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Niedersachsen Drei Bayern brauen Bier in Uslar
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Drei Bayern brauen Bier in Uslar
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00:16 18.08.2014
Von Carola Böse-Fischer
Abfüllanlage bei Bergbräu: Die neuen Eigentümer fahren mit der klassischen Bügelverschlussflasche eine konsequente Mehrwegstrategie.
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Uslar

Die von Sauer begann vor gut einem Jahr. Hinrich Haffner, Inhaber der 1868 gegründeten Brauerei Bergbräu in Uslar, suchte damals einen Käufer. Ein Nachfolger für das Unternehmen, das Haffner in fünfter Generation führte, war nicht in Sicht. Und so sollte Sauer, der mit seiner Unternehmensberatung CIS im bayerischen Burgau Firmen der Getränke- und Verpackungsindustrie berät und seit Langem mit Haffner bekannt ist, den Verkauf einfädeln.

Aber wer kauft angesichts eines schrumpfenden Biermarktes mit ruinösem Preiswettbewerb eine Brauerei? Bergbräu hatte Jahr für Jahr rund 10 Prozent Absatz verloren - und das bereits über einen Zeitraum von zehn Jahren. Lange hätte das Unternehmen das nicht mehr durchgehalten, sagt Sauer. Es sei kein „aktiver Verkauf“ betrieben worden, obwohl das Potenzial - „die starke Verankerung in der Region und eine große Treue der Konsumenten zur Marke Bergbräu“ - vorhanden war. Schließlich reifte bei Robert Sauer der Entschluss, die Brauerei selbst zu übernehmen.

Eine gewagte Entscheidung. Doch Sauer kennt die Branche und den Markt von seiner früheren Tätigkeit als Verkaufsdirektor bei Paulaner genau. Warum sollte im Solling nicht funktionieren, was in Bayern zu Erfolgen führt?, fragte er sich. „Hier machen viele kleine Privatbrauereien einen sehr guten Job“, sagt der 52-Jährige. Es habe ihn auch gereizt, etwas Eigenes aufzubauen und sich damit einen Traum zu erfüllen.

So übernahmen Sauer und seine beiden Söhne vor einem Jahr die Mehrheit an der Traditionsbrauerei im Stadtzentrum und pendeln seither zwischen dem bayerischen Burgau und Uslar. Einen Minderheitsanteil erwarb die Uslarer Familie Sander. Über den Preis schweigen alle Beteiligten. Aber die Finanzierung aus Eigenmitteln und einem Bankkredit sei kein Problem gewesen, sagt Sauer. Wenn man ein gutes Konzept habe, zögen die Banken mit.

Dann ging es los. Als erstes wurde für eine halbe Million Euro ein Aggregat zur Kurzzeiterhitzung des Gerstensaftes angeschafft, um auch alkoholfreie Sorten anbieten zu können, wie Sauers Sohn Pierre berichtet. Der 30-Jährige ist in der Geschäftsführung für das Marketing verantwortlich, der ein Jahr ältere René für die Finanzen.

Dann wurde der Verkauf gezielt angekurbelt. Um wichtige Kunden kümmert sich der Chef selbst. So gelang es, die Universität Göttingen zu gewinnen. In allen Caféterias der Uni habe Bergbräu die zuvor verkauften „Fernsehbiere“ verdrängt, erzählt Sauer. Über 25 000 Studenten seien der beste Multiplikator. Inzwischen schenkten viele Gastronomiebetriebe wieder Bergbräu aus. Es folgte der Lebensmittelhandel in der Region. Vielerorts ist Bergbräu mit seiner stärksten Marke Altstadt Dunkel, aber auch mit Pils und Weizen wieder in den Supermarkt-Regalen vertreten - nur als hochpreisiges Produkt und nur in der klassischen Bügelverschlussflasche mit 0,33 Liter, wie Robert Sauer sagt. Ein Kasten Bergbräu mit 20 Flaschen koste im Schnitt 12 Euro. „Einen Preiswettbewerb können und wollen wir uns als Nischenanbieter nicht leisten.“ Trotzdem oder gerade deshalb ist der Absatz im ersten Halbjahr 2014 um fast 30 Prozent gewachsen. Jeweils die Hälfte entfällt auf Handel und Gastronomie. Und die Brauerei wirft laut Sauer Gewinn ab.

Die nächsten Ziele haben die Sauers bereits im Blick: Zurzeit versuchen sie, in der Region Hannover ins Geschäft zu kommen. Als Werbeeffekt kommt ihnen zupass, dass ihre Marke Altstadt Dunkel jüngst als „kulinarischer Botschafter Niedersachsens“ ausgezeichnet worden ist, von Ministerpräsident Stephan Weil, der Schirmherr dieser Aktion ist, höchstpersönlich.

Demnächst sollen die Fühler nach Kassel ausgestreckt werden. Schritt für Schritt - das ist Sauers Devise. Ohnehin ist das Wachstum durch die Kapazität und die konsequente Mehrwegstrategie begrenzt. Mit rund 50 000 Hektolitern ist Bergbräu ein Brauerei-Winzling, auch wenn der Ausstoß noch verdoppelt werden kann. Das Bier wird in dem alten Backsteingebäude gebraut und „per Pipeline“ in die höher gelegene Abfüllanlage gepumpt. Die inzwischen 29 Mitarbeiter gehen jetzt schon „auf dem Zahnfleisch“, wie Robert Sauer sagt. Aber alle seien hochmotiviert, weil sie merkten, dass es bergauf gehe.

Die Sauers haben sich vorgenommen, aus Bergbräu wieder eine Perle zu machen. Dafür brauchen die neuen Brauereiherren aber auch neue Konsumentengruppen. Junge Leute, Sportler zum Beispiel. So hat Bergbräu unlängst ein alkoholfreies, isotonisches Bier auf den Markt gebracht. Ansprechen soll es alle, die gern wandern. Deshalb heißt das Bier Bergsteiger. Den Namen habe er sich international schützen lassen, sagt Robert Sauer. „Bergsteiger hat das Potenzial für eine starke Marke.“

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