als natürlicher – und damit deklarationsfreier – Geschmacksverstärker. Allein Symrise produziert mehr als 2000 Produkte auf Zwiebelbasis und erwirtschaftet damit geschätzte 150 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Die Kunden sind unzählige Nahrungsmittelkonzerne, darunter alle bekannten Namen. Geliefert wird weltweit.

Der Rohstoff hat da weitaus kürzere Wege. Und jeden der Anbauer kennen sie bei Symrise persönlich. Es sind gerade eine Handvoll Landwirte aus Niedersachsen, die dabei helfen, die Speisen der Welt zu würzen. Vor wenigen Jahren hat sich der Konzern auf die Suche nach Bauern gemacht, mit denen er langfristige Lieferverträge aushandeln kann. „Wir wollen wissen, auf welchem Acker die Zwiebeln wachsen“, umschreibt es Konzernchef Bertram. Nicht nur das: Symrise gibt die Zwiebelsorte vor, stellt Düngepläne auf und analysiert das Gemüse laufend während des Wachstums. „Rückwärtsverfolgbarkeit“ nennt das Bertram.

Es ist einer der Megatrends in der Nahrungsmittelindustrie. Weil die Verbraucher kritischer geworden sind, wollen die Hersteller wenn irgend möglich keine künstlichen Aromen mehr auf ihren Zutatenlisten sehen – und noch mehr: Sie verlangen vom Zulieferer eine detaillierte Nachweisbarkeit seiner Prozesskette. „Die Branche erfindet sich gerade neu“, sagt Bertram. „Da wollen wir ganz vorn dabei sein.“

Der Konzern hat deshalb mehrere „strategische Rohstoffe“ ausgemacht, bei denen er eng mit Vertragsbauern zusammenarbeitet – das reicht vom Vanille­anbau auf Madagaskar bis zur Zitrusbeschaffung in Brasilien. Gerade erst hat Symrise mit dem 1,3 Milliarden Euro teuren Zukauf des französischen Diana-Konzerns die größte Übernahme der Firmengeschichte gestemmt – vor allem, um einen wichtigen Lieferanten ins Haus zu holen. Diana beispielsweise verarbeitet ein Fünffaches der Zwiebelmengen, die in Holzminden bislang aufbereitet wurden. Auf die heimische Produktion habe das keine Auswirkungen, beteuert Bertram. Sie solle trotzdem wachsen.

Für Markus Stukenbrock ist das alles weit weg. Der 33-jährige Agrarökonom aus Bisperode am Ith muss zusehen, dass er seine Steckzwiebeln rechtzeitig vom Acker bekommt, dass sie im Lager nicht feucht und faul werden – und dass sein Kunde in Holzminden rechtzeitig genug Ware abnimmt. Stukenbrock hat sich zusammen mit zwei Kollegen auf das Abenteuer Zwiebel eingelassen. Auf 80 Hektar fahren sie in diesen Tagen die Ernte ein. Dazu mussten die Bauern kräftig investieren – in eigene Lagerkapazitäten und jedes Jahr in neue Steckzwiebelchen, die ausgebracht werden müssen.

Es ist ein aufwendigeres Geschäft als mit Getreide oder Zuckerrüben. Viele Kollegen, mit denen sich Stukenbrock austauschen kann, hat er nicht. Niedersachsen ist – wie bei so vielen landwirtschaftlichen Produkten – zwar auch bei der Zwiebel größter Anbauer. Doch die großen Gebiete liegen nördlich von Peine. Hier, hinterm Ith, „sind wir allein auf weiter Flur“, sagt der Landwirt. So mancher seiner Kollegen hat ihn auch schon gefragt, warum er sich so viel Arbeit antue. „Uns ist es wichtig, uns breit aufzustellen“, entgegnet er dann.

Sein wichtigstes Argument dürfte aber sein, dass Symrise mit den Landwirten einen Vertrag mit sechsjähriger Laufzeit geschlossen hat – zu einem festen Abnahmepreis. „Wir haben eine sichere Größe, mit der wir kalkulieren können“, sagt Stukenbrock. Die extremen Preisschwankungen auf den Zwiebelmärkten müssen ihn genauso wenig kümmern wie der optische Eindruck seiner Ernte. Während im Einzelhandel nur formschöne Exemplare abgenommen werden, kümmern sie sich bei Symrise darum wenig. Auch deshalb spricht Konzernchef Bertram von einer „Win-Win-Situation“ für den Aromenhersteller und die Landwirte.
Letztere bezahlen das freilich auch mit Abhängigkeit. Sie haben nur den einen Kunden, fungieren quasi als dessen verlängerte Werkbank. Anders etwa als im Geschäft mit der
Zuckerrübe gibt es keinen Verband, der für die Bauern eine Gegenmacht organisiert. „Wenn Symrise ruft“, umschreibt es Bauer Stukenbrock, „dann springen wir.“

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