Volltextsuche über das Angebot:

25 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Das Zwiebel-Prinzip

Aromenkonzern Symrise Das Zwiebel-Prinzip

Landwirte aus Niedersachsen bauen das Gemüse für den Aromenkonzern Symrise an – und würzen damit die Speisen der Welt.

Voriger Artikel
„Hier soll abgeholzt werden“
Nächster Artikel
Agravis kauft groß ein

„Wir wollen wissen, auf welchem Acker die Zwiebeln wachsen“: Markus Stukenbrock zählt zu den Landwirten, die Symrise mit Zwiebeln beliefern – und bekommt dafür vom Aromenkonzern detaillierte Anbaupläne.

Quelle: Eberstein

Holzminden. Hier dürfen selbst gestandene Männer ihren Tränen freien Lauf lassen. Im sogenannten Waschhaus des Aromenkonzerns Symrise bleibt ihnen auch keine andere Wahl. Die Halle ist erfüllt von beißendem Zwiebeldunst, der kaum ein Auge trocken lässt. „Mit der Zeit lässt der Reiz nach“, sagt Hartmut Reuter. Wobei er darunter eher Tage oder Wochen versteht als Stunden. Reuter ist bei Symrise Meister in der Zwiebelproduktion. Ins Waschhaus, wo die Zwiebeln durchgeschüttelt, gewaschen und zerkleinert werden, muss er nur selten. Dieser Schritt der Produktion läuft vollautomatisch.

Derzeit erreichen täglich drei bis vier Lkw-Ladungen den „Zwiebelbunker“, wie sie in Holzminden die Anlieferung nennen. Seit Mitte August läuft die Ernte auf Hochtouren, und die Maschinen arbeiten rund um die Uhr, um die Mengen zu bewältigen. Im vergangenen Jahr haben sie 5000 Tonnen Zwiebeln verarbeitet, in diesem Jahr sollen es bis zu 7000 Tonnen sein und 2015 sogar
10 000 Tonnen. Konzernchef Heinz-Jürgen Bertram hat die Zwiebel zum strategischen Rohstoff erklärt, nun will er Wachstum sehen. „Mein Job ist es, nie zufrieden zu sein“, sagt er.

Tatsächlich ist die Bedeutung der Zwiebel für die Nahrungsmittelindustrie gewaltig. „Sie ist die Basis aller würzigen Produkte“, berichtet Beschaffungsmanager Felix Schuppert. Das Gemüse findet sich nicht nur in nahezu allen herzhaften Speisen, es ist auch Bestandteil von Chips-Würzmischungen, Tütensuppen oder Ketchup. Der Industrie dient es zudem als natürlicher – und damit deklarationsfreier – Geschmacksverstärker. Allein Symrise produziert mehr als 2000 Produkte auf Zwiebelbasis und erwirtschaftet damit geschätzte 150 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Die Kunden sind unzählige Nahrungsmittelkonzerne, darunter alle bekannten Namen. Geliefert wird weltweit.

Der Rohstoff hat da weitaus kürzere Wege. Und jeden der Anbauer kennen sie bei Symrise persönlich. Es sind gerade eine Handvoll Landwirte aus Niedersachsen, die dabei helfen, die Speisen der Welt zu würzen. Vor wenigen Jahren hat sich der Konzern auf die Suche nach Bauern gemacht, mit denen er langfristige Lieferverträge aushandeln kann. „Wir wollen wissen, auf welchem Acker die Zwiebeln wachsen“, umschreibt es Konzernchef Bertram. Nicht nur das: Symrise gibt die Zwiebelsorte vor, stellt Düngepläne auf und analysiert das Gemüse laufend während des Wachstums. „Rückwärtsverfolgbarkeit“ nennt das Bertram.

Es ist einer der Megatrends in der Nahrungsmittelindustrie. Weil die Verbraucher kritischer geworden sind, wollen die Hersteller wenn irgend möglich keine künstlichen Aromen mehr auf ihren Zutatenlisten sehen – und noch mehr: Sie verlangen vom Zulieferer eine detaillierte Nachweisbarkeit seiner Prozesskette. „Die Branche erfindet sich gerade neu“, sagt Bertram. „Da wollen wir ganz vorn dabei sein.“

Der Konzern hat deshalb mehrere „strategische Rohstoffe“ ausgemacht, bei denen er eng mit Vertragsbauern zusammenarbeitet – das reicht vom Vanille­anbau auf Madagaskar bis zur Zitrusbeschaffung in Brasilien. Gerade erst hat Symrise mit dem 1,3 Milliarden Euro teuren Zukauf des französischen Diana-Konzerns die größte Übernahme der Firmengeschichte gestemmt – vor allem, um einen wichtigen Lieferanten ins Haus zu holen. Diana beispielsweise verarbeitet ein Fünffaches der Zwiebelmengen, die in Holzminden bislang aufbereitet wurden. Auf die heimische Produktion habe das keine Auswirkungen, beteuert Bertram. Sie solle trotzdem wachsen.

Für Markus Stukenbrock ist das alles weit weg. Der 33-jährige Agrarökonom aus Bisperode am Ith muss zusehen, dass er seine Steckzwiebeln rechtzeitig vom Acker bekommt, dass sie im Lager nicht feucht und faul werden – und dass sein Kunde in Holzminden rechtzeitig genug Ware abnimmt. Stukenbrock hat sich zusammen mit zwei Kollegen auf das Abenteuer Zwiebel eingelassen. Auf 80 Hektar fahren sie in diesen Tagen die Ernte ein. Dazu mussten die Bauern kräftig investieren – in eigene Lagerkapazitäten und jedes Jahr in neue Steckzwiebelchen, die ausgebracht werden müssen.

Es ist ein aufwendigeres Geschäft als mit Getreide oder Zuckerrüben. Viele Kollegen, mit denen sich Stukenbrock austauschen kann, hat er nicht. Niedersachsen ist – wie bei so vielen landwirtschaftlichen Produkten – zwar auch bei der Zwiebel größter Anbauer. Doch die großen Gebiete liegen nördlich von Peine. Hier, hinterm Ith, „sind wir allein auf weiter Flur“, sagt der Landwirt. So mancher seiner Kollegen hat ihn auch schon gefragt, warum er sich so viel Arbeit antue. „Uns ist es wichtig, uns breit aufzustellen“, entgegnet er dann.

Sein wichtigstes Argument dürfte aber sein, dass Symrise mit den Landwirten einen Vertrag mit sechsjähriger Laufzeit geschlossen hat – zu einem festen Abnahmepreis. „Wir haben eine sichere Größe, mit der wir kalkulieren können“, sagt Stukenbrock. Die extremen Preisschwankungen auf den Zwiebelmärkten müssen ihn genauso wenig kümmern wie der optische Eindruck seiner Ernte. Während im Einzelhandel nur formschöne Exemplare abgenommen werden, kümmern sie sich bei Symrise darum wenig. Auch deshalb spricht Konzernchef Bertram von einer „Win-Win-Situation“ für den Aromenhersteller und die Landwirte.
Letztere bezahlen das freilich auch mit Abhängigkeit. Sie haben nur den einen Kunden, fungieren quasi als dessen verlängerte Werkbank. Anders etwa als im Geschäft mit der
Zuckerrübe gibt es keinen Verband, der für die Bauern eine Gegenmacht organisiert. „Wenn Symrise ruft“, umschreibt es Bauer Stukenbrock, „dann springen wir.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Zahlen für 2014 vorgelegt

Ein starkes viertes Quartal hat dem Aromen- und Duftstoffhersteller Symrise ein neues Rekordjahr beschert. Dank des Schlussquartals stieg der Umsatz um 16 Prozent auf 2,12 Milliarden Euro. Das teilte der MDax-Konzern am Dienstag in Holzminden mit.

mehr
Mehr aus Niedersachsen

Nach dem großen VW-Abgasskandal sind etwa 2,4 Millionen Kunden bundesweit von der gigantischen Rückrufaktion betroffen. Einer von ihnen ist HAZ-Redakteur Enno Janssen. In einer Serie berichtet er, wie es nun für ihn und die anderen Kunden wirklich weitergeht. mehr

Der Abgasskandal erschüttert den Volkswagen-Konzern. Lesen Sie hier alle Berichte und Hintergründe zur Diesel-Affäre. mehr

Aktienkurse regionaler Unternehmen

CEWE STIFT.KGAA... 70,94 -0,49%
CONTINENTAL 189,27 +1,07%
DELTICOM 14,87 -0,20%
HANNO. RÜCK 91,14 +0,31%
SALZGITTER 27,63 +1,84%
SARTORIUS AG... 71,71 -2,82%
SYMRISE 64,07 +0,35%
TALANX AG NA... 26,85 +1,02%
TUI 11,08 +0,01%
VOLKSWAGEN VZ 129,14 +2,91%
DAX
Chart
DAX 10.330,50 +0,81%
TecDAX 1.715,00 +1,36%
EUR/USD 1,0991 +0,03%

Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation

Aktien Tops & Flops

VOLKSWAGEN VZ 129,14 +2,91%
BAYER 95,72 +2,49%
DAIMLER 62,20 +2,47%
DT. BANK 12,31 -4,39%
BASF 69,87 -3,14%
E.ON 9,54 -0,57%

Wertpapiersuche

Wechselkurse interaktiv

Weltkarte

Fonds Top Performer 3 Jahre

Fondsname FA Perf. 3J.
AXA IM Fixed Incom RF 205,81%
Stabilitas PACIFIC AF 139,17%
Crocodile Capital MF 115,75%
Structured Solutio AF 110,38%
Danske Invest Denm AF 100,65%

mehr