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Angst um die Rente

Ehemalige Telefunken-Mitarbeiter Angst um die Rente

In den goldenen Jahren der Unterhaltungselektronik haben die Telefunken-Beschäftigten üppige Betriebsrenten vereinbart. Heute sorgen sie sich um die Zahlungen, weil die Schließung der hannoverschen Entwicklung Technicolor bevorsteht.

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Die Bindung an den Arbeitgeber hält bis heute: Bei vielen früheren Angestellten von Telefunken bildet die Betriebsrente weit mehr als ein Drittel der gesamten Altersversorgung.

Quelle: Historisches Museum Hannover

Hannover. Einmal im Jahr, da gehen sie auf Zeitreise. Zurück in die Ära der „Operette 50“ oder des „Palcolor 708“ - Radio- und Fernsehgeräte, die für das deutsche Wirtschaftswunder stehen. Dann tauschen sie Geschichten aus einer Zeit aus, in der deutsche Unternehmen die Schrittmacher der Unterhaltungselektronik-Industrie bildeten. Beim gemeinsamen Essen bilden sich schnell die Grüppchen von damals - hier die Entwickler, dort die Vertriebler, da „die Herren aus dem Werk“.

Telefunker unter sich

Die einstigen Führungskräfte des hannoverschen Telefunken-Konzerns treffen sich bis heute einmal im Jahr. Die Bindung an ihren Arbeitgeber, für den sie meist jahrzehntelang tätig waren, hält noch immer. Und der Stolz über die Arbeit von einst. „Telefunker zu sein“, sagt Peter Radike, „das war ja mal was.“

Der 67-Jährige organisiert die Zusammenkünfte. Die Zahl der infrage kommenden Personen wird zwar immer kleiner, aber 70 bis 80 Ex-Manager haben sich in Hannover noch immer eingefunden. Das nächste Treffen ist für März geplant. Wie es aussieht, werden die Ruheständler diesmal auch Aktuelles zu besprechen haben. Die Sorge um die Zukunft ihrer Betriebsrenten treibt sie um. Und mit ihnen noch gut 5500 weitere Telefunker, deren Lebensabend durch eine betriebliche Altersversorgung versüßt wird, die auch noch aus einer anderen Zeit stammt.

Gute Betriebsrente

„Das sind Renten, von denen träumen die Leute heute“, sagt ein Gewerkschafter. 400 Euro im Monat für einen Beschäftigten aus der Produktion, 1000 Euro für einen Abteilungsleiter: Das sind nur Durchschnittswerte, die Bandbreite ist noch weit größer. Bei vielen früheren Telefunken-Angestellten bildet die Betriebsrente weit mehr als ein Drittel der gesamten Altersversorgung. „Darauf hat man seinen Lebensabend ausgerichtet“, sagt Radike.

Technicolor schließt die letzte Abteilung, die vom einst großen Technikkonzern Telefunken in Hannover übrig geblieben ist.

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Was die Ruheständler hat aufhorchen lassen, ist die geplante Schließung der hannoverschen Entwicklung von Technicolor, einem Medien- und Elektronikdienstleister. Der Konzern ist aus dem einstigen französischen Staatsunternehmen Thomson hervorgegangen, das Telefunken 1983 übernommen hatte - mitsamt der üppigen Betriebsrenten-Regelungen. Sie stammt noch aus der Zeit, als der hannoversche Fernsehspezialist gemeinsam mit der AEG einen Großkonzern für „weiße“ und „braune“ Ware bildete - also Haushaltsgeräte und Unterhaltungselektronik vereinte.

Nach dem Zerfall dieses Riesen griff sich Thomson zwar Telefunken, den Siegeszug der asiatischen Konkurrenz in der Unterhaltungselektronik konnten aber auch die Franzosen nicht aufhalten. So reihte sich ein Jobabbau-Programm ans andere - mit dem Höhepunkt im Jahr 1997, als die Fernsehgeräteproduktion in Celle schließen musste, die einst Tausende Beschäftigte hatte. Heute zählt die Technicolor-Tochter „Deutsche Thomson OHG“ mit Sitz am hannoverschen Weidetorkreisel gerade noch 90 Mitarbeiter. Das Gros arbeitet als Entwickler den Franzosen zu, andere sind mit der Verwaltung von Patenten beschäftigt, wieder andere kümmern sich um die Betriebsrentner.

Konzern schweigt sich zu Schließungsplänen aus

Obwohl die Beschäftigten bereits zu Jahresbeginn von den Schließungsplänen erfahren haben, schweigt sich der Konzern dazu öffentlich aus. Selbst ein gemeinsamer Brief von Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies und Regionspräsident Hauke Jagau, in dem die SPD-Politiker Konzernchef Fred Rose zum Umdenken auffordern, hat bislang keine Wirkung gezeigt. „Die langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens haben einen respektvollen Umgang verdient“, schreiben Lies und Jagau. Mit der IG Metall wird die Deutsche Thomson nun in die tarifliche Einigungsstelle gehen, um über Interessensausgleich und Sozialplan zu verhandeln. „Da soll der Arbeitgeber endlich einmal darlegen, was er wirklich plant“, fordert ein Gewerkschaftssprecher.

Auch die Betriebsrentner tappen im Dunkeln. Unter vorgehaltener Hand heißt es zwar, Technicolor werde am bestehenden System nichts ändern und auch eine kleine Mannschaft zur Bedienung der Rentenansprüche in Hannover belassen. Aber öffentlich gibt es dazu kein Wort. Rentner Radike hat eine Personalmanagerin des Konzerns bereits zum Ehemaligentreffen im März eingeladen - bislang vergebens. „Es ist höchst ärgerlich, dass der Konzern nicht Manns genug ist, hier für Klarheit zu sorgen“, sagt der 67-Jährige. Schließlich gebe es „erhebliche Ängste und Sorgen“ unter den Ruheständlern.

Pensionslasten von früher sind den Franzosen lästig

Klar ist: Die Pensionslasten aus den goldenen Zeiten der deutschen Unterhaltungselektronik sind den Franzosen heute nur noch lästig. Noch mehr als 30 Jahre nach der Telefunken-Übernahme muss der Mutterkonzern jährlich 10 Millionen Euro an die deutsche Tochter überweisen, um sie über Wasser zu halten. Denn allein wäre das kleine Unternehmen längst am Ende. Das Eigenkapital ist faktisch aufgezehrt, die Pensionsrückstellungen - zuletzt 212 Millionen Euro - machen 93 Prozent der Bilanzsumme aus. 2014 erwirtschaftete die Deutsche Thomson 15,3 Millionen Euro Umsatz, zahlte aber gleichzeitig 18,4 Millionen Euro für Löhne und Betriebsrenten. Und die Last wird noch steigen - nicht nur, weil das Betriebsrenten-Programm bis heute läuft und immer noch Menschen Anwartschaften erwerben. Hinzu kommen die Minizinsen an den Kapitalmärkten. Sie zwingen derzeit alle Konzerne, Jahr für Jahr ihre Pensionsrückstellungen zu erhöhen.

Die Betriebsrente
ist sicher

Für Millionen Menschen in Deutschland ist die Betriebsrente ein wichtiger Pfeiler der Altersversorgung. Während ihrer Zeit als Beschäftigte hat ihr Arbeitgeber entsprechende Beiträge eingezahlt, die mit dem Renteneintritt wieder abgerufen werden. Mitunter haben auch die Arbeitnehmer selbst eingezahlt. Die Arbeitgeber bilden dafür entsprechende Rückstellungen oder schaffen sich – was vor allem bei großen Konzernen beliebt ist – eigene Pensionsfonds. Letztere haben den Vorteil, dass sie das Geld für sich arbeiten lassen können. Sie investieren es am Kapitalmarkt oder in andere Anlageformen wie etwa Immobilien.

Angst um ihre Betriebsrenten müssen die Deutschen im Normalfall nicht haben. Selbst im Falle einer Insolvenz ihres aktuellen oder früheren Arbeitgebers verfallen die Ansprüche nicht. Dafür sorgt der Pensions-Sicherungs-Verein auf Gegenseitigkeit (PSV), der gesetzlich bestimmte Träger der Insolvenzsicherung. Bei ihm müssen alle Unternehmen mit Betriebsrenten Mitglied sein – derzeit sind das gut 94 000. Unter dem Insolvenzschutz des PSV stehen insgesamt gut elf Millionen Versorgungsberechtigte, davon 4,1 Millionen Betriebsrenter. Abgesichert sind Versorgungsverpflichtungen im Gesamtvolumen von 320 Milliarden Euro.

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Technicolor zieht sich zurück
Frühere Telefunken-Produktion in Celle: Eine Kapazität von einer Million TV-Geräten, als die Schließung verkündet wurde.  Foto: Wilde/Archiv

Einst hatte Telefunken in Hannover und Celle Tausende Beschäftigte. Doch der Strukturwandel in der Unterhaltungselektronik hat zu einem schnellen Niedergang des Traditionsunternehmens geführt. Nun schließt Technicolor – so heißt Thomson inzwischen – den letzten operativen Standort in Hannover.

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