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Göttinger EEV Windige Geschäfte

Hohe Renditen und ein gutes Gewissen stehen bei Anlegern hoch im Kurs – wie Geschäftemacher das ausnutzen, zeigt das Beispiel der Göttinger EEV AG: 2000 Investoren haben den großen Versprechungen vertraut und bangen nun um rund 25 Millionen Euro.

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Quelle: rtr

Göttingen. Ein ungarischer Banker, ein Harzer Forstwirt, ein Wiener Steuerberater, ein Göttinger Anwalt sowie ein Mann aus dem Nirgendwo warten auf Post von der Staatsanwaltschaft Braunschweig. Nach der Pleite der EEV Erneuerbare Energie AG könne es eine Frage von Tagen sein, bis die Behörde ihre Anklageschrift verschicke, sagt einer der Beteiligten. Das Quintett steht im Verdacht, mehr als 2000 Anleger um mehr als 25 Millionen Euro gebracht zu haben. Dafür drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Als im Frühjahr 2012 in einer Oldenburger Rechtsanwaltskanzlei zwei Männer glänzende Augen bekommen, sind solche Sorgen noch fern. Günter Eisenhauer ist ein ostfriesischer Selfmademan: Bereits zu Beginn der Neunziger Jahre hat der gelernte Krankenpfleger in der Nähe von Aurich seinen ersten Windpark errichtet und seither immer größere Räder gedreht. Über Rolf Hinrichs weiß auch er zu diesem Zeitpunkt eher wenig: Der bullige Geldeintreiber hinterlässt nur ungern Spuren. Aber seine geschäftlichen Verbindungen nach Wien sollen sehr gut sein – und das ist für Eisenhauer nicht ganz unwichtig.

So entstand die Idee für EEV

Denn dort hat auch dessen Holding Etanax ihren Sitz. Der Unternehmer ist mit dem Baukonzern Strabag verbandelt: Die Österreicher haben sich bei einer seiner Gesellschaften eingekauft, um gemeinsam Offshore-Windparks zu entwickeln. Auf Claims für weitere geplante Parks ist Eisenhauer jedoch sitzengeblieben: Sie liegen mitten in einem Übungsgebiet der Bundesmarine – und haben deswegen nur geringe Chancen auf eine Genehmigung.

Die Insolvenz eines Konkurrenten hat die beiden Männer an einen Tisch gebracht. Eisenhauer ist über den Windparkentwickler N.prior günstig an ein Biomassekraftwerk in Papenburg gekommen; Hinrichs sollte für das Pleite-Unternehmen noch in letzter Minute frisches Geld beschaffen – über die Ausgabe von Genussrechten. Diese Zwitter zwischen Aktie und Anleihe sind bei Firmen am grauen Kapitalmarkt beliebt, weil sie den Anlegern keine Mitsprache einräumen.

So entsteht in der Oldenburger Kanzlei eine Geschäftsidee: Wie wäre es, wenn man Eisenhauers Kraftwerk und einen seiner schlecht verkäuflichen Windpark-Claims zu einem Paket zusammenschnürt, dieses teuer an eine scheinbar unabhängige Firma verkauft und Hinrichs dann in deren Namen Anleger zur Finanzierung des Deals ins Boot holt? Es ist die Geburtsstunde der EEV AG.

Der Umweg über Österreich

Dann geht alles sehr schnell. Schon Anfang Juni 2012 streckt Eisenhauers Etanax Hinrichs und dessen Geschäftspartner Peter Bernhart, einem Steuerberater, eine Million Euro vor: Damit sollen die beiden zwei Aktiengesellschaften gründen – eine „Mutter AG“ in Wien und eine „Tochter AG“ in Deutschland. Eisenhauer ist auf Distanz bedacht: Offiziell will er mit seiner Schöpfung nichts zu tun haben. In Mails seiner Anwälte ist von einer „Entgiftung“ die Rede.

Auch deshalb bietet sich der Umweg über Österreich an: Dort lassen sich die Eigentumsverhältnisse bei der Muttergesellschaft verschleiern. Dafür gab es offenbar gute Gründe, denn die EEV erwirbt die Assets von Eisenhauer zu ungewöhnlichen Bedingungen: Für das Kraftwerk will man 15 Millionen Euro bezahlen, obwohl der Verkehrswert nach Einschätzung von Experten deutlich darunter liegt. Für den Erwerb der Windparkgesellschaft Skua werden 11,5 Millionen Euro fällig – dabei ist im Kaufvertrag der hartnäckige Widerstand der Bundeswehr ausdrücklich vermerkt. Dennoch verzichtet die EEV auf ein unabhängiges Wertgutachten. Das Geld müssen Hinrichs & Co. zügig beschaffen; bis Ende Mai 2013 soll die letzte Rate bezahlt sein.

Die Anleger ahnen von diesen Umständen nichts – im Wertpapierprospekt schürt die EEV stattdessen enorme Erwartungen: Bis 2015 soll der Umsatz von Null auf 50 Millionen Euro steigen, als Gewinn werden 23 Millionen Euro in Aussicht gestellt – eine Rendite von fast 50 Prozent. Und das auch noch ohne Risiko: „Ihre Zinsen: gesichert durch die staatliche Strom-Abnahmegarantie!“, heißt es in Werbeanzeigen.

Etanax verdient viel Geld

Doch die Chancen sind sehr ungleich verteilt. Wer sein Geld bei der EEV investiert, erwirbt Genussrechte, die frühestens nach fünf Jahren kündbar sind. Später kommen noch Nachrang-Darlehen dazu. Im besten Fall erreicht die Verzinsung neun Prozent – im schlimmsten Fall droht den Anlegern der Totalverlust der Einlage.

Eisenhauers Etanax hingegen bringt der Deal entweder viel Geld – oder ganz viel Geld. Für das Kraftwerk allein ist die Marge schon beträchtlich, hinzu kommen Zahlungen für diverse Dienstleistungen. Ungleich höhere Profite winken, wenn die EEV wider Erwarten eine Genehmigung für Skua bekommt: Eisenhauer könnte dann, so die Hoffnung, seine anderen Windpark-Claims im gleichen Seegebiet auf eigene Rechnung für hunderte Millionen Euro verkaufen. Für den Fall einer EEV-Pleite ist die Etanax bestens abgesichert: Sie kann die Einnahmen aus dem Kraftwerk pfänden und mittels einer Grundschuld eine Zwangsversteigerung einleiten. 

Die EEV tut sich von Anfang an schwer: Weil die neu gegründete Gesellschaft keiner kennt, sind die Anleger zugeknöpft – es kommen zunächst nur Kleckerbeträge herein. Gleich mehrmals muss die EEV Eisenhauers Etanax um eine „Anpassung der Fälligkeiten“ bitten; mit den Verzugszinsen wächst der Schuldenberg – und die Verzweiflung in der Göttinger Zentrale.

Der Vertrieb sitzt in Göttingen

Die Uni-Stadt hat die EEV als Firmensitz gewählt, weil die Vertriebsmannschaft schon dort ist. Ein Teil kommt von der insolventen Göttinger Gruppe, die Anleger um Milliarden gebracht hat – andere waren beim Drücker-König Mehmet Göker, der heute per Haftbefehl gesucht wird, weil er Versicherungen um Millionen betrogen haben soll. Hinter den Kulissen zieht Prof. Klaus Bröker mit an den Fäden – der Vorsitzende des Fachanwaltsausschusses für Bank- und Kapitalmarktrecht der Rechtsanwaltskammer Braunschweig ist in die Formulierung des Wertpapierprospekts involviert.

Den EEV-Verkäufern fehlt es an nichts: Zum Grundgehalt von 1000 Euro kommen hohe Provisionen. „Die Spitzenverdiener haben locker mehr als 10 000 Euro im Monat gemacht“, berichtet ein Beteiligter. „Das war wie im Schlaraffenland.“ Weil aber dennoch zu wenig Geld hereinkommt, ändert sich der Ton. Hinrichs morgendlicher Appell gewinnt an Schärfe. „Der Mann stand brutal unter Druck“, sagt ein früherer Mitarbeiter. „Und den hat er brutal weitergegeben“. Ein Mitarbeiter erstattet Anzeige wegen Körperverletzung.

Dass Hinrichs bei der EEV das Sagen hat, ist dort jedem klar – nach außen tritt der 49-Jährige nur als „Berater“ auf. Laut seinem Anwalt ist er seit 2012 „Angestellter bei der EEV AG Göttingen“. Als Vorstand führt offiziell Anthony Fekete die Geschäfte; ohne das Plazet des heimlichen Herrschers im Hintergrund dürfe der ehemalige Banker aber fast nichts unterschreiben, heißt es. Als er es einmal versucht und Hinrichs Hausverbot erteilt, ignoriert dieser das Schreiben – Fekete wird bald ersetzt. An seine Stelle tritt ein harmloser Forstwirt aus dem Harz.

Eisenhauer stirbt bei einem Flugzeugunglück

Die akute Cash-Krise aber löst diese Rochade nicht. Als die Staatsanwaltschaft im Herbst 2014 Ermittlungen wegen Betrugsverdachts bestätigt, kann die EEV ihre Verkäufer nach Hause schicken. Eine Pleite aber will man um jeden Preis vermeiden: Solange die Anleger ihr Geld formal noch nicht verloren haben, sind mögliche Straftaten schwerer nachzuweisen.

Die Anleger erfahren von diesen Vorgängen nichts. Auch dass Hinrichs und Bernhart ihre EEV-Aktien später an eine Schweizer Briefkastenfirma verkaufen und die Etanax im Mai 2015 die Zwangsversteigerung für das Kraftwerk beantragt, bleibt ihnen verborgen – gleiches gilt für die Aufgabe des Göttinger Firmensitzes. Ende Juni teilt die EEV ohne Vorwarnung mit, dass die Genussrechteinhaber „nach aller Wahrscheinlichkeit“ keine Zinsen mehr bekommen. Ende November folgt der Insolvenzantrag. Nun fürchten die führenden Kräfte bei der EEV Post von der Staatsanwaltschaft – und die Anleger den Totalverlust. Zu den Ermittlungen äußeren wollen sie sich auf Anfrage nicht.

Günter Eisenhauer kann es nicht mehr: Er ist am 10. September mit seinem Privatflugzeug tödlich verunglückt.

„Die Burschen sollen in den Knast kommen“

Dieter Wünsch hat früher als Ingenieur an der Sicherheitstechnik für Großkraftwerke getüftelt – vielleicht springt der 76-Jährige auch deshalb auf die Werbung der EEV AG an. 200 000 Euro liegen auf seinem Konto, er will es für seine Tochter sicher anlegen. Der Rentner aus der Nähe von Karlsruhe ärgert sich über die niedrigen Zinsen, er scheut aber auch das Risiko: „Zu Aktien hatte ich kein Vertrauen.“ Das Angebot aus Göttingen hingegen klingt für ihn „schlüssig und seriös“.

Die EEV-Verkäufer nehmen sofort Witterung auf. Im November 2013 besuchen sie Wünsch erst zu Hause – und lassen ihn Genussrechte für 100 000 Euro zeichnen. Als der Anleger später in einer Klinik liegt, reist ein „Berater“ eigens ans Krankenbett – Wünsch schießt noch einmal 100 000 Euro nach. Doch das reicht dem Verkäufer nicht.  Da die EEV Investoren zu dieser Zeit eine „Werbekostenpauschale“ von 3500 Euro auszahlt, fordert er die Hälfte davon für sich – für seinen „besonderen Aufwand“. Wünsch drückt ihm das Geld bar in die Hand.

Ursprünglich wollte die EEV bei den Anlegern 38 Millionen Euro einsammeln, insgesamt kommen aber nur rund 26 Millionen Euro zusammen – das entspräche in etwa dem Kaufpreis für das Kraftwerk (EEV BioEnergie GmbH & Co. KG) und die Windparkgesellschaft OWP Skua GmbH. Der Verkäufer Etanax Holding hat nach eigenen Angaben bis heute nur rund neun Millionen Euro als Kaufpreis erhalten sowie knapp vier Millionen Euro an Zinsen. Laut des vorläufigen Insolvenzverwalters Stefan Denkhaus schuldet die EEV AG der Etanax aktuell noch rund 18 Millionen Euro. Eigentümerin der Etanax ist die Ankaja Beteiligungs GmbH, die sich im Eigentum der drei Kinder Eisenhauers befindet, Geschäftsführerin ist seine Witwe Heike.

Für die 2000 Anleger der EEV, die in Genussrechte und Nachrangdarlehen investiert haben, sieht es schlecht aus. Denkhaus hat wenig Hoffnung, dass bei der von der Etanax eingeleiteten Versteigerung des Kraftwerkes „Erträge in die EEV AG hochgespült werden“. Geld könnte dann nur noch der Verkauf von Skua bringen – über den Wert dieser Gesellschaft habe er sich noch kein Bild gemacht, sagt Denkhaus. Damit ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Anleger bei der EEV-Insolvenz später leer ausgehen.

Wünsch hat schon länger die Erwartung aufgegeben, sein Geld noch retten zu können – aber eine Hoffnung hegt er noch: „Die Burschen, die dafür verantwortlich sind, sollen in den Knast kommen!“ jen

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