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Continental-Werk in Hannover-Stöcken erfindet sich neu
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Nach Ende der Reifenproduktion Continental-Werk in Hannover-Stöcken erfindet sich neu

Es wird geschraubt, geschweißt, programmiert, Lastenkräne ächzen, Gabelstapler verschaffen sich Platz. Unter Hochdruck arbeiten die Spezialisten an neuen Anlagen – jede aus mehr als 14 000 Komponenten und gut sechs Tonnen schwer. Die Halle ist voll davon, bis auf den letzten Platz. Es ist gerade zwei Jahre her, da liefen hier Lkw-Reifen vom Band. Jetzt sind es Reifenmaschinen. In Serie.

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In der alten Reifenhalle werden nun Reifenmaschinen in Serie gebaut.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Jede einzelne ist für eine halbe Million Reifen im Jahr gut. Zwei pro Woche verlassen die Halle in alle Himmelsrichtungen. Derzeit baut Continental auf nahezu allen Kontinenten neue Reifenwerke oder baut bestehende aus. Und überall warten sie händeringend auf die Maschinen aus Stöcken. „Unser Ausstoß hat sich mehr als verdoppelt“, berichtet Jürgen Dieterich, Chef der Conti Machinery. Und die Belegschaft wächst mit. In der Krise war sie auf 181 Mann dezimiert worden, nun hat Dieterich zusammen mit Leiharbeitern 320 Mann an Bord – und ganz andere Probleme. „Der Fachkräftemangel ist ein großes Thema“, sagt er.

Die hauseigene Maschinenfabrik ist ein Symbol für den Wandel am traditionsreichen Conti-Werk in Stöcken. Nachdem der Konzern im zurückliegenden Jahrzehnt im Hauruck-Verfahren sowohl die Schließung der Pkw- als auch der Lkw-Reifenfertigung durchgesetzt hatte, sahen viele schon den ganzen Standort in Gefahr. Stöcken drohe als Reifenentwicklung mit weitgehend ungenutztem angeschlossenen Werksgelände zu verkommen, hieß es noch 2009. Selbst die Konzernspitze kündigte damals an, man wolle gemeinsam mit der Stadt und der Universität Wege suchen, die Flächen zu vermarkten.

Heute redet in Stöcken niemand mehr darüber. Der Boom in der Autoindustrie und das konzerneigene, eine Milliarde Euro schwere Investitionsprogramm in neue Reifenfabriken auf den Wachstumsmärkten der Welt haben dafür gesorgt, dass der Standort aufgeblüht ist. „Hier geht richtig was ab“, umschreibt es Conti-Reifenproduktionschef Bernhard Trilken. Schon heute seien mehr als 95 Prozent der 500.000 Quadratmeter Nutzfläche wieder belegt. Für 2012 rechnet der Konzern damit, auch die letzten Prozente ausnutzen zu können.

Auch Martin Gonschior hat in den vergangenen Monaten immer mehr Platzbedarf angemeldet – für die zahlreichen Rohstoffe und Chemikalien, die seine Vormaterialfabrik verarbeitet. Davon benötigt der 48-Jährige immer mehr, denn im Mischsaal, am Kalander und in der Balg- und Stahlcordproduktion sind die Kapazitätsgrenzen erreicht. Vor zwei Jahren produzierte Stöcken 90.000 Tonnen Gummimischungen für die Reifenproduktion, in diesem Jahr werden es 156.000 Tonnen sein. Die Mitarbeiterzahl stieg um mehr als 50 auf 425.

Dabei war auch Gonschiors Bereich mit dem Ende der Reifenfertigung in Stöcken eine trübe Zukunft bescheinigt worden. Doch die restlichen Conti-Werke und auch externe Kunden nehmen die Vorprodukte mit Kusshand. „Wir haben uns von einem lokalen Vorproduzenten zu einem internationalen Zulieferer gewandelt“, umschreibt es der Manager. Der Reifenmarkt boomt, nahezu alle Fabriken laufen unter Volllast. Das macht es Gonschior leicht, seine Ware an den Mann zu bringen. Als vor zwei Wochen in Hannover der Strom ausfiel, musste der Ricklinger zunächst Abnehmer vertrösten. Schließlich lag die Produktion infolge des Blackouts für mehrere Stunden darnieder – in Boomzeiten ein schmerzlicher Verlust für Lieferant und Kunde.

Unweit von Gonschiors düsteren Mischsälen, wo sich der Ruß jedes Quadratzentimeters bemächtigt hat, beginnt die Hightech-Zone von Stöcken. In den penibel abgeschirmten Werkstätten der Zuliefersparte Chassis & Safety etwa, wo die Prototypen der Autoindustrie schon heute stehen, damit die rund 170 Entwickler und Facharbeiter daran ihre Luftfedersysteme testen können, die anschließend im Gifhorner Werk in Serie produziert werden sollen.

Und natürlich in der Reifenentwicklung, dem Herz des Standorts. Auch hier arbeitet Stöcken für die Welt. Egal, welcher Reifentyp für welchen Markt und für welchen Einsatzbereich – die Designer, Chemiker und Reifenschnitzer aus Stöcken hatten sie alle unter ihren Fittichen. Hier sollen bis Ende kommenden Jahres 100 neue Jobs entstehen. Hinzu kommt ein Aufbau an Ingenieuren in der Abteilung, die den Ausbau der Reifenkapazitäten von China bis in die USA begleitet. Mehr als 20 Jobs sind hier zu vergeben. „Unser Investitionsprogramm gibt auch dem Standort Stöcken eine langfristige Perspektive“, sagt Conti-Manager Trilken.

Dass der 48-Jährige plötzlich aus dem Vollen schöpfen kann, hat er pikanterweise einem Vorstand zu verdanken, dessen Vorsitzender bei seinem Amtsantritt in Hannover vor zwei Jahren nicht wirklich Reifenexperte zu nennen war. Doch Elmar Degenhart erkannte schnell, dass seine Vorgänger die Reifensparten zwar auf Rendite getrimmt, sie aber nicht für das Wachstum in China und Co. gerüstet hatten. So findet Stöcken im Verbund eine neue Rolle – aus der alten Reifenfabrik ist eine Schaltzentrale im Produktionsnetz geworden, die die Kollegen weltweit mit Ideen, Maschinen und Material beliefert.

Dabei hat ein Gutteil der einst von der Produktionsschließung Betroffenen auf dem Gelände einen neuen Job gefunden, etwa in der Vormaterialfabrik oder im eigens geschaffenen Industriepark Stöcken – einem internen Dienstleister, der sich etwa um werksinterne Logistik, Umwelt- oder Sicherheitsfragen kümmert. Die Arbeitnehmerseite hatte einst auf der Einrichtung dieser Einheit bestanden – um auch Jobs jenseits von Hightech am Standort zu halten. „Damals haben sie mich für verrückt erklärt, weil wir dort 50 Leute halten wollten“, erinnert sich Betriebsratschef Michael Deister. Heute beschäftigt der Industriepark 110 Menschen.

Doch insgesamt spürt auch der Betriebsrat den Wandel zum Standort für Hochqualifizierte. Nicht nur, dass er sich heute mehr um Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als mit Schichtmodellen auseinandersetzen muss. Auch die Schaffung von Büroräumen steht ganz oben auf der Agenda. „Wir können die Spitzenleute doch nicht zu fünft in ein Büro stecken“, sagt Deister und ist sich sicher: „Wir werden schon bald um einen Neubau nicht herumkommen.“ So weit wollen die Manager dann aber nicht gehen. Noch nicht.

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Mit der 53-jährigen Elke Strathmann holt der Autozulieferer Conti zum ersten Mal eine Frau in seinen Vorstand. Sie war bislang Deutschland-Personalchefin des Schweizer Lebensmittel-Riesen Nestlé.

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