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Haben Tuifly-Kunden Anspruch auf Entschädigung?

Gerichtsverfahren Haben Tuifly-Kunden Anspruch auf Entschädigung?

Für Tausende Tuifly-Reisende fiel 2016 der Herbsturlaub aus. Rund eine Woche lang flog ein Großteil der Maschinen nicht, weil sich Besatzungen krank meldeten. Haben die Urlauber nun Anspruch auf Entschädigung? Dazu laufen derzeit mehrere Gerichtsverfahren, ein Urteil wird Mittwoch erwartet. 

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Beschäftigte von Tui hatten im Oktober gegen Fusionspläne protestiert.

Quelle: dpa/Archiv

Hannover. Nach Hunderten Flugausfällen im Herbst treffen sich der Ferienflieger Tuifly und seine Kunden jetzt vor Gericht. An diesem Dienstag verhandelt das Amtsgericht Hannover über einige der ersten Fälle. Kunden fordern Entschädigungszahlungen nach dem EU-Fluggastrecht. Tuifly lehnt das ab. Hintergrund ist der Verdacht eines wilden Streiks von Piloten und Flugbegleitern. Besatzungen von Tuifly hatten sich reihenweise krankgemeldet, nachdem Pläne für ein Bündnis mit der Touristiksparte von Air Berlin und der arabischen Fluglinie Etihad bekanntgeworden waren.

Die Richterin Catharina Erps deutete in dem Prozess am Dienstag an, dass die Klage einer Familie aus Celle und eines Ehepaars aus Bergisch Gladbach durchaus Aussichten auf Erfolg hat, weil Tuifly nicht konkret genug dargelegt habe, warum die Flüge im Herbst 2016 tatsächlich ausgefallen sind. Sie drückte außerdem die Überzeugung aus, dass die Parteien wohl nächsthöhere Instanzen anrufen würden.

Dieser Ansicht schloss sich auch der Anwalt eines Paares aus Nordrhein-Westfalen an. Er sprach von einem Präzedenzfall und kündigte am Rande des Verfahrens an, notfalls vor den Europäischen Gerichtshof zu ziehen. Ein endgültiger Beschluss könne sich somit bis zu zwei Jahre hinziehen. Seine Mandanten hatten im vergangenen Herbst auf dem Rückflug von Kos nach Düsseldorf eine mehr als dreistündige Verspätung und machen nach der Europäischen Fluggastrechteverordnung daher eine Entschädigung von 400 Euro pro Person geltend.

Auf die gleiche Verordnung beruft sich eine fünfköpfige Familie aus Celle, deren Flug bei der Ankunft in Düsseldorf komplett gestrichen worden war. Sie fordert die gleiche Summe pro Person. Hintergrund: Im Herbst 2016 flog fast eine Woche lang ein Großteil der Tuifly-Jets nicht, weil sich die Crews massenhaft krank meldeten. Zuvor waren Job-Ängste durch die Nachricht genährt worden, dass Tuifly mit der österreichischen Air-Berlin-Tochter Niki in eine Holding unter Führung der Etihad integriert werden soll. Tui musste insgesamt rund 3000 Reiseverträge kündigen. Viele Betroffene reichten daraufhin Klage ein, allein in Hannover sind hunderte Zivilverfahren anhängig.

Eine erste Klage von Kunden gegen Tuifly war am 9. Februar am Amtsgericht Hannover abgewiesen worden. Nach Angaben des Anwalts von Tuifly soll es auch eine Entscheidung des Amtsgerichts Nürtingen geben, die ebenfalls abschlägig beschieden wurde. 

Krankheitswelle bei Tuifly - was war da los?

Am 7. Oktober 2016 musste Tuifly den Betrieb wegen massenhafter Krankmeldungen der Besatzungen fast komplett einstellen. Auch an den Tagen davor und danach gab es bis 9. Oktober viele Flugausfälle. Auch Air Berlin war betroffen. Denn 14 Tuifly-Jets samt Personal sind seit Jahren im Streckennetz der Berliner eingeplant - und blieben an diesen Tagen ebenfalls am Boden. Wie viele Kunden insgesamt strandeten, ist von Tuifly nicht zu erfahren. Für den heftigsten Tag, den 7. Oktober, hatte die Tochtergesellschaft des Reisekonzerns Tui von 9700 betroffenen Fluggästen berichtet.

Wegen zahlreicher Krankmeldungen streicht die Fluggesellschaft Tuifly am Freitag, 7. Oktober 2016, alle Flüge. Kunden mussten bereits in den vergangenen Tagen lange an Flughäfen ausharren. 

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Was ist jetzt vor Gericht in Hannover zu erwarten?

Am Amtsgericht Hannover sind aktuell 629 Zivilklagen auf Entschädigung nach Flugausfällen auf Grundlage der Fluggastrechteverordnung anhängig. Die Menschen wollen eine finanzielle Entschädigung und nicht nur den reinen Ticketpreis erstattet bekommen. Noch einmal  um die 70 Verfahren beschäftigen sich mit Klagen wegen entgangener Urlaubsfreuden. Die Zahl der Verfahren steigt immer noch.

Die Verhandlungen am Dienstag sind mit die ersten in der Sache. Tuifly-Sprecher Jan Hillrichs will keine Angaben dazu machen, mit wie vielen Verfahren das Unternehmen deswegen bundesweit zu tun hat. Neben der Klage in Hannover - dem Sitz des Unternehmens Tuifly - können Reisende auch am Abflugort klagen.

Lenkt Tuifly im Streit um die Entschädigungen ein?

Bisher nicht. Das Unternehmen beruft sich nach Gerichtsangaben darauf, dass die hohe Zahl an Krankmeldungen ein wilder Streik gewesen sei. Entschädigungen lehnt das Unternehmen ab und argumentiert damit, dass die massenhaften Krankmeldungen ein außergewöhnlicher Umstand im Sinne höherer Gewalt gewesen seien. Nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs sind Fluglinien bei einem Streik von Entschädigungszahlungen befreit. Reiserechtler sahen bereits im Oktober die Airline in der Pflicht. Eine Krankheitswelle sei Sache der Fluggesellschaft - außer, sie könne nachweisen, dass es sich dabei um einen "wilden Streik" handle, sagte Reiserechtler Ronald Schmid vom Fluggastportal Fairplane.

Mitarbeiter von Tuifly und ihre Angehörigen haben am Mittwochnachmittag vor der Konzernzentrale gegen die Umbaupläne für den Ferienflieger des weltgrößten Reisekonzerns Tui demonstriert. 

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Gibt es ein Entgegenkommen hinter den Kulissen?

Dazu gibt es widersprüchliche Aussagen. Während die Kommunikationsabteilungen von Tui und Tuifly die abwehrende Linie vertreten, sagte Tui-Konzernchef Fritz Joussen im Dezember: "Natürlich werden die Passagiere gemäß den gesetzlichen Vorgaben entschädigt." Was das genau bedeutet, blieb aber offen. Wie die Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX aus dem Veranstalterbetrieb der Tui erfuhr, soll das Unternehmen betroffenen Kunden solche Entschädigungen im Herbst durchaus schon gewährt haben. Vom Konzern gab es dafür aber bisher keine Bestätigung.

Wer hat die besseren Karten, die Reisenden oder das Unternehmen?

Wie die Richter entscheiden, ist völlig offen. Reiserechtler glauben, dass Tui eher schlechte Karten hat, Ausgleichszahlungen nach der EU-Fluggastrechteverordnung zu verweigern. Bei einer über dreistündigen Flugverspätung haben Reisende je nach Flugstrecke Anspruch auf eine Entschädigung von 250 bis 600 Euro, wenn die Fluggesellschaft die Verzögerung zu verantworten hat. Wer gar nicht fliegen kann, obwohl er pünktlich am Abfertigungsschalter war, hat Anspruch auf eine Entschädigung von bis zu 600 Euro.

Wann ist mit einer endgültigen Entscheidung zu rechnen, ob die betroffenen Urlauber entschädigt werden?

Das kann noch dauern. Gegen die Entscheidungen eines Amtsgerichtes in erster Instanz kann die unterlegene Partei Berufung einlegen, wenn der Streitwert höher als 600 Euro ist. Da vergleichsweise wenige Menschen allein in Urlaub fliegen, dürfte diese Summe in einem Großteil der Fälle überschritten sein. Wie teuer könnte die Angelegenheit für Tuifly werden? Würde das Unternehmen die Betroffenen entschädigen, käme nach Einschätzung von Reiserechtlern schnell eine Millionensumme zusammen. Erhielte etwa jeder der 9700 Fluggäste vom 7. Oktober die für Verspätungen bei kurzen Flügen geltenden 250 Euro, hätte Tuifly bereits mehr als 2,4 Millionen Euro zu zahlen.

dpa/miz

Die Chronik der Tuifly-Flugausfälle

Ende September 2016 : Die kriselnde Fluglinie Air Berlin gibt bekannt, dass sie bis zu 1200 Mitarbeiter entlassen und einen Teil ihrer Flotte an die Lufthansa abgeben will.

30. September: Der Ferienflieger Tuifly soll offenbar einen neuen Mehrheitseigentümer bekommen: Etihad. Der Mutterkonzern Tui will seine Chartergesellschaft in einen Verbund mit Air Berlin einbringen. Die Tuifly-Mitarbeiter haben Bedenken, dass mit der Gründung einer neuen Gesellschaft in Österreich ihre Tarifverträge nicht mehr gültig sind und Personal abgebaut werden soll. 

3. Oktober : Zum Start der Herbstferien in Niedersachsen fallen die ersten Tuifly-Flüge aus, weil sich Personal krank meldet.

4. Oktober : Weitere Flugausfälle bei Tuifly und Air Berlin.

5. Oktober : Air Berlin verhandelt mit Großaktionär Etihad und der Tui über eine Zusammenlegung des Air-Berlin-Touristik-Geschäfts in einem neuen Verbund. Es kommt zu einer spontanen Versammlung der Mitarbeiter vor dem Tuifly-Sitz in Langenhagen. An dem Tag fliegen die meisten Maschinen flugplangemäß.

6. Oktober : Massive Flugausfälle: Keine einzige Tuifly-Maschine hebt ab, weil sich das Personal massenhaft krank gemeldet hat. Air Berlin kann nur 30 von 90 Flügen durchführen.

7. Oktober : Tuifly hat für den Tag selbst alle Flüge abgesagt, hat allerdings zehn andere Maschinen gechartert, um Fluggäste nach dem Urlaub wieder nach Deutschland zu fliegen. Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies zitiert alle Beteiligten an einen Runden Tisch. Daraufhin sagt das Unternehmen den Mitarbeitern zu, dass die neue Gesellschaft, in der Tuifly aufgehen soll, für mindestens drei Jahre ihren Sitz in Hannover haben soll und die Verträge der Tuifly-Mitarbeiter bestehen bleiben.

8. Oktober : Weil nach den Flugausfällen der vergangenen Tage viele Flugzeuge nicht an den Orten sind, wo sie sein sollen, gibt es weitere Flugausfälle. Tuifly chartet erneut andere Maschinen, um Urlauber nach Deutschland zurückzubringen.

9. Oktober : An dem Sonntag läuft der Flugbetrieb bei Tuifly wieder weitgehend normal.

sbü

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