Es ist immer noch eine Nische, aber eine attraktive – das Geschäft mit Biolebensmitteln. Für fast alle konventionellen Produkte von der Schokolade bis zur Limonade gibt es inzwischen ein Pendant ökologischer Herkunft. 6 Milliarden Euro gaben die Bundesbürger 2008 für Ökoware aus, 10 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Der Bioboom der vergangenen Jahre mit hohen zweistelligen Wachstumsraten flaut derzeit zwar ab. Aber verglichen mit konventionellen Produkten sind die Zuwächse immer noch beachtlich.
Längst beherrschen die Biohersteller, die ihre Produkte über den klassischen Naturkostfachhandel und Biosupermärkte vermarkten, nicht mehr allein dieses Feld. Große Markenhersteller wie Nestlé oder Oetker haben sich ein eigenes Biosortiment zugelegt, aus dem sich die Kunden im Supermarkt bedienen können. Bio als Umsatzbringer – neben Handelsriesen wie Edeka und Rewe setzen auch die Discounter Aldi und Lidl auf diese Absatzschiene, und sie verkaufen schon weitaus mehr Ökoprodukte als der gesamte Biohandel.
Ob Gurken im Glas, Joghurt, Tomatenmark, Kekse oder Bionade – nach der EU-Bioverordnung müssen die Zutaten für Bioprodukte, die die Verarbeiter verwenden, zu 95 Prozent ökologisch hergestellt sein. Eine der wichtigsten ist Biozucker. Doch der ist in Europa Mangelware. Gerade 5000 Tonnen Biozucker aus ökologisch angebauten Zuckerrüben werden pro Jahr in der EU produziert, wie Volker Diehl sagt. Er ist Manager bei Eurosugar, der Gemeinschaftsfirma, in der der Braunschweiger Nordzucker-Konzern mit zwei Partnern den Zuckervertrieb gebündelt hat. Abgesehen vom Haushaltszucker würden allein von den Verarbeitern rund 100.000 Tonnen gebraucht, schätzt Diehl.
In Deutschland produzieren nur Nordzucker und Südzucker das begehrte Bioprodukt. Wegen der geringen Mengen verarbeiten die Nummer eins und zwei in der EU Ökorüben gemeinsam im Südzucker-Werk Warburg in Nordrhein-Westfalen. 800 Tonnen Biozucker werden für Nordzucker und 2000 Tonnen für Südzucker jährlich hergestellt. Die Produktion ist die gleiche wie bei konventionellem Zucker. Das Endprodukt ist identisch, denn die weißen Kristalle sind „chemisch rein“.
Trotz hoher Vergütungen für die Ökorübe ist es den Konzernen nicht gelungen, mehr Biolandwirte zum Anbau zu locken. Gut 87 Euro zahlt Nordzucker seinen bislang 15 Lieferanten für die Tonne Biorüben, für konventionelle Rüben gibt es nur 35,40 Euro, berichtet Franz Hesse, der für die Rohstoffbeschaffung im Nordzucker-Werk Nordstemmen zuständig ist. Den meisten Biobauern sei das Anbaurisiko der schwierigen Ackerfrucht zu hoch.
Die Probleme der Zuckerproduzenten interessieren ihre Kunden in der Getränke-, Süßwaren- oder Molkereibranche herzlich wenig. Sie verlangen Biozucker kristallin oder flüssig – in gleicher Qualität wie das konventionelle Schwesterprodukt. Wenn sie in Europa nicht genug Biorübenzucker bekommen, kaufen sie eben ökologisch erzeugten Rohrzucker ein – in Brasilien und Paraguay, die jeweils etwa 70.000 Tonnen davon im Jahr herstellen, oder in Indien, Costa Rica, Kolumbien und Thailand, wie Eurosugar-Manager Diehl sagt.
Doch so einfach ist der Ersatz der Biorübe durch das Biorohr nicht. Mit der Qualität des Importzuckers hapere es, erklärt Diehl. Zumeist müsse der Biorohrzucker hier noch aufbereitet und gereinigt werden – ein aufwendiges Verfahren. Bisher machten dies viele Verarbeiter selbst, aber mit wachsendem Bedarf an Biozucker werde das schwieriger, weiß Diehl von seinen Kunden. So sei etwa beim Hersteller der Bionade der Biozuckerverbrauch im Zuge des Absatzbooms von 30 Tonnen 2003 auf heute etwa 7500 Tonnen gewachsen.
Hier sieht Nordzucker eine Marktlücke, die der Konzern schleunigst besetzen will: die Veredelung von Rohrzucker. Know-how und Technologie sind vorhanden. In der Fabrik Nordstemmen, wo Nordzucker bereits ein Flüssigzuckerwerk betreibt, wurde eine Anlage zur Produktion von Flüssigzucker aus Biorohr installiert. Flüssigzucker etwa für die Limonadenhersteller sei von noch größerer Reinheit als Kristallzucker, erklärt Betriebsleiter Klaus Deutschmann.
Noch ist das Geschäft klein. Dennoch misst Nordzucker ihm strategische Bedeutung bei. Über Eurosugar solle der veredelte Biorohrzucker europaweit vermarktet werden, sagt Diehl. Wie Zulieferer den Autoherstellern auf ihre Märkte folgen, muss auch Nordzucker mit seinen Kunden ziehen. Der Beschaffungsmanager bei Nestlé kauft laut Diehl „auf europäischer Ebene“ ein und wolle nur einen Ansprechpartner.
Das will Eurosugar sein – mit „maßgeschneiderten süßen Lösungen“. Deshalb sei man dabei, ein weltweites Netz von qualifizierten Produzenten von Biorohrzucker aufzubauen, um den Nachschub zu sichern, sagt Diehl. Je besser das Geschäft laufe, desto mehr Wertschöpfung werde auch hierzulande geschaffen – ein kleiner Ausgleich für die Einbußen durch die EU-Zuckermarktreform, aber vielleicht bald ein wachsender.
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