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Niedersachsen Die Stevia-Pflanze süßt gesünder
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17:18 20.03.2012
Seit Jahrhunderten wird Stevia in Paraguay und Brasilien zum Süßen von Nahrungsmitteln und Tee verwendet. Quelle: dpa
Hannover

Naschen ohne Reue - ein Traum zu schön, um wahr zu sein. Vielleicht ist es doch möglich dank Stevia, der zuckersüßen "Wunderpflanze" aus Südamerika. Der Extrakt, der aus den Blättern des "Honigkrauts" gewonnen wird, das sogenannte Steviolglycosid, ist bis zu 300-mal süßer als Zucker, die Blätter bis zu 30-mal. Der Genuss verursacht keine Karies und macht nicht dick, denn der Extrakt hat so gut wie keine Kalorien.

Seit Jahrhunderten wird Stevia in Paraguay und Brasilien zum Süßen von Nahrungsmitteln und Tee verwendet. Auch in Japan und den USA hat sich das "Süßblatt" etabliert. Ob Limonaden, Fruchtsäfte, Joghurt oder Bonbons - etliche Produkte werden mit dem Stevia-Extrakt gesüßt, und das Geschäft blüht.

In Europa mussten die Lebensmittelhersteller auf eine Zulassung durch die EU-Kommission warten. Angeblich steckte die Lobby der Zucker- und Süßstoffproduzenten dahinter - aus Furcht, die Stevia-Konkurrenz könnte sie vom Markt verdrängen, wie behauptet wurde. Umso mehr keimte in der Lebensmittelbranche die Hoffnung auf ein Milliardengeschäft mit dem "Super-Süßstoff", von dem es fast euphorisch hieß, er werde eine "Zucker-Revolution" auslösen.

Es gab jedoch Gründe für die Dauer des Zulassungsverfahrens. Die Tropenpflanze enthalte neun verschiedene Steviolglycoside, erklärt Matthias Meyer von NPSweet. Die Firma hat der Braunschweiger Nordzucker-Konzern 2011 mit dem malaysischen Stevia-Produzenten PureCircle gegründet, um auch in diesem Geschäft vorn mitzumischen. Pflanze und Stoffe mussten von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die für die EU-Kommission die Risiken von neuen Lebensmitteln bewertet, bis ins letzte Detail auf ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit geprüft werden.

Jüngst erteilte die EU-Kommission die Erlaubnis - aber die Revolution fand nicht statt. In den Supermarktregalen suchen Verbraucher Stevia-Produkte meist (noch) vergeblich. Das werde sich nur langsam ändern, sagt Hans Strohmaier, Chef des Süßwarenhandelsverbands Sweet Global Network. Denn Zucker raus, Stevia rein - so einfach ist es nicht.

Was den Herstellern von Schokolade oder Limonaden Kopfzerbrechen bereitet, ist der lakritzartige, leicht bittere Geschmack der Steviolglycoside. Je reiner der inzwischen chemisch isolierte Extrakt sei, desto geringer sei dieser Nachgeschmack auf der Zunge, erklärt Meyer von NP Sweet. Daran müsse aber noch gearbeitet werden.

Es ist nicht das einzige Problem. So schreibt die EU-Kommission unter anderem Höchstmengen bei der Dosierung für einen unschädlichen Verzehr vor. Stevia-Süßstoffe dürfen nicht mehr als 30 Prozent des Zuckers ersetzen. Für viele Produktbereiche wie Kekse oder Gebäck ist Stevia als Süßungsmittel gar nicht zugelassen, wie Verbandschef Strohmaier sagt. Und wo es erlaubt ist, gibt es exakte Vorgaben für die Mischungen. Von Euphorie sei angesichts der Auflagen bei den Herstellern nichts zu spüren. In Laboren und Versuchsküchen der Firmen werde zurzeit geforscht und experimentiert, um Stevia-Produkte zu entwickeln.

Kein Wunder, dass sie noch rar sind. Selbst der Getränkeriese Coca-Cola, der zusammen mit dem US-Rohstoffkonzern Cargill die EU-Zulassung für Stevia vorangetrieben hatte, hält sich hierzulande zurück. Weltweit ist Coca-Cola schon mit 30 Produkten, die mit Stevia-Extrakten gesüßt sind, auf dem Markt. Unter anderem in Frankreich mit einer Fanta Still, die 30 Prozent weniger Zucker enthält - und ihre Kunden gefunden hat, wie eine Firmensprecherin berichtet. In Deutschland teste Coca-Cola derzeit verschiedene Getränke, um herauszufinden, was den Verbrauchern schmecke. Im Sommer werde entschieden, ob man überhaupt in Deutschland ein Produkt anbiete.

Der Verbraucher verlange nun einmal, dass Produkte mit Stevia genauso schmecken wie jene mit Zucker oder Süßstoff, sagt Verbandschef Strohmaier. Bei Schokolade sei das besonders schwierig. Rezepturen müssten komplett geändert werden, weil die Stevia-Süßstoffe im Gegensatz zu Kristallzucker fast kein Volumen haben. Es fehlt schlicht die Masse. Fünf Jahre hat der belgische Hersteller Cavalier zusammen mit seinem Schweizer Partner Barry Callebaut laut Strohmaier gebraucht, um eine Schokolade zu kreieren, die mit Stevia-Extrakt statt Zucker gesüßt ist. Seit einigen Wochen ist sie auf dem Markt.

Andere Markenartikler sitzen in den Startlöchern. Im nächsten Monat will der Aachener Konfitürenproduzent Zentis eine mit Stevia gesüßte Konfitüre ins Rennen schicken - mit 30 Prozent weniger Kalorien als herkömmliche Produkte, aber dem "vollen Fruchtgeschmack".

Es sei ein mühsames Geschäft, sagt NP-Sweet-Manager Meyer. Trotzdem ist er überzeugt, dass sich Stevia auch in Europa durchsetzen werde, zunächst als Ersatz für künstliche Süßstoffe, weil hier Patente auslaufen. NP Sweet entwickelt Rezepturmuster für große Markenartikler und trifft auf große Resonanz, wie Meyer sagt. Potenzial sehe man in einer Kombination von Zucker und Stevia, sogenannten Steviasucroseprodukten.

Auch über die Entwicklung eines "Zuckers light" werde nachgedacht, sagt Meyer. "Mit dem gleichen Geschmack und der gleichen Süßkraft wie beim Zucker, aber der Hälfte der Kalorien." Vermutlich macht NP Sweet sogar schon Versuche. Wenn das Experiment gelingt, könnte das "Wunderkraut" tatsächlich zum Renner werden.

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